Lasst Blumen sprechen - Pfarrfest 2009

23. Sonntag im Jahreskreis (B), 6.9.2009

Lesung: Jak 2,1-5
Evangelium: Mk 7,31-37

Pfarrer Hans-Peter Weindorf

Vor dem Altar stehen: Sonneblumen, eine rote Rose, Stiefmütterchen, eine Lilie, Kaktus, Mimose, tränendes Herz, Brennnessel, Chrysanthemen, Basilikum, Pfefferminz, Efeu.

Predigt

Als ich mir so meine Predigt-Gedanken für diesen Gottesdienst beim Pfarrfest machte, stieß ich auf eine Idee, die mich schon lange begleitete:
Ich könnte uns ALLEN ja mal etwas „durch die Blume sagen" -
nein: noch besser „mit Blumen sagen".
Aha, werden Sie denken:
‚Deshalb der etwas merkwürdige, kunterbunte Blumenschmuck heute vor dem Altar.'
(Das ist doch nicht der Stil von Frau Brigitte Becker ...)
Ich habe mir vorgestellt, wie Sie ALLE heute hier sind:
Die Großen und Kleinen,
die Alten und Jungen,
die einen: gut gelaunt und fröhlich gestimmt.
andere vielleicht eher nachdenklich oder sorgenvoll und traurig,
die, die schon lange in Gonsenheim wohnen oder sich hier zugehörig fühlen,
und die, die erst seit kurzer Zeit hier leben.
So - wie es in der Lesung angeklungen ist:
Wenn Gemeinde/wenn Christen sich zum Gottesdienst versammeln, dann kommen Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten und Berufen zusammen.
Also:
„Lasst Blumen sprechen!"
Blumen, die uns etwas über uns und über unser Gemeinde-leben sagen können ...

Sonnenblume

Mich kennt jedes kleine Kind. Mich kann man einfach nicht übersehen. Und mal ehrlich: Es ist doch eine Augenweide, wenn man ein ganzes Feld voller strahlender Sonnenblumen vor sich sieht.
Ich stehe für die vielen Menschen, die wie wärmende Strahlen in unserer Mitte wirken.
Und ich bin das Symbol der Liebe. Schönheit und Zärtlichkeit und ein lieblicher Duft gehen von mir aus.

Rose

Ich stehe für das Geschenk der Liebe, ohne die wir ALLE nicht leben können, ohne die es christliche Gemeinde gar nicht geben kann.
Und ich stehe für die frisch Verliebten und Verheirateten und für ALLE, deren Liebe bis ins hohe Alter lebendig und frisch geblieben ist.

Stiefmütterchen

Groß bin ich nicht!
Nein - eher bescheiden und klein.
Das sagt auch schon mein Name:
„Stiefmütterchen"!
Aber robust bin ich und nicht so schnell unterzukriegen - auch nicht von einem kalten Winter.

Ich zeige mich heute für die Menschen, die vom Leben stiefmütterlich behandelt werden:
die Mütter und Väter, die allein erziehend sind.
Ich möchte Euch Mut machen, damit Ihr auch in schwierigen
Lebenssituationen durchhalten könnt.

Lilie

Es gibt die stolzen Lilien - auch unter uns Menschen.
Wir schätzen ihr Aussehen, aber oft nehmen sie Abstand, weil sie meinen, etwas ganz Besonderes zu sein.
Manche suchen sich beim Hereinkommen in die Kirche schon einen ganz bestimmten Platz, damit sie beim Friedens-gruß auch ja „den Richtigen" die Hand reichen können.

Kaktus

Ich weiß nicht, wie viele Menschen mich mögen.
Ich weiß nur, dass es immer einen kleinen Aufschrei gibt, wenn Menschen sich an meinen Stacheln verletzen.
Aber wie sagt ein Sprichwort so schön:
„Kein Kaktus ist so dicht mit Stacheln besetzt, dass nicht noch Platz für eine Blüte wäre."

Nehmen wir diese Pflanze als Symbol für die Menschen, die auf Distanz bleiben zu uns - zu unserer Gemeinde, und für die, mit denen wir uns schwer tun, die auf ihre Weise auch staunenswerte Blüten hervorbringen können.

