Geistliches Wort
(dem aktuellen Pfarrbrief entnommen)
WIE MARIA DAS LIED UNSERES LEBENS SINGEN
Wenn Menschen etwas Großes erleben und innerlich sehr bewegt sind, dann drängt es die meisten dazu, dies auch mitzuteilen, und nicht selten drücken sie es in einem frohen Singen aus. Als Maria ihre Verwandte Elisabeth besuchte und von ihr selig gepriesen wurde, da erlebte sie eine Sternstunde und sie konnte nicht anders, als ein großes Lob auf den unbegreiflichen Gott anzustimmen: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter!" (Lk 1,46-47). Maria lebt aus dem Gebetsschatz ihres Volkes. Ihr waren selbstverständlich die Psalmen vertraut. Sie steht in einer langen Tradition. So betet bereits Hannah, die Mutter Samuels: „Mein Herz ist voll Freude über den Herrn, große Kraft gibt mir der Herr." (1Sam 2,1). Maria jubelt, dass bei Gott andere Maßstäbe gelten als in einer Ellbogengesellschaft. Sie singt, dass Gott auf der Seite der Armen und Kleinen steht und dass er einfache Menschen beruft, um Großes zu tun.
Uns ist nicht überliefert, was Maria in leidvollen Stunden gebetet hat, z.B. als sie und Josef voller Angst drei Tage lang nach dem vermissten zwölfjährigen Jesus gesucht haben. „Kind, wie konntest du uns das antun?" (Lk 2,48), sagte sie betroffen und verstand ihren Sohn nicht mehr. Die Weissagung des Simeon, dass ein Schwert durch ihre Seele dringen wird, hat sich da bereits bewahrheitet (vgl. Lk 2,41ff). Und wir wissen nicht, wie oft sie in ihrem Leben an dieses Wort schmerzvoll erinnert wurde. Am grausamsten jedenfalls unter dem Kreuz, als sie den qualvollen Tod ihres Sohnes mitleiden musste. Wir dürfen davon ausgehen, dass das Magnifikat das Lied ihres ganzen Lebens blieb, auch am Karfreitag. Mit diesem Lied darf sie dann Ostern und Pfingsten erleben.
Wie ist das mit uns? Können auch wir, wenn wir zurückschauen, das Lied unseres Lebens singen? Mit „Lied unseres Lebens" meine ich, dass wir alle in unserem Herzen Worte haben, mit denen wir das, was uns am wichtigsten ist, vor Gott aussprechen. So haben wir alle unsere Lieblingsgebete. Darunter sind wahrscheinlich ganz persönliche Worte, um die nur wir und Gott wissen; bestimmt finden sich darunter auch viele Gebete aus der langen Tradition unserer Kirche, angefangen vom Alten Testament bis in unsere Tage.
Uns fehlen oft die Worte, um genau auszudrücken, was wir auf dem Herzen haben. Vergessen wir nicht: Man kann auch mit wenigen Worten sehr viel sagen. Der Apostel Thomas hat bei seiner ersten Begegnung mit dem auferstandenen Herrn nur gestammelt: „Mein Herr und mein Gott" (Joh 20,28). Noch kürzer ist die alte Tradition, nur den Namen „Jesus" auszusprechen. „Jesus" ist die griechische Übersetzung von „Jeschua", und das bedeutet: Jahwe rettet.
Gott hat sich im brennenden Dornbusch offenbart als der Retter, der bei den Menschen ist (vgl. Ex 3,14). Ich kann also alles, was ich zu sagen habe, in das eine Wort „Jesus" hineinlegen und drücke damit aus: „Du, unbegreiflicher Gott, der du in meinem Leben immer dabei bist, du rettest und heilst mich, du hilfst mir.
Was geschieht eigentlich mit uns, wenn wir Gott lobpreisen? Dann schaffen wir in uns Raum für ihn, der die Liebe ist, und unser inneres Konzentrationslager wird kleiner, d.h. alles, was uns kaputt machen will, schmilzt wie Schnee in der Sonne. Lobpreis lässt Glaube, Hoffnung und Liebe in uns wachsen. Dann können wir auch alles in die Hand Gottes legen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. „Nehmt Gottes Melodie in euch auf!", so schrieb der hl. Ignatius von Antiochien. Gott hat für jede und jeden von uns ein persönliches Lied. Unser ganz persönlicher Lobpreis darf zusammen mit allen Christen und allen Heiligen zu einer großen Sinfonie werden. Aber vor allem lädt Maria uns ein, mit ihr das Magnifikat zu singen: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter."
Ihr Pfarrer Karl Zirmer
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