Warum sind wir eigentlich noch hier?

Predigt von Domkapitular Dr. Peter Hilger bei der 14-Nothelfer-Wallfahrt am 13.06.2010

 Liebe Schwestern und Brüder, Liebe Kinder und Jugendliche,

in letzter Zeit beobachte ich folgendes Phänomen: Wenn irgendwo die Worte „Katholische Kirche" fallen, dann zucken Menschen so etwas zusammen, sind leicht elektrisiert, so als hätte man etwas Peinliches oder Provozierendes gesagt. Beim Signal „Katholisch Kirche" schauen wahlweise Menschen plötzlich unter sich, wirken betreten, schauen ganz weg oder verschämt zur Seite.
Es gibt auch dieses Phänomen: Sagt man „Katholische Kirche", dann kann jeder sofort etwas dazu sagen, Stellung beziehen, eine Meinung abgeben, aus dem „ff" die Reizthemen abrufen, die einem beim Stichwort „Katholische Kirche" aktuell einfallen:

  • Sexueller Missbrauch,
  • Misshandlung - das alles durch Priester.
  • Zölibat,
  • Priesterweihe der Frau.

Dann die Dauerbrenner:

  • Empfängnisverhütung, Stichwort: „Pille",
  • Sexualmoral, Sexuelle Orientierung,
  • Fehlende Abendmahlsgemeinschaft
  • Geschiedene Wiederverheiratete,
  • Kirchenaustritt, Kirchensteuer.

Die Liste ließe sich fortsetzen, und je länger sie wird, um so mehr stellt sich die Frage:

  • Warum sind wir eigentlich noch hier?
  • Machen wir an diesem Sonntagvormittag vielleicht etwas falsch?
  • Haben wir uns geirrt?
  • Sind wir auf etwas hereingefallen?
  • Ticken wir noch richtig?

Ich würde jetzt schnell bei wahrscheinlich nicht wenigen von Ihnen Sympathien ernten, wenn ich bei den genannten Reizthemen den Knüppel rausholen, und im Sinne einer Fundamental-Kritik mal kräftig draufschlagen würde.
Die mich näher, vielleicht noch von meiner Praktikums- und Diakonatszeit vor bald 30 Jahren hier in Gonsenheim, St. Stephan kennen, wissen, dass das nie mein Ding war und ist. Vielleicht bin ich nicht zuletzt deswegen auch seit nun 17 Jahren Offizial und Kirchenrechtler in unserem Bistum. Da reisst man die Dinge nicht so schnell ein....
So wie es die vorauseilenden - früher sagte man gern - „progressiven" Katholiken gibt, so gab und wird es immer auch die eher „Strukturkonservativen" geben. Keiner sollte da ohne Not aus seiner Haut heraus. (...)

Es ist heute manchmal schwer katholisch zu sein

Wie schwer das heute manchmal ist, gerade auch für junge Menschen, katholisch zu sein oder sich gar als katholisch zu outen, das konnte ich vor einigen Jahren bei einem meiner Neffen feststellen:
Er hatte sich verliebt in ein wirklich nettes, freundliches, intelligentes Mädchen. Dass sie nicht getauft war, war - zumal bei Verliebten - kein Problem.
Aber dann zeigte sich Folgendes: Genauso lieb und freundlich das Mädchen war, genauso war sie auf eine liebe und freundliche Weise durch und durch atheistisch eingestellt, genau wie ihre Eltern und Geschwister.
Mein Neffe, aktiver Ministrant und Zeltlager-Gruppenleiter, wollte seine Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche und seinen Glauben nicht verleugnen. Das Mädchen dachte wohl zunächst, er hinge da noch einer Art Missverständnis an, das sich durch gutes Zureden mit den gängigen Argumenten moderner Religionskritik schnell beheben lassen könnte.
Der Neffe wurde eingeladen, zum Grillen im Garten, und schon bald bauten sich - als irgendwann das Thema „Katholische Kirche" dran war - die eingangs erwähnten Reizthemen vor ihm auf, außerdem die Klassiker wie:

  • Kreuzzüge, Hexenprozesse,
  • Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube,
  • Galileo Galilei,
  • Gott und das Böse,
  • die Rolle der Päpste in Geschichte und Gegenwart.

