Vom Weiterleben nach dem Tod des Kindes
Aufforderung zum Mut, auf Trauernde zuzugehen
Von Dieter Steuer
Der gewaltsame Tod von Jakob aus Frankfurt, Julia aus Biebertal und Johanna aus Bobenhausen ist schmerzlich präsent. Andere Kinder sterben, ohne dass die Öffentlichkeit groß davon Notiz nimmt - an einer tückischen Krankheit, bei einem Unfall. Alle Kinder haben Eltern. Und für diese tritt mit dem Tod eines Kindes das denkbar Schlimmste in ihrem Leben ein, sagt Dieter Steuer, Psychotherapeut in Mainz. Väter und Mütter - und die Geschwister - bedürfen in ihrer Trauer der besonderen Zuwendung. Leisten können das alle Menschen; ganz besonders aber die Selbsthilfegruppe Trauernde Eltern Rhein-Main.
". . . den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muss man leben!"
Es sind diese Worte aus einem Gedicht von Mascha Kaleko, die in sehr trefflicher Weise das aussagen, was Eltern nach dem Sterben ihres Kinder oder gar ihrer Kinder erleben.
Wie oft höre ich sie dann sagen: "Wenn ich doch auch nur tot wäre, dann hätte dieses unerträgliche Leiden ein Ende, und ich wäre bei meinem Kind. Mein Leben ist so sinnlos und so leer geworden."
Zirka 20 000 Eltern in Deutschland sind Jahr für Jahr mit dieser Tragödie konfrontiert. Vor, unter oder kurz nach der Geburt. Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene. Der gewohnte Lebensrhythmus steht Kopf, wenn Kinder vor ihren Eltern sterben.
Das denkbar Schlimmste im Leben von Eltern ist eingetreten. Auch dann, wenn wir fast täglich vom Sterben von Kindern und Jugendlichen in den Medien hören oder lesen. Nie war es unser eigenes Thema. Immer ist es irgendwie weit weg gewesen, ging uns so direkt nichts an. Dann, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sind wir es selbst. Die heile Welt ist jäh zerstört. Es ist, so nannte es einmal eine Mutter, "als wäre eine Bombe in mein Lebenshaus eingeschlagen. Kein Stein ist mehr auf dem anderen. Nur noch Trümmer, und ich sitze mittendrin. Unfähig, aber auch im tiefsten Innern absolut unwillig, diese neue Realität anzunehmen." Ein hinuntergeschlucktes oder ein laut herausgeschrienes "Nein! Das darf einfach nicht wahr sein. Nicht doch mein Kind, nicht doch ich!" Jedes Aufwachen wird zur Qual. Es erfüllt sich einfach nicht die Hoffnung, dass der nächste Morgen die Gewissheit bringt, es ist alles nur einer ganz entsetzlicher Traum gewesen. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Jedes neue Aufwachen bedeutet, sich aufs Neue mit dieser so grausamen neuen Wirklichkeit konfrontiert zu sehen.
"Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?" fragt Mascha Kaleko in einer weiteren Zeile ihres Gedichtes.
Die unmittelbare Zeit nach dem Sterben eines Kindes ist andererseits auch die Zeit vielfältiger Aufgaben und Beschäftigungen. Formalitäten sind zu bewältigen, das Begräbnis ist zu organisieren, der Tag der Beerdigung selbst, der Moment des letzten Abschiednehmens. Der Sarg wird in die Erde gesenkt oder kremiert. Hatten wir bis dahin hoffentlich Gelegenheit, uns von dem Kind in guter Weise zu verabschieden, es noch mal zu streicheln, zu liebkosen, es noch ein letztes Mal zu sehen, so ist jetzt diese Endgültigkeit und Unwiederbringlichkeit gekommen. Nie mehr werden wir dieses Kind sprechen hören, nie mehr werden wir es in den Arm nehmen können.
Erst jetzt beginnt allmählich die wirkliche Zeit der Trauer, ein Zustand der unterschiedlichsten Gefühle: Verzweiflung und Sehnsucht, Leere und Lebensüberdruss, Einsamkeit, Ärger, und Zorn, Widerwille, Neid und Eifersucht werden erlebt. Abwechselnd, in unterschiedlicher Intensität. Oft sehen wir trauernde Mütter und Väter in völliger Apathie. Gefühlsleer, teilnahmslos, den Blick ins Leere gehend. Sie beschreiben das mit diesen Worten: "Ich fühle mich innerlich wie tot, und ich wünschte mir, ich wäre es auch, dann hätten dieses unerträglichen Leiden und dieser Schmerz ein Ende." Die Trauer wird allumfassend. Für eine Zeit lang hat jetzt nichts anderes mehr Platz im Leben dieser Menschen. Alles ist tief, ist schwarz, ist qualvoll und scheint unerträglich.
