Getrübte Idylle: Zerbombt und zerfallen -
Doch der Kreuzgang von St. Stephan wird restauriert

Wer in der Hitze des Sommers dem Trubel der Mainzer Feste ausweichen möchte und einen stillen Ort zum Meditieren  sucht, der findet ihn an der südlichen Grenze der Altstadt. Doch vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt: Der Anstieg zur Stephanskirche und zu ihrem Kreuzgang – durch die Gaustraße oder über den Bischofs- oder Ballplatz - muss erst bewältigt werden.

Wie eine im März vorgestellte Studie zur Attraktivität der Stadt für Touristen belegt, genießen die Chagall-Fenster der Kirche die Spitzenposition aller Mainzer Sehenswürdigkeiten, wenn die Besucher gefragt werden, ob sich ihre Erwartungen nach dem Besuch erfüllt haben. Mit 72 Prozent „Sehr positiven“ –Bewertungen kommt kein anderer Ort den Vorstellungen der Gäste so nahe wie die Kirche mit den Glasmalereien des Marc Chagall. Die Empfehlung der Studien-Autoren an das Stadtmarketing lautete daher, die Fenster und ihre Kirche bekannter zu machen.

Es ist wahrscheinlich, dass ein weiterer Kunstschatz zur Beliebtheit von St. Stephan beigetragen hat, obwohl er eher im Verborgenen liegt. Auf der äußeren südlichen Seite des Schiffes erwartet den Besucher ein spätgotischer Kreuzgang, den Kunsthistoriker als den schönsten in ganz Rheinhessen eingestuft haben. Stadtbesucher und Kirchengemeinde mussten aber im Sommer auf diesen schattigen Ort verzichten. Die in den letzten fünfunddreißig Jahren aufgetretenen Schäden waren und sind noch immer zu beheben; mit der aufwendigen Sanierung des Daches, des Mauerwerks, der Natursandsteine und der Entwässerung wurde im Juni begonnen.

„Zu einer Beeinträchtigung der Gottesdienste führt das aber nicht“, meint Pfarrer Stefan Schäfer, „liturgisch genutzt wird der Kreuzgang nur für Prozessionen an Palmsonntag, Ostern und beim ‚Großen Gebet’. Auf stimmungsvolle Konzert oder Ausstellungen dort werden wir in diesen Monaten jedoch verzichten müssen.“

Nach den schweren Beschädigungen im Krieg - besonders am Tag des Untergangs der Altstadt, dem 27. Februar 1945 – war zunächst die Wiederherstellung des Kirchengebäudes vorrangig. Erst 1968 unternahm der damalige umtriebige Gemeindepfarrer Klaus Mayer die Rettung eines Kreuzganges, der schon bei der Explosion des nahegelegenen Pulverturms 1857 schwere Schäden erlitten hatte. Das „Klostergeviert“ steht auf dem zwei Meter hohen Schutt einer römischen Wohnsiedlung; vom Kästrich kommendes, unterirdisch fließendes Hangwasser hatte im Laufe der Jahrhunderte die Fundamente unterhöhlt, so dass sich die Wände zum Hof zu neigen begannen. Mit 28 Eisenbetonklammern überklammerte man damals die Gewölbe und konnte so der gut sicht- und messbaren Verschiebung Einhalt gebieten.

Zwar wurde dadurch die Einsturzgefahr gebannt, doch zwischen 1971 und 2006 ging der Verfall des historischen Bauwerks in anderer Form weiter.

Das Wasser, der Feind aller Bauwerke

Vor allem das Eindringen von Oberflächenwasser in das Mauerwerk und das in die Fundamente aufsteigende Wasser führten zu beträchtlichen Schäden. Der Sandstein mancher in die Wände eingelassener Grabplatten aus früheren Jahrhunderten blätterte schichtweise ab, der Wandverputz fiel herunter.