Das Mädchen - glaube ich - mochte meinen Neffen, aber genauso mochte sie es, zusammen mit Eltern und Geschwistern den armen Jungen einer Art Dauerprüfung zu unterziehen. Irgendwie konnte sie nicht recht nachvollziehen, dass er katholisch war und bleiben wollte, und dann auch noch einen Onkel hat, der Priester ist.
Für mich waren das anstrengende Wochen, denn ich bekam vom Neffen eine E-Mail nach der anderen, in denen ich um hilfreiche Argumente zu allen möglichen philosophischen und theologischen Themen gebeten wurde. Und das sollte dann alles immer noch schnell gehen, per E-Mail, griffig formuliert, sozusagen für den geistigen Frontkampf, dem er sich stellte.
Jedenfalls zeigte mir das: junge Menschen, die sich heute zur Katholischen Kirche bekennen wollen, können es schwer haben.
Dennoch sehe ich die Lösung nicht darin, um es leichter zu haben, alles schnell über Bord zu werfen. Dann ist bald nichts mehr an Bord. Am Schluss bliebe nur noch übrig, selbst über Bord zu gehen, „abzuspringen".
Trotz vieler Bedrängnisse, trotz der vielen Fehler, Sünden, Fehl- und strafbaren Handlungen, die aus dem Inneren der Kirche kommen, bleibt es ein Phänomen, dass das Thema „Katholische Kirche" sich nicht so einfach erledigt. (...)

Sexueller Missbrauch in der Kirche

(...) Dann passiert es wieder: beim berühmten Grillabend, der eigentlich nicht als konfessionell-religiöse Veranstaltung gedacht war, oder am Nachbartisch im Restaurant, in der Autobahnraststätte, kommt als Thema auf: „Sexueller Missbrauch in der Kirche".
Wenn Sie dann vom Nachbartisch hören, wie darüber gesprochen wird, dann denken Sie: jetzt müsst ich mal hingehen, und sagen:

  • „Stimmt, es gibt großes Versagen von katholischen Priestern und Erziehern.
  • Es gibt Täter, es gibt Schuld, Sünde, klägliches Verleumden,
  • wir schämen uns."

Aber: bitte unterscheiden Sie bei diesem Thema, wie Sie als gebildete Menschen bei anderen Themen auch unterscheiden und differenzieren.

  • Fragen sie bitte auch, was in zurückliegenden Jahrzehnten sehr wohl bereits zur Anzeige gebracht, strafrechtlich verfolgt und abgeurteilt wurde.
  • Fragen sie auch, ob jeder - oft reisserisch aufgemachte Fall - wirklich erst in jüngerer Zeit passiert ist, oder - staatsanwaltlich verfolgt - Jahrzehnte zurückliegt.
  • Fragen sie sich bitte auch, ob das hohe Rechtsgut der Unschuldsvermutung bis zum Beweis der Schuld für alle Menschen in Deutschland unterschiedslos gilt.
  • Und fragen sie sich schließlich, ob das einstmals in unserem Land so hochgeschätzte Wort von der „Resozialisierung" noch etwas gilt, auch für Täter in der katholischen Kirche.

Auch wenn jeder Fall von sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche einer zuviel ist, so ist es doch heute weitgehend Konsens, dass man vor 25, 30, gar 40 und 50 Jahren von bestimmten psychopathologischen Zusammenhängen, von spezifischen Neigungen und ihrer Behandelbarkeit, ihrem Suchtcharakter, ihrer Chronifizierung, eben nicht so viel wusste, - auch gesamtgesellschaftlich nicht - wie es heutige Psychiatrie und Psychologie weiß.
Das entschuldigt nichts, erklärt aber, warum manches, auch außerhalb der Kirche, so gelaufen ist, wie es ist. Ja, wir machen ein Fege- und Reinigungsfeuer durch, und es gibt nichts zu beschönigen.
Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch das, worauf unser Bischof Kardinal Lehmann vor kurzem hingewiesen hat: zur real existierenden Kirche gehört auch, dass wir in unserem Bistum Tag für Tag einen - so könnte man es nennen - „Durchlauf" von zehntausenden Kindern und Jugendlichen in unseren Einrichtungen haben, wo - so darf man hoffen - eben nichts passiert bzw. ungeheuer viel gut geht, an unseren Schulen, in den Jugendgruppen, Firmgruppen, Ministrantengruppen, in Chören, in Jugendhilfeeinrichtungen.
Wir dürfen um der Wahrheit willen die Relationen nicht verlieren.

Warum sind wir dabei?

