Präsentation der Editionsbände 9/1 und 9/2:
Erik Peterson, Theologie und Theologen,
Würzburg: Echter 2009,
auf der Frankfurter Buchmesse am 16. Oktober 2009

Statement von Karl Kardinal Lehmann,
Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats
der Edition „Ausgewählte Schriften" von Erik Peterson

Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats
der Edition „Ausgewählte Schriften" von Erik Peterson
Der seit den 1930er Jahren in Rom lebende Theologe Erik Peterson war längere Zeit fast eine Art von Geheimtipp. Gleichwohl hat er einen großen Einfluss auf die evangelische und die katholische Theologie ausgeübt. Diese Situation weitgehender Verborgenheit hat sich seit fünfzehn Jahren geändert.
Seit 1994 gibt es unter der federführenden Herausgeberschaft von Frau Dr. Barbara Nichtweiß das umfangreiche Projekt „Ausgewählte Schriften", das nun langsam der Vollendung entgegen geht. Die Edition beim Echter Verlag gliedert sich in drei Hauptabteilungen: Da sind zunächst die beiden schon zu Lebzeiten Erik Petersons veröffentlichten Sammelbände: Die „Theologischen Traktakte" (zuerst 1951 erschienen) und die „Marginalien zur Theologie" (erstmals 1956) eröffneten die „Ausgewählten Schriften", die in den folgenden fünf Bänden vor allem den reichen Nachlass in Turin nutzen konnten und Petersons exegetische Interpretationen öffentlich zugänglich machten. Sie waren in den 1920er Jahren nur wenigen, dafür aber tief beeindruckten und in einigen Fällen später sehr einflussreichen Hörern bekannt gewesen, z.B. Ernst Käsemann und Otto Kuss.
Es blieben nun für eine dritte Abteilung viele Texte, die in den letzten zwei Bänden 9 und 10, aufgrund des Umfangs jeweils in zwei Teilbänden, erscheinen. Zwei Reprints werden die „Ausgewählten Schriften" ergänzen, nämlich die vereinigte Promotions- und Habilitationsschrift, die Erik Peterson in Fachkreisen früh berühmt machte, „Heis Theos" (1926), und der kurz vor dem Tod erschienene Sammelband „Frühkirche, Judentum und Gnosis" (1959, Nachdruck 1982).
Für den vorliegenden Doppelband 9 hat die Herausgeberin auf überzeugende Weise inhaltliche Schwerpunkte von Petersons Veröffentlichungen ausgewählt und um sie viele andere Texte gruppiert. Sie sind zentriert um die Grundfrage Petersons, die schon 1925 die theologische Diskussion erschütterte: Was ist Theologie? Dazu gesellen sich viele andere Texte und Themen, die in diesen Umkreis gehören: zu den theologischen Fachdisziplinen, zur Kirchengeschichte, zur dogmatischen Theologie, zu den Aufgaben und Formen der Exegese, zum Verhältnis von Glaube und Wissen, von Metaphysik und Mystik. Dazu kommen viele Notizen und Miszellen, Abhandlungen und spirituelle Texte, die das Leben Erik Petersons intensiv über die ganze Zeit neu beleuchten. Ein reicher Briefwechsel mit vielen bedeutsamen Theologen seiner Zeit verstärkt die Kenntnis seiner Person und seines Wirkens sehr konkret und anschaulich. Man darf wohl sagen, dass in der Mitte die frühe Vorlesung Erik Petersons (1923/24) über Thomas von Aquin und die Begegnung mit Karl Barth stehen.
Es ist höchst aufschlussreich, auf diese Weise einen sehr genauen Blick tun zu dürfen in das reiche, freilich auch schwierige und manchmal extrem belastete Leben (1890-1960) eines Theologen, der von der evangelischen zur katholischen Kirche gewechselt hat und in vieler Hinsicht nicht nur zwischen die Mühlsteine böser Zeiten, sondern auch in das Räderwerk vieler Auseinandersetzungen in den beiden Kirchen gekommen ist. Wenn heute öfter auch nach einer inneren Verklammerung von Theologie und Biografie gesucht wird, finden sich hier ausgezeichnete Bausteine. Der reiche Briefwechsel belegt nicht zuletzt auf überraschende Weise, wie intensiv bereits in dieser Zeit der persönliche Austausch zwischen Theologen der verschiedenen Ausrichtungen war, aber auch der Kontakt mit Vertretern der Philosophie, mit Schriftstellern und anderen Kulturschaffenden.