Die Warum-Frage wird laut. Warum mein Kind, warum wir, warum so früh, warum so schnell, warum . . . ? Diese Frage, die mit so viel Kraft immer und immer wieder kommt. Ungefragt und unberechenbar.
Ganz oft sind sich die Trauernden jetzt selbst fremd in vielen ihrer Gedanken und Gefühlen, dass immer wieder die gleiche Frage bei ihnen auftaucht: "Werde ich verrückt?" Nun, natürlich ist in vielfacher Weise tatsächlich fast alles ver-rückt. All die auftauchenden Emotionen, gegen Gott und die Welt, sind Ausdruck der individuellen und damit vielfältigen Reaktionen auf den Verlust dieses geliebten Kindes. Schließlich ist es zentrale Elternaufgabe, unsere Kinder in einer guten Weise in ihr Leben zu begleiten. Sie zu beschützen vor Verletzungen, und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr eigenes Lebenspotenzial zu entdecken und in die Welt zu entwickeln.
Im Sterben der Kinder erleben wir Ohnmacht. Wir erleben unsere Handlungsgrenzen. Tod fragt nicht nach Alter und Geschlecht, nicht nach Rang oder Namen Er fragt nicht nach Armut und nicht nach Reichtum. Er tritt einfach ein.
Die Trauernden erleben: "Keiner versteht mich mehr. Alle wollen, dass ich wieder funktioniere. Ich solle mich doch erinnern, dass ich noch weitere Kinder habe, noch einen Mann. Vielleicht selbst doch noch jung genug bin, wieder Kinder zu kriegen, oder doch froh sein soll, dass das Leiden ein Ende hat." Väter werden oft danach gefragt, wie es den Frauen geht, und wünschten sich so sehr, dass sie auch mal nach der eigenen Trauer gefragt werden.
Nicht zufällig habe ich bisher nur von Müttern und Vätern gesprochen, und die Geschwister kamen noch gar nicht vor. Dies spiegelt die Realität. Die Geschwister trauern um Bruder oder Schwester, aber auch ihre Eltern sind für sie in gewisser Weise gestorben. Mutter und Vater sind ganz "in sich" gekehrt, weinen und sind traurig, versuchen oft ihre Gefühle zu verbergen. Aber dies gelingt ihnen vor den mit ihnen trauernden Geschwistern nicht. Diese sind verunsichert und auferlegen sich selbst, meist ganz unbewusst, alles dafür zu tun, dass die Eltern nicht noch weiter belastet werden. Ihrer eigenen Trauer ist damit jeder Raum genommen.
Insbesondere die jüngeren Kinder brauchen hier Erwachsene, die ihnen in dieser Zeit Halt und Sicherheit geben. Ihnen diese Zeit und diesen Raum geben, ihrem Alter und ihrer Individualität gemäß um ihr Geschwister zu trauern.
Und die Eltern selbst? Wer kann ihnen auf welche Weise Unterstützung geben? Schenken wir einer amerikanischen Statistik Glauben, so werden fast 80 Prozent aller Ehen nach dem Sterben eines Kindes geschieden. Mir scheint die Zahl zu hoch, dennoch sind es sehr viele. Dabei ist es nicht so, dass sich diese Menschen ganz plötzlich nicht mehr lieben. Sie sind mit sich selbst, mit ihrem Anderssein und ebenso mit diesem Anderssein der Partnerin oder des Partners oft überfordert. Gegenseitig werfen sie sich vor, sich nicht mehr zu verstehen. Sprachlosigkeit erschwert den Umgang miteinander. Es begegnen sich jetzt in gewisser Weise zwei "fremde Menschen". Hinzu kommt die meist sehr unterschiedliche Weise der Mütter und Väter, man kann dies ohne Frage auch viel genereller sagen, die unterschiedliche Weise von Frauen und Männern im Umgang mit der Trauer. Viele erleben hier weitere Verluste: Freunde, Menschen aus der eigenen Familie, oft solche, auf die sie in der Vergangenheit immer bauen und vertrauen konnten, verstummen, bleiben fern. Menschen, auf die sie gehofft hatten, enttäuschen sie. Beim Einkaufen verstecken sie sich in den Regalreihen, in der Stadt wechseln sie die Straßenseite und tun so, als hätten sie die Mutter oder den Vater nicht wahrgenommen.
