"Zeitenwende, Wege zu einer nachhaltigen (Welt-)Wirtschaft"

zu diesem Thema sprach Dr. Wolfgang Kessler auf Einladung der KAB St. Marien in Kooperation mit der Evangelischen Kirchengemeinde, dem Basilika-Forum und dem Weltladen Seligenstadt am 4. November im Evangelischen Gemeindezentrum.

Der Chefredakteur der christlichen Zeitschrift Publik-Forum leitete seinen Vortrag ein mit der Bemerkung: "Alles boomt - Krise war gestern?" Er fragte, ob der Aufschwung nicht ein Zeichen sei, dass die wirtschaftlichen Probleme gelöst sind. Und er warnte sich nicht täuschen zu lassen. Mit einem Zitat von Minister Wolfgang Schäuble zur Wirtschafts- und Finanzkrise führte er den Handlungsbedarf vor Augen: "Dies ist die erste globale Krise, die die freiheitliche und soziale Wirtschaftsordnung bedroht. Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen." Mittlerweile jedoch verdienten die Banken wieder gut - auch dank der billigen Kredite, die durch die Zentralbanken bereitgestellt werden. Und die Politik mache im Wesentlichen weiter wie bisher.

Aber die sozialen und ökologischen Probleme ließen sich mit der altbekannten Politik des Wachstums nicht lösen. Dr. Kessler stellte klar, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise Ausdruck einer Zeitenwende sei. Trotz Wachstum vergrößere sich die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter. Immer mehr Menschen seien auf befristete Stellen, Leiharbeit oder gering bezahlte Arbeitsverhältnisse angewiesen. Der westliche Lebensstil verbreite sich immer mehr auch in Ländern wie China, Indien und Brasilien. Dadurch werden die Rohstoffe noch knapper und teurer. Die Umweltzerstörung nehme immer bedrohlichere Ausmaße an, zusätzlich verstärkt durch den Klimawandel.

Die Krise berge die Chance in Wirtschaft und Gesellschaft umzusteuern von möglichst viel Haben auf ein möglichst gutes Leben. Doch Politik und Wirtschaft nutzten diese Chance nicht. Exemplarisch sei die Finanzbranche. Weit davon entfernt die Probleme anzugehen, schaffe sie durch spekulative Geschäfte immer neue Gefahren.

Ungeachtet dessen kann Dr. Kessler aber auch Beispiele ausmachen, wo umgesteuert wird zu einem anderen Wirtschaften. Als hoffnungsvolle Anzeichen berichtete er von

  • lokalen Ökoabgaben, die auf sozialen Ausgleich zielen,
  • einer Bank, bei der nicht der Gewinn an Geld sondern die Förderung von Menschen im Vordergrund steht,
  • einer Gemeinde, die bei Ausschreibungen soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt,
  • Beschäftigten, die ihren Betrieb selbst übernehmen und damit ein Zeichen der Solidarität setzen,
  • einer Region, die beschließt vorrangig regional zu wirtschaften,
  • einem Dorf in Namibia, das durch ein allgemeines Grundeinkommen von 10 Euro im Monat aufblüht,
  • dem Bau und Einsatz von Solarzellen durch zinslose Kredite in Sri Lanka.

Diese Beispiele führten vor Augen, dass es möglich sei, in der Wirtschaft anderen Zielen zu folgen. Bei einer Umsetzung dieser Ansätze in große Einheiten böten sich folgende Schritte an:

  • Investition höherer Steuereinnahmen in eine nachhaltige Entwicklung
  • Stärkung der Sozialsysteme und Einführung eines Mindestlohns
  • Abkehr vom Renditedenken und Hinwendung zur Teilhabe aller am wirtschaftlichen Vermögen
  • Grundeinkommen für alle finanziert durch Ökoabgaben
  • Verbot von extremer Form von Spekulation z. B. auf Lebensmittel
  • Belastung kurzfristiger Finanzgeschäfte und Verwendung der Gelder für Aufbauprojekte

Jeder könne sich daran beteiligen auf ein anderes Wirtschaften hinzuwirken zum Beispiel durch

  • Kauf fair gehandelter Waren
  • Anlage von Geld nach ethischen Kriterien
  • Bezug von Ökostrom
  • Unterstützung von Regionalwährungen

Im Anschluss an den Vortrag stellten die Zuhörer kritische Fragen. Diese gingen auch dahin zu erfahren, wie es denn ganz konkret aussehen könnte in Seligenstadt anders zu wirtschaften.