Theologiegeschichtlich geben die Dokumente dieses Bandes manche Einblicke besonders in die Dialektische Theologie mit ihren inneren Gärungen und Spannungen. Dies hat auch einen großen wissenschaftsgeschichtlichen Reiz. So sind die Bände unentbehrlich für die Geschichte von Theologie und Kirche im 20. Jahrhundert. Sie führen in eine radikale theologische Mitte hinein, die jenseits der üblich gewordenen Schablonen und Extreme steht. Auch wenn man aus heutiger Sicht nicht mehr jeder einzelnen streitbaren Äußerung unkritisch zustimmen kann, fordert Erik Peterson grundsätzlich doch auch die ökumenischen Bemühungen auf der Ebene theologischer Arbeit zu einer letzten Anstrengung auf, sich wirklich den wahren Fragen aus der Tiefe des biblischen und christlichen Glaubens, aber auch der Geschichte der Kirchen zu stellen. Insofern hat Erik Peterson, recht gelesen und verstanden, die Zukunft noch vor sich.
Der Herausgeberin und allen, die sie bei dieser Edition unterstützt haben, sowie dem Echter-Verlag in Würzburg gebührt großer Dank.
Statement von Dr. Barbara Nichtweiß,
Herausgeberin der „Ausgewählten Schriften" von Erik Peterson
Der vorliegende Doppelband 9 hat eine lange Vorgeschichte. Sie reicht 22 Jahre zurück bis zu dem Zeitpunkt, als ich zum ersten Mal das Nachlassarchiv Erik Petersons an der Universität in Turin betreten durfte. Mein Doktorvater, Professor bzw. Bischof Karl Lehmann, hatte mir das Werk Petersons als Dissertationsthema vorgeschlagen, und da Peterson neben etlichen sehr gelehrten historischen und philologischen Abhandlungen nur relativ wenige und knappe theologische Schriften zu Lebzeiten veröffentlicht hatte, schien es angeraten, einmal nachzusehen, ob sich in seinem Nachlass nicht darüber hinaus noch der eine oder andere interessante Text oder Briefwechsel erhalten hätte.
Die Fülle völlig unbekannter Manuskripte, Notizen, Tagebücher und Briefe, auf die ich damals in Turin stieß, war eine große Überraschung und Herausforderung, ja geradezu ein Abenteuer im Blick auf die vielen persönlichen Verbindungen Petersons zu anderen einflussreichen Gestalten seiner Zeit, wie z.B. Theodor Haecker, Karl Barth, Jacques Maritain, Carl Schmitt oder auch Hans Urs von Balthasar. Meine Dissertation, die 1992 veröffentlicht wurde (2. Auflage 1994), schwoll deshalb ungeplanter Weise auf fast 1000 Druckseiten an.
Zugleich habe ich diese unerwartete Ausbeute immer als Verpflichtung empfunden, es nicht bei einer sekundären Darbietung und Zusammenfassung des reichen Gedankengutes Erik Petersons zu belassen, sondern auch die Originaltexte für interessierte Leserinnen und Leser zugänglich zu machen. Ich bin sehr dankbar, dass meine Vorgesetzten im Bistum Mainz es mir ermöglicht haben, neben meiner beruflichen Arbeit für die Diözese die Edition der „Ausgewählten Schriften" Erik Petersons weiter voranzutreiben, und dass ich auch immer wieder kompetente Fachleute aus verschiedenen theologischen Disziplinen gefunden habe, die bei den einzelnen Bänden mit Rat und Tat mitgewirkt haben und weiterhin zur Verfügung stehen. Für den Band 9/2 mit dem zentralen Briefwechsel mit Karl Barth geht ein besonderer Dank an den Leiter des Karl Barth-Archivs in Basel, Herrn Dr. Hans-Anton Drewes.
