Wohin steuert die Kirche?
Zur Weiterentwicklung von Gemeinden und kirchlichen Orten
Die Kirche befindet sich in einem Wandel. Überall entstehen größere Seelsorgeeinheiten. Es stellt sich die Frage, ob das ausreicht. Was macht eine Gemeinde aus? Eignen sich die territorialen Strukturen, um die Botschaft des Evangeliums allen verkünden? Wohin geht die Kirche?
Wolfgang Fischer
Heute rückt neu ins Bewusstsein, was die Väter des II. Vatikanischen Konzils schon vor mehr als 40 Jahren geschrieben haben. Es werden „in Jahrhunderten gewordene Denk- und Lebensformen der Gesellschaft völlig umgestaltet“ (GS 6, Hervorhebungen, auch im Folgenden vom Autor). Es „erfahren die überlieferten örtlichen Gemeinschaften, wie patriarchalische Familien, Clans, Stämme, Dörfer und sozialen Verflochtenheiten einen immer tiefer greifenden Wandel“ (GS 6). „Heute steht die Menschheit in einer neuen Epoche ihrer Geschichte“ (GS 4). Da sich die Kirche nach ihrem eigenen Selbstverständnis „mit der ganzen Menschheitsfamilie“ (GS 1) aufs Engste verbunden weiß, wird sie und mit ihr die Gemeinden und spirituellen Gemeinschaften von diesem Wandel nicht ausgenommen sein. Man kann „von einer wirklichen sozialen und kulturellen Umgestaltung sprechen, die sich auch auf das religiöse Leben auswirkt“ (GS 4).
Lebensraumorientierte Seelsorge als eine Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel
Um diesen grundlegenden Wandel aktiv aufzugreifen und nicht nur passiv zu ertragen, hat man im Dekanat Mainz-Stadt - längst vor der Zeit der knapper werdenden finanziellen und personellen Ressourcen - das Projekt der „Lebensraumorientierten Seelsorge“ (LOS) gestartet. LOS ist eine reflektierte Suchbewegung, in deren Rahmen auch die Gemeinde ein große Bedeutung hatte und hat.
Die folgenden Überlegungen haben in diesem Kontext Gestalt gefunden.
Gemeinde ist da, wo Eucharistie gefeiert wird.
Im alltäglichen Sprachgebrauch ist Gemeinde und Pfarrei oft identisch, wohl deswegen, weil die Pfarrei die dominante Organisationsform der Kirche geworden ist. Doch lohnt es sich, einen genauen Blick auf diese Gleichsetzung zu werfen. Im theologischen Verständnis ist Gemeinde dort, wo die Sakramentalität der Kirche gefeiert wird. Die Feier insbesondere der Taufe und der Eucharistie ist nach biblischem Verständnis grundlegend und unterscheidet die christliche Gemeinde von anderen Sozialformen. Die Pfarrei ist unter diesem Gesichtspunkt tatsächlich eine Gemeinde, insofern sie regelmäßig die Eucharistie und die Sakramente feiert. Wo das nicht der Fall ist, weil sie etwa durch den Priestermangel nur noch sporadisch zur Feier der Eucharistie zusammenkommt, kann sie nach diesem Verständnis nicht als (vollwertige) Gemeinde bezeichnet werden. Schon diese erste Definition von Gemeinde macht deutlich, dass die Pfarrei keine Exklusivitätsansprüche als Gemeinde beanspruchen kann. Je mehr die Kirche als Ganze an unterschiedlichen Orten präsent ist, z.B. in Krankenhäusern, an Schulen, Klöstern oder caritativen Orten, an denen ebenfalls die Sakramente gefeiert werden, bilden sich weit mehr Gemeinden als nur die Pfarreien. Es hat sich eine kirchliche Landschaft herauskristallisiert, in der die Pfarreien längst nicht mehr die einzigen Gemeinden sind. Viel pluraler ist das Bild, das sich bei genauem Hinsehen zeigt.
