Reiß doch den Himmel auf und komm herab!

Predigt von am ersten Adventssonntag 2008, Lesejahr B

Diakon Klaus Baum

Lesung: Jes 63,16b-17.19b; 64,3-7
Evangelium: Mk 13,33-37

Schrifttext (Jes 63,16b-17.19b; 64,3-7)

Du, Herr, bist unser Vater, „Unser Erlöser von jeher" wirst du genannt. Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, so dass wir dich nicht mehr fürchten? Kehre zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Eigentum sind.

Reiß doch den Himmel auf, und komm herab, so dass die Berge zittern vor dir. Seit Menschengedenken hat man noch nie vernommen, kein Ohr hat gehört, kein Auge gesehen, dass es einen Gott gibt außer dir, der denen Gutes tut, die auf ihn hoffen.

Ach, kämst du doch denen entgegen, die tun, was recht ist, und nachdenken über deine Wege. Ja, du warst zornig; denn wir haben gegen dich gesündigt, von Urzeit an sind wir treulos geworden. Wie unreine Menschen sind wir alle geworden, unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid. Wie Laub sind wir alle verwelkt, unsere Schuld trägt uns fort wie der Wind.

Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, festzuhalten an dir. Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und hast uns der Gewalt unserer Schuld überlassen.
Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton, und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände.

Die Zukunft ist düster und bedrückend.

Die alttestamentliche Lesung aus dem Buch Jesaja ist ein Gebet, ein Klage-Gebet, weshalb man hier auch gerne von einem Volksklagelied oder einem Volksklagepsalm spricht; leider haben wir nur einen Ausschnitt daraus gehört. Trotz dieses Fragments ist der Text sehr eindringlich, vielleicht gerade deshalb, weil er eine dramatische Vorgeschichte hat. Zu dieser Vorgeschichte gehört ein verlorener Krieg, das babylonische Exil, die Heimkehr der Vertriebenen und der schwierige, der mühsame Wiederaufbau. Große Teile der Hauptstadt Jerusalems liegen immer noch in Trümmern, der zerstörte Tempel muss wieder aufgebaut werden, vom wirtschaftlichen Aufschwung, der langsam greift, profitieren nur wenige. Kein Wunder, dass die anfängliche Euphorie, der anfängliche Optimismus nach der wiedergewonnenen Freiheit bei den Israeliten zusehends verloren geht. Die Zukunft ist für viele düster und bedrückend, fast aussichtslos.

Du bist schuld!

Und so klagen sie Gott ihr Leid, ja mehr noch, sie klagen ihn an - denn sie fühlen sich von ihm im Stich gelassen. Ist es nicht nachvollziehbar, dass nach all den leidvollen Erfahrungen, die nicht enden wollen, viele sich enttäuscht von ihm abwenden und nichts mehr von ihm wissen möchten? Wie heißt es bei Jesaja: „Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, so dass wir dich nicht mehr fürchten?"
Anders formuliert: Warum hast du das alles zugelassen? Du bist schuld! Wo ist deine Macht, dein Mitleid, deine Fürsorge uns Menschen gegenüber? Wunderst du dich etwa, dass die Menschen nicht tun, was recht ist, und sie von Gerechtigkeit nichts wissen wollen, dass niemand deinen Namen anruft und bereit ist, an dir festzuhalten? „Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und hast uns der Gewalt unserer Schuld überlassen."
Die Menschen des Alten Testaments suchen die Ursache für ihre Misere interessanterweise nicht nur bei sich, sondern auch bei ihrem Gott - und so gehen sie mit ihm regelrecht ins Gericht.

Warum?

Haben wir mit den Menschen von damals nicht vieles gemeinsam?
Denn auch wir fragen uns, wenn uns Schicksalsschläge ereilen:
Warum, Gott, lässt du das zu?
Warum greifst du nicht mit starker Hand ein und wendest unsere Not?
Warum bin ich oder eines meiner lieben Familienmitglieder so schwer erkrankt?
Warum musste unsere Beziehung cheitern?
Warum bin gerade ich arbeitslos geworden? Warum?

Warum machst du, Gott, es uns oft so schwer, unser Vertrauen auf dich zu setzen, in Beziehung zu dir zu treten? Warum bist du uns oft so fern?

