Erik Peterson-Symposion 2000 in Mainz
Einführung von Barbara Nichtweiß
zur Dokumentation des Symposions
"Vom
Ende der Zeit", Lit Verlag 2001
"Nicht aus ‚der Geschichte‘, aus ‚unserer Geschichte‘ heraus werden wir gerufen, gerechtfertigt und verherrlicht, sondern allein von dem Christus aus, mit dem ein neuer Äon begonnen hat."
Erik Peterson, Der Brief an die Römer
Im Umkreis der Jahrtausendwende wurden die Rätsel der Zeit und das Phänomen der Geschichte verstärkt in den Mittelpunkt der Reflexion gerückt, apokalyptische Erwartungen und Befürchtungen von verschiedener Warte aus öffentlich diskutiert. Die Kirchen feierten das Jahr 2000 weltweit als Christus-Jubiläum. Fragen nach der Zukunft des Glaubens, der Einheit der Christen und dem weiteren Schicksal der Menschheit begleiteten den Eintritt in ein neues Jahrtausend.
Erik Peterson (1890-1960) gehört zu den Theologen, die sich besonders intensiv mit dem Verhältnis von Geschichte und christlicher Offenbarung beschäftigt haben. Diese Auseinandersetzung bestimmte alle Ebenen seines Lebens und Denkens: Versuche einer naiven Identifizierung von Fortschritt und christlicher Hoffnung wurden ihm als Zeitzeugen zweier Weltkriege und katastrophaler Aufgipfelungen politischer Ideologien jeweils sehr unmittelbar suspekt. Die Entdeckung des apokalyptischen Charakters der biblischen Offenbarung traf ihn mit unverbrauchter Kraft. Als Historiker blieb er der Geschichte gleichwohl in methodisch reflektierter Erforschung verpflichtet. Als Konvertit und Emigrant in Rom kannte er verschiedene konfessionelle Beheimatungen des europäischen Geistes von innen und blieb doch auf denkwürdige Weise eine "Randgestalt in diesem Äon" (Karl Barth).
Insofern lag es nahe, in der Katholischen Akademie des Bistums Mainz "Erbacher Hof" im Jahr 2000 (31. März bis 2. April) eine ökumenische Fachtagung zu veranstalten, die unter dem Thema "Vom Ende der Zeit" Geschichtstheologie und Eschatologie Erik Petersons in den Mittelpunkt der Überlegungen verschiedener historischer und theologischer Disziplinen stellte. Es war insgesamt die zweite Fachtagung in Deutschland, die sich ausschließlich mit dem Denken dieses Theologen beschäftigte: Die erste hatte ein Jahrzehnt zuvor 1990 in der Katholischen Akademie Wiesbaden-Naurod anlässlich des 100. Geburtstags Petersons stattgefunden; Beiträge dieser Tagung von Hans Maier, Peter Koslowski, Werner Löser und mir selbst wurden 1991/92 an verschiedenen Orten publiziert (vgl. Bibliographie ). Die Mainzer Tagung bot zugleich Gelegenheit, das Bemühen um eine Wiederentdeckung, Publizierung und Fruchtbarmachung der Schriften Petersons in dem unmittelbar zurückliegenden Jahrzehnt zu reflektieren und sich gemeinsam über zukünftige Wege auszutauschen.
Schon die Wiesbadener Tagung 1990 hatte im Licht der Erforschung und ersten Auswertung des umfangreichen Nachlasses Erik Petersons in der Universität von Turin (Biblioteca Erik Peterson) gestanden. Zwei Jahre später wurden die reichhaltigen neuen Einsichten und Bezüge in einer umfangreichen Dissertation veröffentlicht, und 1994 konstituierte sich ein Wissenschaftlicher Beirat (Bernard Andreae, Ferdinand Hahn, Karl Lehmann, Werner Löser, Hans Maier), um in Zusammenarbeit mit der Herausgeberin und dem Verlag Echter (Würzburg) das Unternehmen einer auf 12 Bände konzipierten Ausgabe Ausgewählter Schriften herauszubringen. Zunächst erschienen in durchgesehener und zum Teil erweiterter Form Neuausgaben der beiden Sammelbände mit theologischen Traktaten und Schriften Erik Petersons, die beide seit langem vergriffen waren (Theologische Traktate 1950/1994; Marginalien zur Theologie 1956/1995), dann 1997 mit "Der Brief an die Römer" die erste Nachlass-Edition eines der großen Vorlesungsmanuskripte des damals noch an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Bonn wirkenden Gelehrten.
