Ostern - leben aus der großen Überraschung Gottes
4.4.2010 - Ostersonntag
Lesejahr C
Evangelium: Lk 24,1-12
Diakon Klaus Baum
Unglaublich ist die Osterbotschaft...
Unglaublich ist die Osterbotschaft für die Frauen, die nach dem Sabbat in aller Frühe zum Grab gehen, um den toten Jesus zu salben. Doch das Grab ist leer und der Leichnam ist verschwunden. Ratlosigkeit macht sich bei ihnen zuallererst breit, keineswegs Auferstehungsfreude. Und als sie den Aposteln berichten, was ihnen die zwei Männer in leuchtenden Gewändern gesagt haben: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden", halten die anderen das für Geschwätz und glauben ihnen nicht. Selbst Petrus, der danach zum Grab läuft, um sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen, dort aber nur die Leinenbinden liegen sieht, bleibt verwundert und irritiert zurück. Ja, es stimmt, die Kunde von der Auferstehung des Gekreuzigten ist eine unglaubliche Botschaft, die das Normale und das durch menschliche Erfahrung Abgesicherte überschreitet. Auch die Entdeckung eines leeren Grabes beweist noch nichts. Sie allein führt noch nicht zum Osterglauben, sondern ruft zuerst Entsetzen und Ratlosigkeit hervor- wie es das Evangelium ja auch deutlich macht. Etwas anderes muss geschehen. Der vom Tod Auferstandene überrascht seine Jüngerinnen und Jünger, denn er wird erkennbar und erfahrbar für sie. Aus der Begegnung mit ihm wächst in ihnen die unumstößliche Gewißheit, dass er lebt, dass er sie liebt und dass er damit neues Leben für sie alle schafft. Das ist die Osterfreude.
Ja, überrascht und überwältigt sind sie von der Begegnung mit dem Auferstandenen. Das führt später dazu, dass sie alles dransetzen, die Osterbotschaft den Menschen zu verkünden - selbst bei Gefahr von Leib und Leben. So legen sie das Fundament für die weltweite Verbreitung des Christentums. Ihr mutiges und beeindruckendes Zeugnis, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde, befähigt und ermutigt auch uns heute, selbst an die Auferstehung zu glauben.
Offen sein für das Außerordentliche
Die Gegner Jesu wollten genau das verhindern. Sie wollten verhindern, dass seine Botschaft weiterwirkt. Deshalb töteten sie ihn... und... das Unglaubliche, das Überraschende geschieht: Das, was sie zu Ende bringen wollten, wird zum Anfang; was tot sein sollte, lebt. Staunend stehen wir vor diesem unglaublichen Ereignis. - Und weil wir das Unglaubliche nicht begreifen, letztlich auch nicht in Worte fassen können, feiern wir es. Wenn wir Ostern feiern, geben wir dem Leben neuen Raum, richten wir uns nicht im Gewohnten ein, bleiben wir offen für das Außerordentliche. Ostern zu feiern bedeutet, nicht überraschungsfest zu sein, wie es der Theologe Johann Baptist Metz einmal treffend formuliert hat. Und er hat Recht - gerade an Ostern. Denn Ostern ist die große Überraschung. Wer an den Auferstandenen glaubt, lebt aus der großen Überraschung Gottes. Deshalb lässt er der Überraschung Raum, denn für Gott ist nichts unmöglich! Ostern hält Überraschendes bereit. Werden wir also nicht überraschungsfest, sondern feiern wir das Fest der Überraschung.
Wir feiern in dieser Stunde die Mitte, den Dreh- und Angelpunkt des Christentums: nämlich den Glauben an die Auferstehung Jesu von den Toten und damit auch das Bekenntnis zu einer Hoffnung für uns Menschen über den Tod hinaus. Wir feiern, obwohl wir uns unserer Sache nicht sicher sein können. Wir feiern, obwohl uns die Kritiker vorhalten, dass unser Glaube reines Wunschdenken ist, weil wir uns einfach mit dem Tod nicht abfinden können. - Der arabische Schriftsteller Kahlil Gibran erzählt in einer Legende: „Das Auge sagte: Ich sehe hinter diesen Tälern im Dunst einen Berg. Darauf sagte das Ohr: Ich höre keinen Berg!, die Nase: Ich rieche keinen Berg! und die Hand: Ich versuche vergeblich, einen Berg zu greifen. Sie verstanden die seltsame Aussage des Auges nicht und kamen zu dem Schluss: Mit dem Auge stimmt etwas nicht." - Trotz der Einwände, die uns Kritiker vorhalten, feiern wir heute das Leben, die Hoffnung, den Sieg über den Tod, die Unzerstörbarkeit unseres zerbrechlichen Lebens! Wir möchten nicht so töricht sein wie Nase, Hand und Ohr; wir möchten dem Auge des Glaubens trauen, das uns verheißt: Hinter dem dunstigen Tal des Todes ragt der Berg des Lebens! Wenn das kein Grund zu feiern ist?!
Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, Ostern, das Fest der Überraschung, will in den Alltag hineinwirken. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Sucht ihn bei euch, im Alltag, im Leben - dort werdet ihr ihn finden!" Mit den Frauen werden wir auf den Weg geschickt - mit all unseren Fragen und Zweifeln, unseren Sehnsüchten und Hoffnungen. Heute und hier in der Gegenwart, an den Or-ten unseres Lebens sollen wir Jesus suchen. Und wer ihn sucht, da bin ich gewiss, wird ihn finden, wird dem Auferstandenen begegnen. Wir müssen uns nur - wie die Frauen - auf den Weg machen und bereit sein, uns von ihm überraschen zu lassen. Denn begegnen kann er uns überall, auch dort, wo wir es überhaupt nicht vermuten.
Schließen möchte ich mit Gedanken von Annemarie Schmitt:
Ostern
Leben ist Geschenk
ein Geheimnis
eine offene Frage
Antwort wächst
aus dem Wissen
um Nichtwissen
aus dem Begreifen
des Unbegreiflichen
aus dem Geheimnis
geschenkten Vertrauens
aus der Auferstehung
ins Leben
(Annemarie Schmitt)
Diakon Klaus Baum