ADRESSATENORIENTIERUNG
Lebensraumorientierung (Lebensrauminseln)
Das veränderte Lebensgefühl der Menschen und der beschleunigte Wandel der Gesellschaft stellen die Pastoral vor vielfältige Herausforderungen.
Bedingt durch die Mobilität der Menschen in der heutigen Gesellschaft kann der individuelle Lebensraum nicht mehr ausschließlich mit dem sozialen Nah- und Wohnraum gleichgesetzt werden. Familie, Freunde und Arbeitsplatz, sowie die Freizeitgestaltung beschränken sich nicht mehr auf einen begrenzten Raum, sondern befinden sich häufig weit entfernt voneinander.
Der Lebensraum eines Individuums kann demnach aus vielen verschiedenen Lebensrauminseln bestehen. Frau Maier, die im Ort A wohnt, den Tag am Arbeitsplatz in der Firma B verbringt, auf dem Heimweg über den Ort C fährt, um im Supermarkt einzukaufen, am Wochenende ihre Freunde in D besucht und abends den Ausgleich im Sportverein E sucht, bewegt sich demnach von einer Lebensrauminsel zur nächsten.
Der Lebensraum ist der individuelle Raum, der transversale (d.h. quer durch sozial- und organisationsräumliche Bezüge verlaufende), lebensweltliche Beziehungsraum, den der Mensch nach eigenem Muster ausbildet und gestaltet.
Der Sozialraum ist der durch (Lebens-)Funktionen gebildete Raum (Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit etc.).
Der Organisationsraum ist die Raumeinteilung, die Organisationen (Staat, Kommunen, Verwaltungen, Behörden, Kirchen etc.) gemäß ihren eigen Bedürfnissen und Plausibilitäten bilden (z.B. Polizeireviere, Finanzämter, Kirchengemeinden ...).
Milieu-Differenzierung
Das LOS-Projekt nimmt die Menschen als Adressaten in den Blick und nimmt wahr, dass die alten weltanschaulichen Milieus, in denen der einzelne in seinen Stand, seine Klasse eingebunden war, die sich über die Schulbildung, den Beruf, ob verheiratet oder ledig, evangelisch oder katholisch definierten, von den neuen gesellschaftlichen Milieubildungen überlagert wurden. Der verwendete Milieubegriff basiert auf den Ergebnissen der Untersuchungen des Heidelberger Instituts Sinus®Sociovision. Unter sozialen Milieus werden Gruppen Gleichgesinnter verstanden, die sich jeweils in ihren Lebensstilen, Lebensführungen sowie Werthaltungen und Beziehungen zu anderen Menschen ähneln. Sie gestalten ihr Leben (Arbeit, Freizeit, Geld und Konsum) und ihre Umwelt (Familie, Freunde, KollegInnen) in ähnlicher Weise und unterscheiden sich darin von anderen sozialen Milieus.
Sinus®Sociovision unterscheidet 10 Milieus: Traditionsverwurzelte, Konservative, DDR-Nostalgiker, Etablierte, Postmaterielle, Moderne Performer, Bürgerliche Mitte, Konsum-Materialisten sowie Experimentalisten und Hedonisten.
Diese 10 Milieus werden in den Kurzportraits von Prof. Michael N. Ebertz, Freiburg, beschrieben.
Hier geht es zu den Kurzportraits. (Link).
Die Sinus-Milieus sind auch von ihren religiösen und kirchlichen Aspekten her untersucht und beschrieben (siehe „Milieuhandbuch“ im Literaturverzeichnis (Link)).
Darüber hinaus haben der Bund der Kath. Jugend (BDKJ) und das Hilfswerk Misereor Unter-27-Jährige befragt und die Milieus für diese Altersgruppen beschrieben (siehe „Sinus-Milieustudie U 27“ im Literaturverzeichnis (Link)).
Für das LOS-Projekt ist die Milieudifferenzierung ein wichtiges Instrument, um mit vielen der Kirche fern stehenden Menschen wieder in Kontakt zu kommen.
Casus-Orientierung (Ausrichtung an bedeutsamen Lebenssituationen)
Menschen suchen den Kontakt zur Kirche an wichtigen Stationen in ihrem Leben. Sie bringen ein Kind zur Taufe oder Erstkommunion, wollen heiraten oder einen verstorbenen Angehörigen beerdigen lassen, suchen das Gespräch in einer Trennungssituation oder fragen nach Unterstützung für einen zu pflegenden Angehörigen.
Diese Kontaktaufnahmen sind Chancen, die Pastoral von den Bedeutsamkeiten der Menschen, von den Casus der Adressaten, von ihren Themen und Sorgebereichen her zu gestalten. Die Casusorientierung in der Pastoral geht aber über die Vorbereitung auf den Empfang eines Sakramentes hinaus – in die diakonischen Anstrengungen, in die liturgischen Vollzüge, in die homiletischen Vermittlungen und in die Veranstaltungen der kirchlichen Bildungsarbeit hinein.