„Nicht die Starken brauchen den Arzt, sondern die übel dran sind." - Tag der Gefangenen
10. So/A , 8. Juni 2008
Radiogottesdienst (Deutschlandfunk und Deutsche Welle)
Predigt von Diakon Klaus Baum, Pfarreienverbund Gonsenheim
Schrifttext
Als Jesus weiterging, sah er einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Matthäus auf und folgte ihm. Und als Jesus in seinem Haus beim Essen war, kamen viele Zöllner und Sünder und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern.
Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.
Predigt
Liebe Gemeinde hier in St. Stephan und am Radio:
in dem eben gehörten Evangelium aus der Einheitsübersetzung ist die Rede von gesunden und kranken Menschen und von einem Arzt, der sich zuallererst denen zuwendet, die ihn brauchen - den Kranken.
Der Alttestamentler Friedolin Stier übersetzt den griechischen Originaltext folgendermaßen: „Nicht die Starken brauchen den Arzt, sondern die übel dran sind." Gemeint sind also nicht nur Menschen mit rein körperlichen Beschwerden, sondern alle, die in Not sind und Hilfe brauchen. Ich persönlich finde diese Übersetzung hilfreicher.
Um dieses Evangelium besser zu verstehen, ist die Kenntnis über die gesellschaftliche Stellung des Arztes zu Zeit Jesu wichtig. Die frommen Juden hatten zum Arzt ein eher distanziertes Verhältnis. Durch seine regelmäßigen Kontakte zu Kranken wurde er häufig gemieden. Krankheit galt damals als Strafe Gottes. Und so war jeder Kranke ein Sünder, ein Unreiner, mit dem ein guter Jude nicht verkehrte. - Der Arzt durchbricht diese Tabus, weil es ihm zuallererst um den kranken Menschen und seine Heilung geht und nicht um die Einhaltung religiöser Gesetze.
„Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer". Dieser Satz am Ende des Evangeliums ist ein Zitat aus der ersten heutigen Lesung, dem alttestamentlichen Buch Hosea (6,6). Der Autor des Matthäus-Evangeliums kommt aus dem Judenchristentum. Das eben verwandte Zitat bringt diese jüdische Tradition zum Ausdruck. Der Autor wollte die damaligen Kultgesetze nicht abschaffen. Aber: Das Liebesgebot sollte über den Gesetzen stehen. Religiöse Gesetze sollen helfen, damit Leben gelingen kann. Wenn sie die Menschen jedoch einengen oder gar unter-drücken, verlieren sie ihre Berechtigung. Im Mittelpunkt steht der Mensch.
Tag der Gefangenen
Was hat das eben Gesagte mit dem „Tag der Gefangenen" zu tun, den wir heute in unserer Gemeinde feiern? Dieser Tag geht auf Papst Johannes Paul II zurück und wurde zum ersten Mal im Heiligen Jahr 2000 begangen. Der Papst wollte mit dieser Initiative den weltweit inhaftierten Frauen und Männern besondere Aufmerksamkeit schenken. Sie gehören zu den Menschen die - wie es Friedolin Stier formuliert hat, - „übel dran sind". Die Gefängnisseelsorger des Bistums Mainz, zu denen ich 22 Jahre gehörte, griffen die Initiative auf und gaben ihr das Motto: „Menschen hinter Gittern haben Gesichter." Dieses Motto ist heute in unserer Kirche sichtbar. Heute sind hier Schwarz-Weiß-Fotografien von ehemaligen Gefangenen ausgestellt, die dazu ihre Erlaubnis gegeben haben. Sie entstanden in dem Projekt Kunst im Strafvollzug aus der Justizvollzugsanstalt Butzbach. Menschen hinter Gitter haben Gesichter, vielfältige Gesichter. Jeder einzelne Gefangene ist eine Persönlichkeit mit einer einmaligen Lebensgeschichte. Diesen Menschen werden wir nur gerecht, wenn wir versuchen, eben nicht zuerst durch das Gesetzbuch auf sie zu schauen, sondern durch den Blick des Arztes auf seine Patienten. Ich habe an den Biografien der Gefangenen gelernt:
Verbrechen sind oft Ausdruck von Gebrechen. Nicht wenige Ge-fangene waren früher selbst Opfer, bevor sie Täter wurden: Opfer von häuslicher Gewalt, Opfer von sexuellem Missbrauch, Opfer eines Umfeldes mit Alkohol und Drogen, Arbeitslosigkeit und permanenter Vernachlässigung durch die Eltern.