Wandel des Lebensraums
Die Pfarrei war die angemessene Form der Organisation der Seelsorge, solange die Bevölkerung wenig mobil war. Denn an dem Ort, wo man wohnte, ging man zur Schule, später zur Arbeit, hier kaufte man ein und die Freunde und Verwandten wohnten in der Nähe, kurzum: Das ganze Leben spielte sich weitgehend im sozialen Nahraum ab. Mit wachsender Mobilität weitet sich der Lebensraum aus. Für manche ist der Ort, an dem er wohnt, nur noch Schlafstätte, für andere hat sich seine Bedeutung ebenfalls sehr stark verändert. Man kauft beispielsweise im Supermarkt in der Stadt ein, verbringt seinen Urlaub auf den Sychellen, fährt zum Besuch des Kinos oder Theaters oft 50 und mehr Kilometer und Verwandte hat man oft in weiter Umgebung. Über 16 % der Bevölkerung arbeiten an einer mehr als 200 Kilometer vom Wohnort entfernten Arbeitsstelle. Nicht nur der geographische Raum weitet sich. Durch die fast unbegrenzte Möglichkeit, aus den verschiedenen Angeboten auswählen zu können, entsteht ein vielfältiges Muster an Lebensentwürfen. Der Lebensraum - im Sinne des Raumes, der für den Einzelnen Relevanz hat - wird individuell sehr verschieden. Die Pfarrei, die faktisch eine nah- bzw. wohnraumorientierte Pastoral betreibt, hat damit in erster Linie nur noch für die Christen eine Bedeutung, die weniger mobil und überwiegend wohnortbezogen sind, für andere verliert sie zunehmend an Relevanz.
Adressatenorientierung ist ein Teil der Botschaftsorientierung
Gerade das, was die Pfarrei einmal auszeichnete, nämlich dass sie für möglichst viele Lebensbereiche relevant war, büßt sie für einen hohen Bevölkerungsanteil ein – auf dem Land in wohl vorläufig noch geringerem, in der Stadt in höherem Maße. Die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft in sehr viele verschiedene und eigenständige Bereiche wie Wirtschafts-, Gesundheits-, Erziehungswesen usw. ist so groß und die Integrationsanforderungen an die Kirche sind so vielfältig geworden, dass eine Aufteilung der Bistümer in weitgehend nach dem gleichen Muster arbeitende Pfarreien nicht mehr ausreicht. Eine solch segmentäre Differenzierung mit sich vielfach wiederholenden seelsorglichen Angeboten mag zwar die durch die Geschichte verlaufende Tradition mit biblischen Wurzeln fortführen und so für eine Kontinuität der Kirche sorgen, aber eine gegenwartsbezogene, am Adressaten orientierte Verkündigung der christlichen Botschaft ist bestenfalls in sehr begrenzten Maßen möglich. Zurecht sagt der Tübinger Pastoraltheologe Ottmar Fuchs, dass die Adressatenorientierung Teil der Botschaftsorientierung ist. „Das Pathos der Wahrheit ersetzt nicht die Vermittlung, zumal es im Christentum um eine Wahrheit geht, die erst dann zustande kommt, wenn sie angekommen ist und Relevanz gewinnt.“ (Ottmar Fuchs in: Ebertz, Fuchs, Sattler, 93, 2005). Eine am Adressaten orientierte, gegenwartbezogene Pastoral gehört deshalb in gleicher Weise zu einer Gemeinde wie die an der Tradition orientierte. Es leuchtet ein, dass eine solch umfassende Pastoral von Pfarreien, die alle nach dem selben Muster arbeiten, heute bei der Vielfalt der Lebensentwürfe nicht mehr erfüllt werden kann.