Es bleibt dennoch die Frage: Warum sind wir noch hier? Warum ist das Thema Katholische Kirche noch immer nicht erledigt? Ich wage als Antwort: „weil das Thema Religion nicht erledigt ist". (...)
Es gehört zu den großen Überraschungen unserer Zeit, dass trotz des Erscheinens eines neuen aggressiven, Atheismus, trotz Säkularisierung und eindimensionaler Diesseitszugewandtheit, nicht nur 1000 Arten neuer Religiösität boomen, sondern auch die traditionellen, großen und alten Religionen „immer noch und schon wieder" da sind. (...)
Von Kindesbeinen an sind die meisten von uns in diese Kirche hineingewachsen und von ihr geprägt worden. Es ist vielleicht an der Zeit, dass wir uns stärker fragen als in früheren Zeiten, und das auch anderen sagen können:

  • „Warum bin ich dabei?"
  • „Warum bleibe ich?"
  • „Was ist mir da wichtig? Was steht denn auf der Haben-Seite?"

Lassen sie mich noch einige, wenige Gründe nennen, die mir jetzt nicht so sehr als Priester oder Domkapitular wichtig sind, sondern als katholischer Christ, der das von Kindesbeinen an ist, der sich an seinen Erstkommuniontag erinnert, an etliche Wallfahrten, an die Ministrantenzeit, an Zeltlager, Freizeiten, an viele gute, menschlich korrekte Priester.
Es ist als erstes der Glaube an einen lebendigen, nahen, persönlichen, sinngebenden Gott, der mir durch die Kirche, durch andere, vor mir Glaubende, in der Familie, in der Gemeinde, vermittelt wurde.
Dieses Feuer des Glaubens hat in meiner Lebenserfahrung, auch in den 27 Jahren, in denen ich noch nicht Priester war, die Kirche in mir aufrecht erhalten,

  • durch die Feier des Kirchenjahres,
  • durch das öffentliche Gebet, die Liturgie, das Bekenntnis,
  • durch die Heiligen, die exemplarisch diesen Glauben gelebt haben,
  • durch die Vorbilder, die sich eingesetzt haben und einsetzen für Schwache, für Leidende,

Menschen wie die Nothelfer, die zum Glauben standen, die alle haben den Glauben in mir am Leben gehalten.
Ein zweites ist, dass mir die Kirche und ihre Glaubenspraxis mich einen Gott hat erleben lassen und erleben lässt, der sich uns Menschen zuwendet und zeigt, der unserer Welt nicht fernbleibt, sondern in sie eingetreten ist als Mensch, zugleich in seiner Göttlichkeit, als Person als Jesus Christus, als Gott, der ein Gesicht, ein Antlitz hat.
Und nicht nur das: Es ist ein Gott, der mein Leben teilt, meine Krankheiten trägt und meinen Tod schon gestorben ist. Ein Gott, der wie der Apostel Paulus sagt, für viele eine Torheit, ein Ärgernis ist, eine unvorstellbare Provokation, ein Gott, der, wie es in der alten Theologie heißt, in den Staub springt, man könnte auch sagen, sich auf den Dreck und das Elend der Welt einlässt, davor nicht zurückscheut.
Der in der Heiligen Eucharistie ganz bei uns ist, dem Dreh- und Angelpunkt unserer christlichen Existenz.
In der Heiligen Eucharistie erfahren wir unserem Gott in seiner Zuwendung zu uns, in seiner Erniedrigung, in der armen Gestalt des Brotes, und doch in seiner ganzen Fülle, Majestät, Herrlichkeit und Ewigkeit mitten in der Zeit.
Wir haben gleichsam ein Stück Himmel bei uns, ein Stück Hoffnung und eine Zuversicht, die uns selbst durch die schlimmsten Sünden in der Kirche nicht genommen werden kann.
Deswegen ist mir als drittes an meinem Glauben wichtig, dass er mithilft, die Welt zum Besseren, zum Reich Gottes hin zu verändern, dafür stehen die Hl. Nothelfer: Gott ist bei ihnen im Leben angekommen.
Sie sagen uns: Die Welt, die Gesellschaft nach meinen Kräften so weit es eben geht, mitzugestalten, gehört unbedingt zum christlichen Glaubensvollzug. Deswegen ist jedes Engagement, auch in weltlichen Einrichtungen, in der Politik, in Vereinen so wichtig.
Damit bauen wir in unserer Lebenszeit, die uns Gott schenkt, schon an der neuen Welt mit. Wir lassen das Reich Gottes anbrechen. Sein Lebensprinzip ist die Liebe, und die kommt vom Ursprung aller Liebe, von Gott, deswegen leben wir und sollen wir leben, und preisen mit den Heiligen 14 Nothelfern den Herrn unseren Gott, der gesagt hat: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, und es in Fülle haben." Amen.

Domkapitular Dr. Peter Hilger, Bistum Mainz

Domkapitular Prälat Dr. Peter Hilger

Domkapitular Prälat Dr. Peter Hilger