Natürlich ist eine unglückliche Kindheit oder eine zerrüttete Familie nicht die alleinige Ursache dafür, dass ein Mensch straffällig wird. Aber viele Menschen wären nicht ins Gefängnis gekommen, wenn sie in ihrem Leben stabile Beziehungen gehabt hätten, wenn sie eben nicht so „übel dran" gewesen wären.
Seelsorge für Gefangene - eine Aufgabe für die ganze Kirche
„Nicht die Starken brauchen den Arzt, sondern die übel dran sind."
Aus diesem Grund nimmt die Kirche den Auftrag Jesu Christi ernst, die Gefangenen zu besuchen, wie es bei Matthäus 25, Vers 36 steht. Gefängnisseelsorger sind einerseits Grenzgänger und andererseits Brückenbauer. Grenzgänger sind sie, weil sie zwischen zwei Welten pendeln, die nichts miteinander zu tun haben - der Welt vor und der Welt hinter der Mauer. Sie versuchen aber auch, diese beiden Welten mitein-ander zu verknüpfen; sie bauen sozusagen eine Brücke aus dem Ge-fängnis hin zur Familie, der Gesellschaft, der kirchlichen Gemeinde. Sie versuchen zur Resozialisierung beizutragen. Sie durchbrechen Tabus wie damals der Arzt zur Zeit Jesu: Kriminelle, die in der Regel von der Gesellschaft gemieden und ausgegrenzt werden, werden bewusst aufge-sucht und betreut - aus christlicher Sicht ein Geste der Barmherzigkeit.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Und was ist mit den Opfern? Wer denkt an sie? Es wäre völlig falsch, die Straftaten und die Opfer auszublenden oder Versöhnung und Wiedergutmachung, wo das möglich ist, nicht an-zusprechen. Aber wir nehmen Partei dafür, in Straftätern den Menschen und nicht nur den Täter zu sehen.
Deshalb darf die Gefängnisseelsorge nicht nur Anliegen der „Amtskirche" sein. In vielen Gemeinden ist ein vorbildlicher Kranken- bzw. Seniorenbesuchsdienst eingerichtet. Können wir uns vorstellen, dass die Sorge um Gefangene in unserer Gemeinde ebenso selbstverständlich ist wie jede andere caritative Tätigkeit?
Diakonie kann vielfältig aussehen: Durch regelmäßigen Besuch von Gefangenen, deren Begleitung nach der Entlassung, Unterstützung der Familien von Inhaftierten. Dringlichst müssen wir uns um diejenigen kümmern, die besonders gefährdet sind. Dazu gehören insbesondere Kinder und Jugendliche aus den Risikogruppen.
Die Ehrenamtlichen, die mich in der Gefängnisseelsorge unterstützt haben, haben alle festgestellt: Diese Arbeit hat auch mich bereichert. Ich habe erfahren, dass ich vieles habe, was ich bislang als selbstverständ-lich betrachtet hatte: Familie, Beziehungen, Arbeit, Einkommen.
Es braucht die Barmherzigkeit
Liebe Gemeinde hier in St. Stephan und am Radio:
Ich möchte schließen mit einem Zitat von Kardinal Lehmann. Dieses Zitat passt gut zum heutigen Aktionstag. „Es braucht die Barmherzigkeit auch als einen Stachel, als einen Antrieb für alle Gerechtigkeit, damit wir überhaupt in unserem Herzen gerührt werden; damit wir wahrnehmen können, dass ein anderer leidet, damit wir in und durch Solidarität mit ihm sehen, was ist ."
Auf diese Weise können Christen für Gefangene da sein. Amen.
Diakon Klaus Baum (E-Mail-Kontakt: diakon.baumst-stephan.net)