Diese und andere neuen Publikationen von Schriften Erik Petersons sowie diverse begleitende Untersuchungen – die auch in Italien, Frankreich und Spanien ein Echo in Neuausgaben einzelner Traktate und Schriften fanden – wurden in Fachzeitschriften, aber auch Tageszeitungen und in der kirchlichen Presse im In- und Ausland mit erfreulicher Aufmerksamkeit verfolgt. Dadurch wiederum ergaben sich viele Gelegenheiten, Erik Peterson im kirchlich-akademischen Bereich weiteren Kreisen vorzustellen – sei es in Einzelvorträgen, sei es im Zusammenhang größerer Symposien z.B. über Carl Schmitt (Wiesbaden-Naurod 1993; vgl. Bernd Wacker [Hg.], Die eigentlich katholische Verschärfung. Konfession, Theologie und Politik im Werk Carl Schmitts, München 1994) oder über eine "Theologie des Exils" (Mainz 1999; vgl. Wolf-Friedrich Schäufele / Markus Vinzent (Hg.), Theologen im Exil – Theologie des Exils (= Texts and Studies in the History of Theology 3), Mandelbachtal/Cambridge 2001).
In Theologischen Fakultäten und anderen Ausbildungsstätten fanden ein Reihe von Seminaren über Erik Peterson statt, woraus wiederum etliche studentische Haus- und Examensarbeiten sowie Dissertationen erwuchsen. Wenn sich für qualifizierte Fachstudien oder monographischen Arbeiten die Einblicknahme in einzelne noch unveröffentlichte Texte empfahl, wurde die Überlassung solcher Manuskripte seitens der Herausgeberin der Werkausgabe mit der Bitte um eine digitale Abschrift verbunden. Auf diese Weise konnten in den vergangenen Jahren erhebliche Vorarbeiten für die Weiterführung der Nachlassedition geleistet werden.
Zudem fanden sich mehrere kompetente Theologen der jüngeren Generation, die Bereitschaft zur redaktionellen Betreuung weiterer Nachlassbände signalisierten oder sich um neue Übersetzungen des Peterson-Werkes in Italien, Spanien und auch im angelsächsischen Raum verdient machen. So steht nicht nur eine von Giancarlo Caronello besorgte dreibändige italienische Ausgabe von "Opera selecta" vor der Veröffentlichung, auch in der schottischen Abtei Pluscarden hat sich ein Kreis gebildet, der eine Anthologie der Schriften Petersons für die angelsächsische Leserschaft vorbereitet. In Madrid wird von einer spanischen Theologin inzwischen eine Dissertation über die Eschatologie vor allem der bisher eher vernachlässigten späteren Schriften Erik Petersons vorbereitet.
Das Peterson-Symposion in Mainz diente so auch dem Zweck, diesen mittlerweile stark gewachsenen Kreis interessierter Theologen und Theologinnen, Historiker und Philosophen unterschiedlicher konfessioneller, fachlicher und nationaler Provenienz über mehrere Tage persönlich zusammenzubringen und einen gemeinsamen Überblick über die bisher erfolgte Rezeption, über bereits vorliegende Ergebnisse oder in Arbeit befindliche Projekte zu gewinnen.
Besondere Aufmerksamkeit galt dabei zum einen dem näheren Verständnis des ersten edierten Nachlassbandes "Der Brief an die Römer", zum anderen der Evaluierung mehrerer noch unveröffentlichter theologiegeschichtlicher und exegetischer Manuskripte im Blick auf eine partielle oder komplette Drucklegung (Vorlesung über die altchristliche Mystik, über Thomas von Aquin, über das Evangelium und die Offenbarung des Johannes sowie zum Teil auch über den 1. Korintherbrief). Hinzu kam die Frage nach der Bedeutung des Historikers und Religionsgeschichtlers Erik Peterson im Zusammenhang einer geplanten aktualisierten Neuauflage seiner Habilitationsschrift "Heis Theos" (1926). Die Tagung bot aber auch Gelegenheit, einige Schriften, die bisher nur am Rand der Aufmerksamkeit standen – wie die Analyse der "gegenwärtigen Entwicklungen in der Evangelischen Kirche" von 1933/34 – einmal gesondert in den Blick zu nehmen sowie in theologischer Hinsicht grundsätzliche Fragen zur Bewertung des längere Zeit tabuisierten Problems innerchristlicher Konversionen zu thematisieren.
Die Vorträge näherten sich so von unterschiedlichen Perspektiven dem systematischen Hauptthema der Tagung, dem Eschatologiebegriff Erik Petersons, der in zwei Vorträgen eigens behandelt wurde.
Der vorliegende Band umfasst alle bei der Tagung gehaltenen Vorträge; einige wurden von den Autoren für die Drucklegung leicht erweitert. Stark ausgearbeitet hingegen wurde der Beitrag über die Rezeption und Integration Erik Petersons in Italien: Ausgehend vom jeweiligen Erscheinungsort der sehr verstreuten italienischen Beiträge und Übersetzungen wird hier nicht nur erstmals in umfassender Weise und in vielen neuen Details das Schicksal des Konvertiten und programmatischen Einzelgängers Peterson im Exil greifbar, zugleich bietet dieser Beitrag auch ein Panorama der geistig und kirchenpolitisch bewegten Jahre zwischen Zweitem Weltkrieg und Zweitem Vatikanischem Konzil im kurialen Rom sowie im laikalen Katholizismus Italiens. Der ergänzende Beitrag zur Rezeption Petersons in Frankreich ist demgegenüber nur als erste Skizze zu verstehen.