Was aber brauchen diese trauenden Mütter und Väter? Was brauchen jetzt die Geschwister?
Es reicht nicht aus zu sagen: "Wenn du mich brauchst, dann rufe mich an!" "Wenn ich etwas für dich tun kann, dann lass es mich wissen!" Kaum jemand wird sich melden. Trauernde sind meist antriebs- und kraftlos. Sie wünschen sich, dass jemand kommt. So ganz von alleine, ohne aufgefordert zu sein. Sie erwarten nicht die Menschen mit den guten Ratschlägen. Auch Ratschläge werden hier mehr als "Schläge" denn als Hilfe erlebt.
Wichtiger ist, dass die Trauernden jetzt solchen Menschen begegnen, von denen sie wissen oder es gesagt bekommen, dass sie sich ihnen zumuten dürfen mit all ihren Emotionen, wie immer diese auch sein mögen. Dass sie all das, was gesagt werden will, sagen können. Immer und immer wieder. Sie brauchen den Menschen, der sie hält und aushält. Sie brauchen die Menschen, die ein offenes Ohr und ein offenes Herz mitbringen und nicht ein Rezept. Menschen, in deren Gegenwart sie sich nicht zusammenreißen und nicht eine Rolle spielen müssen. Das braucht auf Seiten der Trauernden Vertrauen. Die anderen brauchen dazu Mut, ganz viel Mut. Die Trauernden werden es ihnen danken. Später sprechen sie dann häufig darüber, wie schwierig sie gewiss auch in dieser Zeit gewesen sind.
So beginnen oft neue, tiefe und schöne Beziehungen und Freundschaften. Es ist der Beginn einer neuen Zeit. Es gilt, den Tod des Kindes ganz langsam akzeptieren zu lernen und einen Weg zu finden, "dem Leben wieder ein Lächeln zu schenken".
TRAUERNDE ELTERN RHEIN-MAIN
Der in Mainz ansässige Verein Trauernde Eltern Rhein-Main begleitet einzelne Menschen, Paare, Familien und alle Nahestehenden. Zu den Angeboten gehören Tagesseminare, Wochenseminare, offene und geschlossene Gesprächsgruppen, individuelle Begleitung und Beratung. In der Bibliothek der Geschäftsstelle stehen 200 Titel. Der Verein hilft bei der Suche nach Selbsthilfegruppen in Wohnortnähe oder Kureinrichtungen. Einmal jährlich, an einem Adventsonntag, gestaltet er einen Gottesdienst in einer Mainzer Kirche - diesmal am 1. Dezember um 15 Uhr in der evangelischen Auferstehungskirche, Am Fort Gonsenheim 151. Die Umstände des Sterbens sind für die Hinterbliebenen von besonderer Bedeutung. Dem tragen Extra-Angebote Rechnung, beispielsweise für Angehörige von Gewaltopfern oder nach einem Suizid. Auch das Geschlecht spielt beim Trauern eine Rolle. Deshalb gibt es eine extra Gruppe für Väter und eine für Mütter. Die Geschwistergruppen sind in Altersstufen aufgeteilt.
Die Ursprünge des Vereins liegen im Jahr 1985 in einer Gesprächsgruppe für Eltern im Trauerjahr. 1997 wurde der Verein gegründet. Er ist Mitglied im Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland.
Zur Person:
Dieter Steuer (Jg. 1947), Psychotherapeut und Trauerberater, ist Gründungsmitglied und Vorsitzender des Vereins Trauernde Eltern Rhein-Main. Das Sterben seines Sohnes Tim im Jahr 1994 ließ ihn die Sinnhaftigkeit seines Lebens in Frage stellen und war der wesentliche Impuls, sich der Beratung von Trauernden zuzuwenden.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Erscheinungsdatum 07.11.2002
Weiterführende Adressen:
Verein Trauernde Eltern Rhein-Main
Carl-Zeiss-Straße 26
55129 Mainz-Hechtsheim
Telefon 06131-6172658
www.trauernde-eltern.org
Bundesstelle Verwaiste Eltern in Deutschland
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04229 Leipzig Telefonzeiten:
Mo-Fr 9.00 - 12.00 Uhr
Tel.: 0341-9468884
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