Der Charakter des jetzt vorliegenden neuen Doppelbands unterscheidet sich in verschiedener Hinsicht von den früheren sieben Editionsbänden. Er ist nicht einem einzelnen großen Manuskript gewidmet, sondern versucht in thematischer Konzentration auf das Problem der „theologischen Existenz" einen Längsschnitt durch alle Phasen des Lebens und Denkens Petersons, angefangen von seinem Studium der evangelischen Theologie (1910-1914), seinen zutiefst krisenhaften Erfahrungen der Jahre des Ersten Weltkriegs, seiner Zeit als Promovend (1916-1920) bzw. Privatdozent in Göttingen (1920-1924, hier Seite an Seite mit Karl Barth), als Professor für Kirchengeschichte und Neues Testament in Bonn (1924-1929) bis zu den dreißig sehr schwierigen Jahren nach seiner Konversion (1930) als katholischer Theologe bzw. Dozent am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie in Rom sowie Ehemann und Vater von fünf Kindern.
Ich freue mich persönlich sehr, so viele der mit diesem Werdegang verbundenen eindrucksvollen Texte und Zeugnisse jetzt in der schönen Buchausgabe des Echter-Verlags mit dem Gesamtumfang von 1432 Seiten gedruckt zu sehen. Bei aller Mühe, die mit dieser Edition verbunden war und noch weiter sein wird, ist es mir doch nie langweilig dabei geworden. Dazu sind allein schon die Themengebiete Petersons von der antiken Religionsgeschichte bis zur Geistes- und Zeitgeschichte seiner Gegenwart viel zu umfassend und facettenreich. Man muss immer noch dazu lernen, um seine Gedanken verstehen und einordnen zu können. So musste ich mich für den vorliegenden Doppelband z.B. mit Epochen und Personen der evangelischen Theologiegeschichte des 17.-19. Jahrhunderts befassen, von denen man normalerweise zumindest im durchschnittlichen katholischen Theologiestudium nie etwas hört.
Schließlich ist es aber auch die überaus spannungsvolle Verbindung von Glauben, Leben und Denken, die an Erik Peterson immer wieder fasziniert. Dass ein Theologe auch persönlich ein gläubiger Mensch ist, sollte zwar der Normalfall sein. Im Falle Erik Petersons zeigen jedoch alle Zeugnisse, insbesondere aus seinen Tagebüchern von 1910 bis zu seinem Tod 1960, dass er die Gegenwart Gottes besonders dicht und unmittelbar, damit aber auch oft als sehr bedrängend erfahren hat. Dies war einer der Gründe für seine Einzelgängerstellung (seine „Randexistenz in diesem Äon", wie Karl Barth es einmal ausdrückte) und hatte auch zur gewissermaßen paradoxen Folge, dass Peterson keine dicken theologischen Bücher verfasste. Wenn er aber etwas schrieb oder vortrug, kam das Gesagte aus einer besonderen Tiefe. Das wurde auch von Schülern, Schülerinnen und Zeitgenossen, die ihm näher begegnet sind, deutlich empfunden. Im Editionsband 9/2 ist eine Reihe solcher persönlichen Erinnerungen an Peterson gesammelt.
Mit dem vorliegenden Doppelband ist eine wichtige Etappe in der Peterson-Edition erreicht. Abgeschlossen ist sie freilich noch nicht. Die folgenden Bände werden sich vor allem mit Petersons Forschungen zur Geschichte der antiken Kirche und noch intensiver mit seinen Beziehungen in die katholische Welt beschäftigen. Zudem steht für 2010 ein Jubiläumsjahr an, in dem es des 120. Geburtstags Petersons mit einer weiteren Buchpräsentation am 7. Juni 2010 in Mainz (kleinere Veröffentlichung einiger Vorträge über den altchristlichen Kirchenbegriff) und seines 50. Todestages (26. Oktober) mit einem mehrtägigen, international besetzten Symposion in Rom zu gedenken gilt.
http://www.bistum-mainz.de/erik-peterson