Priester fallen nicht vom Himmel!

Predigt zum 4. Sommer der Osterzeit (Lesejahr B)

2./3.5.2009

Lesung: 1 Joh 3,1-2
Evangelium: Joh 10,11a.10b.11b-18

Ein Rückblick ins Jahr 1972

Ich möchte Sie in Gedanken in das Jahr 1972 mitnehmen - 37 Jahre zurück ...
Da ist ein Schüler - 17 Jahre alt - an einem Gymnasium - ein Jahr vor seinem Abitur.
Mit Freunden bereitet er sich auf das Sommerlager vor - jedes Jahr ein Höhepunkt in der kirchlichen Jugendarbeit an dieser Schule.

Unmittelbar vor Beginn des Zeltlagers erfährt er, dass der Geistliche, mit dem das Sommerlager vorbereitet wurde, seinen priesterlichen Dienst aufgeben und heiraten wird. Für unseren jungen Mann bricht eine Welt zusammen.
Gerade dieser Priester hatte ihn in den letzten Jahren geprägt - so geprägt, dass unser Schüler fest entschlossen war, Theologie zu studieren. So wie dieser Mann Gottesdienst feierte, so wie er mit jungen Menschen in der Jugendarbeit umging, so wollte das auch unser Schüler - und unbewusst hatte er diesem Geistlichen nachgeeifert.
Die Sprachen Latein und Griechisch hatte er schon in der Tasche und auch das Hebräisch hatte er bei einem alten Pater gelernt. Eigentlich gute Voraussetzungen für das Theologiestudium - und jetzt diese Nachricht ...
Der junge Mann war geschockt. Ein Priester, der für unseren Schüler zum Vorbild geworden war, war plötzlich nicht mehr da: Sein Zukunftsbild und Traum kam ins Wanken ...

Doch nicht genug: Ein Jahr später - mitten in den Vorbereitungen auf das Abitur - kam der nächste Schlag: Auch der Pfarrer seiner Heimatgemeinde, von dem unser Schüler begeistert war, gab seinen Dienst auf. Beiden Männern war die Last des Zölibates zu schwer geworden.

Für den jungen Mann, der sich bald nach dem Abitur im Priesterseminar anmelden wollte, brach eine Welt zusammen. Zwei Geistliche - zwei Menschen -, die ihre Spuren in seinem Leben hinterlassen hatten, waren mit einem Mal nicht mehr da. Die beiden priesterlichen Leitbilder und Vorbilder waren innerhalb eines Jahres verschwunden.

"Es ist Deine Entscheidung! Überleg' Dir gut, was Du tust!"

Seinen Eltern sagte unser junger Mann nur nebenbei, was er eigentlich vorhatte; es war ein Gespräch zwischen Tür und Angel.
Und die Reaktion des Vaters war kurz und knapp: "Es ist Deine Entscheidung! Überleg' Dir gut, was Du tust!"

Zeit zum Überlegen und neu Sortieren war da: So begann unser Student sein Theologiestudium in Mainz, verbrachte ein Studienjahr in Freiburg - erlebte zwischen-durch, was Freundschaft und „verliebt-sein" bedeutet, und ging seinen Weg mit Höhen und Tiefen weiter - bis hin zur Priesterweihe ...

Und heute ...

Heute ist dieser Mensch Pfarrer in Mainz-Gonsenheim, St. Stephan. Ja, der Weg des Schülers und Studenten, den ich beschrieben habe, ist mein Weg gewesen. -
Warum erzähle ich Ihnen das heute?
Der 4. Sonntag der Osterzeit ist seit 45 Jahren der Gebetstag um geistliche Berufungen. Und wie soll ich Ihnen etwas über den Priesterberuf sagen, wenn ich nicht meinen eigenen Weg dabei im Blick habe und auf das schaue, was war und was ist.

Höhen und Tiefen gab es seit der Priesterweihe 1980 immer wieder. Doch im Rückblick auf 29 Priesterjahre kann ich sagen: "Es war gut, dass ich diesen Weg gegangen bin.
Und ich bin dankbar für viele, viele Menschen, die mich manchmal eine kurze, manchmal aber auch eine lange Wegstrecke begleitet und gestützt haben."

Es hat Situationen gegeben - und es wird sie immer wieder geben -, da ist dieser Dienst zur Last geworden - zu einem Kreuz, das schwer wird und drückt.

Der Abschied von Mitbrüdern, die ich gekannt und geschätzt habe und die nicht mehr im kirchlichen Dienst sind, gehört dazu.

Auch traurige und leidvolle Erfahrungen zähle ich dazu, wenn ich mich ratlos und hilflos fühle, wenn ich mich - so wie Don Camillo - zum Kreuz hinwende und frage:
„Chef, was hast Du eigentlich mit mir vor?"

Was mich hält

Jetzt könnte einer fragen: Was hält Dich eigentlich noch, wenn man Dich so reden hört?"
Und ich antworte: Die Menschen - Menschen, die mir Mut machen, halten mich; Menschen, die für mich da sind und für mich beten - oft, ohne dass ich es weiß.