„Deshalb,“ so erläutert der Architekt Alwin Bertram, „ist es höchste Zeit, den Verfall zu verlangsamen, doch eine Konservierung für alle Zeiten ist nicht möglich. Die vielen denkmalpflegerischen Versuche, die Außenfläche der Sandsteine durch wassersperrende Schichten zu erhalten, waren nicht erfolgreich.“

Mit St. Stephan fühlt sich Bertram besonders verbunden. Zu Zeiten des Hl. Willigis, des Erbauers der Vorgängerkirche, wurde sein Geburtsort Henneweiler im Hunsrück dem hiesigen Stephansstift von Otto III. zum Geschenk gemacht. Und während des Studiums führte der Mainzer Prof. Spengler – selbst an der damaligen Sanierung beteiligt, seine Studenten, darunter Bertram, immer wieder zu diesem Juwel spätgotischer Architektur. Deshalb ist dem Architekten dieser Arbeitsplatz ans Herz gewachsen.

Die Problemlösung sieht der in Restaurierungsmaßnahmen erfahrene Fachmann aus Rüdesheim an der Nahe in der gezielten Ableitung des Regenwassers durch Dachreparatur und Regenrinnen. Der überall abbröckelnde Putz wird abgeschlagen und neu aufgebracht, Kanalarbeiten werden durchgeführt; der ehemals 25 Meter tiefe und nach dem Krieg zugeschüttete Ziehbrunnen wird wieder bis auf eine Tiefe von zehn Metern ausgehoben, so dass er das über ihm fließende Wasser gewissermaßen hinunter auf seinen Boden zieht. Seine schutzhüttenförmige, sechseckige Überdachung von früher soll aus finanziellen und ästhetischen Gründen nicht nachgebaut werden.

1499 fertiggestellt diente der Kreuzgang dem kontemplativen Breviergebet der Stiftsherren, die zwar keinem Orden angehörten, aber doch in priesterlicher Gemeinschaft lebten, beteten und arbeiteten. Mit dem Beten waren sie gewissermaßen auch amtlich beauftragt, da die Geistlichkeit der Stephanskirche - als Reichskirche gebaut - von Anfang an permanent für die Anliegen des ganzen Reiches zu beten hatte.

Der Kapitelsaal - heute Eingangshalle hinter dem Barockportal in der Stefansstraße - war der Ort für Beratungen und Entscheidungen. Die Namen von 600 Stiftsherren zwischen 1000 und 1803 sind bekannt, und ein großer Teil dieses Klerus wird im Hof beigesetzt worden sein, unter ihnen nachgewiesenermaßen Fiele Gensfleisch, ein Neffe des Johannes Gutenberg.

Wenn Pfarrer Schäfer und Diplomingenieur Wolters, Finanzexperte im Verwaltungsrat der Gemeinde, auf die Kosten der Sanierung zu sprechen kommen, zieht sich die Stirn in Falten, denn die Finanzierung des anspruchsvollen Projektes bereitet Sorgen. Auch wenn sich, wie sie sehr hoffen, der Bund, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, das Land, die Stadt und das Bistum an den voraussichtlichen Kosten von fast 400.000 Euro beteiligen werden, so bleibt vielleicht doch die Hälfte an der Gemeinde hängen. „So viele Arbeiten wie möglich“, meint Hermann Wolters, „wollen wir noch in diesem Jahr abschließen, schon um die drohende Mehrwertsteuer im nächsten uns zu ersparen.“

Derweilen hämmern draußen die Dachdecker die Schieferziegel wieder auf die Dachpappe, und dieser Lärm an einem der "stimmungsvollsten Orte im alten Mainz", wie das "Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler" rühmt! Der Geist des Valentinus - der Baumeister des Kreuzganges, der sich, seiner Frau und seinem Sohn in einer Ecke eine Grabstätte gesichert hat - wundert sich über die Störung der Stille in seinem Meisterwerk aus dem 15. Jahrhundert.

Aus: „MAINZ – Vierteljahreshefte für Kultur, Politik, Wirtschaft, Geschichte“, Mainz, Heft 4, 2006, S. 51 ff.

 
Kreuzgang

Blick in den gotischen Kreuzgang von St. Stephan. Nach schwerer Kriegszerstörung 1968-71 wiederhergestellt