Die Biografie Erik Petersons wurde dem Publikum beim Mainzer Symposion in Form eines Dia-Vortrags vor Augen gestellt, kommentiert durch Originalzitate aus Briefen und Notizen. Da es nicht möglich ist, diesen Dia-Beitrag im Rahmen des vorliegenden Bandes zu reproduzieren, kommt an dessen Stelle eine in anderem Kontext entstandene, inhaltlich entsprechende Skizze seines Lebens zu stehen, illustriert durch eine kleine Auswahl von Fotografien.
Zur Vorbereitung dieses weiten Themenfeldes der Tagung unter dem Dachthema der Eschatologie haben allen Referenten ausgewählte Textbeispiele aus dem noch unveröffentlichten Nachlass Erik Petersons zur Verfügung gestanden. Die Dringlichkeit einer Fortführung der Nachlass-Edition wurde dadurch nur um so deutlicher, ebenso jedoch auch die Herausforderungen, die mit der "Großbaustelle" dieses geistigen Erbes verbunden sind und die nur in internationalem Zusammenspiel, im Zusammenwirken verschiedener theologischer Disziplinen und in ökumenischer Offenheit werden bewältigt werden können.
So bleibt der große Dank an alle, die – ausnahmslos ehrenamtlich und nebenberuflich – an dieser Werkausgabe weiter mitzuwirken bereit sind und die zum Gelingen der außerordentlich dichten Werkstatt-Tagung in Mainz durch Vorträge und Diskussionsbeiträge, aber auch durch Predigt, Meditation und Orgelspiel bei Gottesdienst und Gebetszeiten beigetragen haben, sowie nicht zuletzt der Haus- und Studienleitung der Katholischen Akademie Erbacher Hof, besonders Herrn Dr. Peter Reifenberg, für die gewährte Gastfreundschaft und dem LIT-Verlag für die Bereitschaft zur Drucklegung der vorliegenden Dokumentation.
Mainz, im April 2001 Barbara Nichtweiß
Aus:
Barbara Nichtweiß (Hg.). Vom Ende der Zeit.
Geschichtstheologie und Eschatologie bei Erik Peterson. Symposion
Mainz 2000
(=
Religion-Geschichte-Gesellschaft. Fundamentaltheologische Studien
16), Münster / Hamburg / London 2001, 344 Seiten, 25.90 EUR, gb.,
Inhalt:
- Barbara Nichtweiß, Wanderungen am Ufer von
Welt und Zeit. Hinführung zu Leben und Werk Erik Petersons (mit 15
s/w Fotografien), 11-37
- Christoph Markschies, Heis Theos?
Religionsgeschichte und Christentum bei Erik Peterson, 38-74
- Ferdinand Hahn, Exegetische Methodik in
Erik Petersons Auslegung des Römerbriefs, 75-84
- Eduard Lohse,"Heilsgeschichte" im
Römerbrief. Zur Interpretation des Römerbriefs durch Erik
Peterson, 85-100
- Klaus Scholtissek, Zwischen Buchstabe und
Geist. Impulse der Johannesinterpretation Erik Petersons, 101-121
- Klaus Berger, Die Beiträge Erik Petersons
zur Erforschung der Offenbarung des Johannes, 122-136
- Thomas Ervens, "... Das Unglück ist nur,
dass es keine Theologen gibt". Anmerkungen zum Theologiebegriff in
der Thomas-Vorlesung, 137-148
- Stefan Dückers, Einigung im Modus der
Distanz. Erik Petersons Theorie der Mystik, 149-163
- Barbara Nichtweiß, Geist und Recht: Wie
konstituiert sich Kirche? Anstöße aus der Theologie Erik
Petersons,164-192
- Gabino Uríbarri, Der neue Äon bricht im
alten an. Zur Auffassung der eschatologischen Zeit bei Erik
Peterson, 194-216
- Kurt Anglet, Der eschatologische
Vorbehalt. Eine Denkfigur Erik Petersons, 217-239
- Hans Maier, Erik Peterson und der
Nationalsozialismus, 240-253
- Werner Löser, Inkulturation nicht um jeden
Preis! Erik Petersons Auseinandersetzungen mit der Deutschen
Evangelischen Kirche 1933, 254-264
- Barbara Nichtweiß "Imaginäres Vaterland".
Erste Skizze der Beziehungen Erik Petersons nach Frankreich (mit
einer Bibliografie frz. Übersetzungen
Petersons), 265-274
- Giancarlo Caronello, Zur Rezeption Erik
Petersons in Italien. Beobachtungen zu Integrationsversuchen und
zur Wirkungsgeschichte (mit einer Bibliografie italienischer Übersetzungen
Petersons), 275-330
- Karl Lehmann, Konversion als
Herausforderung, 331-336
- Erik Peterson, Gebet, 337