Plurale kirchliche Orte
Will eine Pfarrei unter den heute veränderten Bedingungen Relevanz für Person und Gesellschaft gewinnen – also seelsorglich und pastoral Relevanz beanspruchen –, kommt sie nicht umhin, neben dem Grundbestand an Verkündigung und Gottesdiensten sich wenigstens auf ein oder zwei Gebieten zu spezialisieren und sich für eine am Adressanten und an den örtlichen Notwendigkeiten und Ressourcen orientierte Pastoral zu öffnen, sich dabei ggf. arbeitsteilig zu vernetzen und mit anderen kirchlichen und nicht-kirchlichen Einrichtungen zusammenzuarbeiten. Wenn jede Pfarrei bzw. Seelsorgeeinheit einen anderen Schwerpunkt wählt, wird gesamtkirchlich das Bild viel bunter und lebensnaher. Es ist – wie gesagt – freilich notwendig, zu kooperieren und Verweispunkte auf andere kirchliche Orte zu schaffen, wo etwas angeboten wird, was man selbst nicht anbieten kann. Im Blick auf die einzelne Pfarrei kann das Angebot nicht vollständig und flächendeckend sein, im Blick auf die kirchliche Gesamtpastoral sollte es aber möglichst vielfältig sein, um dem Auftrag, die universelle Heilsbotschaft für alle zu verkünden, gerecht zu werden. Die „Gemeinde“ wäre in dieser Sicht dann streng genommen das ganze Bistum, das sich in verschiedene Orte von Seelsorge und Pastoral aufteilt. Solche Orte sind eine Pfarrei ebenso wie etwa die Krankenstation, ein Kloster, ein spirituelles Zentrum, einen Bildungshaus, eine Schule oder die Citypastoral. Es geht nicht darum, die Pfarrei aufzulösen, sondern sie umzuformen zu einem Ort, der neben der diachronen, durch die Geschichte verlaufenden Tradition auch die gegenwartsbezogene, synchrone Verkündigung wahrnimmt. Mal wird es mehr die synchrone, mal mehr die diachrone Pastoral sein, die den jeweiligen kirchlichen Ort prägt. Die neuen, größer gewordenen Seelsorgeeinheiten bilden dafür gute Vorraussetzungen unter der Bedingung, dass sie nicht nur zur größeren Pfarreien nach dem alten Muster werden.
Arbeitsteilige Kooperation als Antwort auf die funktional differenzierte Gesellschaft
Dass dabei die Feier der Sakramente, insbesondere der Eucharistie eine unverzichtbare Rolle spielt, ergibt sich aus dem kirchlichen Selbstverständnis. Aber nicht an jedem Ort muss Eucharistie gefeiert werden, wenn man den Gedanken des stellvertretenden Feierns wieder neu ins Bewusstsein ruft. Die Eucharistiegemeinschaft ist größer als die feiernde Gemeinde vor Ort. Sie feiert immer auch für die, die nicht da sind - ein Gedanke, der eine lange Tradition in der Kirche hat und die Eucharistiefeier wieder neu belebt.
Dieses Modell von Kirche setzt freilich die Bereitschaft zu einer arbeitsteiligen Kooperation voraus und braucht Knotenpunkte, die auf andere kirchliche Orte verweisen, die ebenfalls stellvertretend etwas leisten, was die eigene „Gemeinde“ nicht leisten kann.
Die Kirche als Ganze und mit ihr die einzelnen Pfarreien und kirchlichen Orte bekommen durch eine solche Arbeitsweise eine neue Bedeutung, weil sie der funktionalen Differenzierung unserer Gesellschaft weit mehr Rechnung tragen. Die Kirche kann so Gelegenheiten entdecken, wo sie die Menschen in „Zwischenräumen“ erreicht, oft vielleicht nur punktuell und temporär. Was die Menschen aus solchen Angeboten machen, ob sie sie dauerhaft nutzen oder bei Gelegenheit, ob sie regelmäßig zur Kirche kommen oder nicht, kann nicht das erste Kriterium sein. Weit wichtiger ist, dass die Kirche sie überhaupt erst einmal wieder erreicht und ihnen die Botschaft vom mitten unter uns schon angebrochenen Reich Gottes vermitteln kann, ohne mit dem Gedanken der Rekrutierung zu spielen. Die sakramentale Gestalt wird in einer solchen Kirche grundlegend, damit solche „Zwischenräume“ entstehen können und umgekehrt sorgen die „Zwischenräume“ dafür, dass die sakramentale Gestalt wieder an Bedeutung gewinnt.
Wolfgang Fischer
Liturgiereferent im Bistum Mainz, langjähriger Mitarbeiter im Projektteam von LOS, Leiter und Mitarbeiter in einzelnen lebensraumorientierten Projekten.