Mimose

So einfach ist das:
Man muss mich nur berühren und schon schließe ich meine Blätter.
Und es dauert seine Zeit, bis ich sie wieder öffne und mich ganz zeige.
Aber Vorsicht!
Mein Stängel hat auch Stacheln, die wehtun können.

‚Mimosen' - seien wir ehrlich - gibt es auch unter uns:
Menschen, die höchst empfindlich sind, die sich schnell beleidigt zurückziehen, wenn sie sich verletzt fühlen.
Auch sie gehören zur Gemeinde.

Tränendes Herz

„Tränendes Herz" nennt man mich. Wir denken dabei an ALLE, die schwer an ihrem Leben tragen, die traurig und niedergeschlagen sind oder denen ein lieber Mensch krank geworden oder vielleicht sogar gestorben ist.
Sie brauchen ganz besonders unser Fingerspitzengefühl und unser Gebet.

Vergissmeinnicht

Man übersieht mich leicht; denn meine Blüten sind nicht groß und strahlend schön. -
Ich erinnere Euch heute an die vielen alten und allein gelassenen Menschen, die an unserem Gemeindeleben oft nicht mehr so teilnehmen können, wie sie es möchten.
Mein Name klingt wie eine Bitte: "Vergiss-mein-nicht!"

Brennnessel

Hinter mir ist jeder Gärtner her und möchte mich so schnell wie möglich entfernen:
Die Brennnessel.
Dabei bin ich doch eine Heilpflanze.

Die Berührung mit einer Brennnessel ist im übertragenen Sinn wie die harsche Kritik eines Mitmenschen:
schmerzhaft, aber sie fördert die Durchblutung.
Wir brauchen auch immer wieder Menschen, die uns hinterfragen und uns mit ihrer wohlwollenden Kritik weiterbringen.
Dieser Vorgang - nennen wir ihn im übertragenen Sinn „Brennnesseltee" - hält uns gesund und beweglich.

Chrysanthemen

Dass wir Chrysanthemen beliebte Zierpflanzen sind, sieht man auf den ersten Blick.

Die vielen, unterschiedlich großen Blüten stehen für die Kinder in unserer Gemeinde:
angefangen von den ganz Kleinen über die Kindergartenkinder bis hin zu den Schulkindern und Messdienern, KjG und DPSG.

Pfefferminze und Basilikum

Blüten haben wir - Pfefferminze und Basilikum - keine.
Aber wir riechen gut und bringen Würze.

Wir stehen stellvertretend für ALLE, die unserem Gemeindeleben Würze und Geschmack verleihen, die beleben und andere mitreißen können.

Efeu

Mit großen und schönen Blüten kann auch ich nicht dienen.
Aber ich wachse und wachse, habe keine überzogenen Ansprüche und bin schon dankbar, wenn ich nur ein wenig
gehegt und gepflegt werde.

Mit dieser Pflanze denken wir an die vielen Treuen in unserer Gemeinde, die immer da sind, auf die man sich
immer verlassen kann.

Haben Sie sich irgendwo entdeckt und wiedergefunden?

Haben Sie sich irgendwo entdeckt und wiedergefunden?

Ob groß oder prächtig -
ob klein oder mit spitzen Stacheln -
ob mit oder ohne Blüten ...
Jeder Blume - jeder Pflanze - hat Gott, der Schöpfer, sein eigenes Kleid gegeben.

Und das ist mit uns Menschen nicht anders.
In SEINEN Augen sind wir ALLE gleich wichtig und wertvoll.
Mit den vielen verschiedenen Blumen und Pflanzen dürfen wir heute dankbar auf die Vielfalt der Gaben und Tätigkeiten in unserer Gemeinde schauen.
Es ist nicht einfach, diese Vielfalt zu leben, weil sie uns Geduld und Verständnis füreinander abverlangt.
Ich hoffe, unsere Blumen und Pflanzen können uns ein wenig die Augen öffnen für das lebendige Miteinander, von dem unsere Gemeinde lebt ...
... und das nicht nur beim Pfarrfest!

Pfarrer Hans-Peter Weindorf