Meine Mutter, meine Familie, mein Weihekurs, Freundinnen und Freunde, die ich schon lange kenne, meine engsten Mit¬arbeiterinnen und Mitarbeiter halten mich und halten mich auch aus - und schließlich: Jesus Christus selbst -
DER, vor dem ich mich am 28. Juni 1980 im Mainzer Dom ausgestreckt habe und in dessen Namen und Auftrag der damalige Bischof, Kardinal Volk, sagen konnte:
„Geh, ich sende dich!" -

„Priester fallen nicht vom Himmel!"

Und Sie alle haben schon ganz unterschiedliche Priester erlebt - so wie ich auch.
Braucht unsere Welt - brauchen die Menschen in Deutschland - brauchen die Menschen in Gonsenheim noch Priester oder ist unser Typ ein ‚auslaufendes' Modell?

Die Zahlen, was Priesterweihen und Eintritte in das Priesterseminar betrifft, sprechen eine eindeutige Sprache: Waren zu unserer Zeit noch zwischen 80 und 100 Studenten
im Priesterseminar, so sind es heute zwischen 20 und 30.

Die Erwartungen an einen Priester sind enorm: Theologe soll er sein - Fachmann in Sachen Religion und Glauben - Schriftgelehrter - Verwalter der Sakramente - Krisenmanager - Prophet - Therapeut und Seelenmasseur - Weg-Weiser und Berater - Vor-Beter - Lehrer - Liturge - Hirte und Seel-Sorger - Funktionär - Repräsentant seiner Kirche und - weil er Gemeindeleiter ist - Manager und Bau-meister und Finanzfachmann und ... und ... und ...
Wundert es uns, dass die Zahlen der zukünftigen Priester so stark rückläufig sind?
... dass auch in den anderen kirchlichen Berufen ein enorm großer Rückgang und zahlenmäßiger Einbruch herrscht?
Nur Todesmutige oder hoffnungslos Naive - so scheint es - machen sich auf den Weg, diesen Beruf zu ergreifen.

Beruf oder eher Berufung?

Vor allem guten Willen und vor allen Fähigkeiten, die man für den priesterlichen Dienst mitbringen soll, steht wohl doch ein ganz persönlicher Ruf - von Gott her!

Der gute Wille und die Bereitschaft, diesen Weg einzuschlagen, die persönliche Berufung ist das eine - die Beauftragung und Sendung durch die Kirche, durch den Bischof im Sakrament der Priesterweihe ist das andere. Nicht der einzelne erwählt sich, auch nicht die Gemeinde wählt, die Kirche beauftragt und sendet - vertreten durch den Bischof.

Vor aller Aufgabenbeschreibung des Priesters muss deutlich sein:
Der Priester macht nicht Seelsorge, er ist Seelsorger - oder aber er ist kein Priester!
Der erste Satz aus dem heutigen Evangelium ist einer meiner Lieblingssätze in der Bibel geworden, und er könnte so etwas wie ein Dienst- und Berufsprogramm für die Priester sein: "Ich bin gekommen, damit die Menschen das Leben haben und damit sie das Leben in Fülle haben!" (s. Joh 10,10) Das Lebensprogramm Jesu muss auch das Programm des Priesters sein.

Und das kann manchmal - vor allem in der heutigen Zeit - eine gewaltige Überforderung sein.

Ganz von Christus her - ganz auf die Menschen hin!

Ganz von Christus her - ganz auf die Menschen hin! Das macht das Priestersein ja so spannend: dass auch der Priester nur ein Mensch ist - nicht schlechter, aber auch nicht besser als jeder andere. Und darum darf man nichts ‚Über-Menschliches' von ihm
erwarten.

Ab und an wird der Priester als ‚Geistlicher' bezeichnet. in guter, ein schöner Begriff: ein ‚geist-licher' Mensch! In seinem Leben und Wirken soll deutlich werden, wes Geistes Kind er ist!

Wenn die Priesterkandidaten bei der Weihe ausgestreckt am Boden liegen - vielleicht das ausdrucksstärkste Zeichen überhaupt! -, dann wird deutlich, dass die entscheidende und wichtigste Kraft „von oben" kommt, von Gott, der uns mit seinem Geist stärken will.

Und dennoch stimmt der Satz: "Priester fallen nicht vom Himmel!" Sie kommen aus unseren Gemeinden - sie wachsen in unseren Familien. Gibt es bei uns ein Klima - eine Atmosphäre, in der geistliche Berufungen wachsen können? Machen wir das Anliegen, um geistliche Berufungen in unserer Zeit zu beten, auch zu unserem eigenen Anliegen?

Der verstorbene Schriftsteller Heinrich Böll sagte einmal über den Priester:
„Er ist ein Himmelskomiker!"
Warum eigentlich nicht, wenn deutlich wird, in wessen Auftrag und Sendung er tätig ist,
und wenn die Menschen erfahren können: "Das, was er sagt und tut, macht er ‚mit Leib und Seele' - über-zeugt und über-zeugend und glaub-würdig!" -
Ich meine, es lohnt sich (um mit Heinrich Böll zu sprechen), wenn es auch in Zukunft solche „Himmelskomiker" gibt und wenn wir sie in unser Gebet einschließen.

Pfarrer Hans-Peter Weindorf, E-Mail-Kontakt: pfarrbuero@st-stephan.net