Fragen an einen Gott, den ich nicht verstehe! - Das Du zu verstehen setzt Beziehung, setzt Dialog voraus. Und so finde ich es gut, dass die Menschen des Alten Testaments ihre Bitten, ihre Klagen und ihre Fragen Gott zumuten, und uns somit ermutigen, es ihnen gleichzutun. Es ist legitim mit Gott zu streiten, mit ihm ins Gericht zu gehen. Warum sollten wir den Vorwürfen und Bitten, den Anfragen und Klagen, die wir Gott gegenüber haben, nicht auch in unseren Gottesdiensten, in unseren Gebeten und Gesängen Raum geben? Wenn wir das tun, stehen wir in guter biblischer Tradition. Wenn wir das tun, erwarten, erhoffen wir noch etwas von ihm, drückt sich darin unsere Sehnsucht aus, ihn zu verstehen, ihn, den Jesaja unseren „Vater" nennt, unseren „Erlöser von jeher". Deshalb formuliert der Prophet stellvertretend für sein Volk eindringlich die Bitte: „Kehre zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Eigentum sind."
Gott wird aufgefordert zurückzukehren, gewissermaßen umzukehren, aus seinem Versteck herauszutreten, seine Verborgenheit abzustreifen, sich so zu zeigen, dass es keine Zweifel geben kann über ihn und über das, was sein Wille genannt wird.

Reiß doch den Himmel auf und komm herab!

Und dann kommt jenes Bild, das in einem Kirchenlied von Friedrich Spee zu einem der bekanntesten Motive der Adventszeit geworden ist: „Reiß doch den Himmel auf, und komm herab, so dass die Berge zittern vor dir." - Damit sind wir beim zentralen Thema des Advents: Der Sehnsucht des Menschen nach Gott, dessen Ankunft erwartet wird. Es ist die Sehnsucht nach einem Gott, der in Beziehung mit uns tritt, der jegliche Distanz zu uns abbaut, sich öffnet, auf uns zugeht, uns nahe ist - und der auf diese Weise die Welt, in der so viel im Argen liegt, erneuert. Deshalb immer wieder der Ruf damals wie heute: „Reiß doch den Himmel auf, und komm herab...".

Seid also wachsam!

Gott ist herabgekommen - er hat unsere Sehnsucht erfüllt durch seinen Sohn Jesus Christus. Durch ihn initiierte Gott diesen historischen, diesen einmaligen heilsgeschichtlichen Anfang. Er kam und er kommt immer wieder von neuem in unsere Welt, zu uns Menschen. - Auch heute möchte er bei uns ankommen. Jedoch um seine Ankunft nicht zu verpassen, müssen wir wachsam sein - wie der Türhüter aus dem heutigen Evangelium. „Seid also wachsam!", so schreibt Markus. „Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen. Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen."

Wann er kommt, wissen wir nicht, aber, dass er kommt! Gott kommt nicht nur an Weihnachten zu uns, er will uns im Alltag begegnen - jeden Tag neu. „Seid also wachsam!" Der Advent lädt uns zu dieser Wachsamkeit ein, die wir besitzen können, wenn wir uns nach Gott sehnen. Denn wonach ich mich sehne, danach halte ich Ausschau, dafür bin ich wach und aufmerksam. Darum geht es im Advent und über diese geprägte Zeit hinaus: Ausschau halten nach Gott, ihn suchen, mit leidenschaftlicher Sehnsucht.
Diese Suche kann beginnen mit einigen Minuten Innehalten in der Kirche, mit einem Gespräch, das ich schon längst führen wollte, mit geschenkter Zeit für einen Besuch, mit bewusstem Lesen oder dem Lesen und Meditieren der diesjährigen Lesungstexte des Advent, mit Wach-Sein für die Menschen um mich herum.

Augustinus hat einmal den schönen Satz formuliert: „Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir." Die hier angesprochene Sehnsucht ist zu groß, als dass sie sich in anderen Menschen letztlich erfüllt, sie ist auf den ganz Anderen ausgespannt. Das Entscheidende kommt noch. Es ist noch längst nicht aller Tage Abend. Der Entscheidende ist im Kommen.

Diakon Klaus Baum  (E-Mail-Kontakt: diakon.baumst-stephan.net)