Surfin' books oder
Was bringt meiner Bücherei das Internet?

Beitrag von Willi Weiers, Erbach. Veröffentlicht in köb 3/2000

Das Internet mit seinen Möglichkeiten ist in den vergangenen zwei Jahren massiv in das Blickfeld auch der deutschen Öffentlichkeit getreten. Einkaufen über das Internet, elektronische Post, Informationsflut, Schulen ans Netz, der neue Markt an der Börse - alles Gegebenheiten, die unübersehbar sind. Oder hätte das Fernsehen wirklich vor einigen Jahren über so etwas Hochtechnisches wie einen eMail-Virus ILOVEYOU zur Hauptsendezeit ausführlich berichtet?

Büchereien befassen sich üblicherweise mit Medien und Informationen, idealerweise schon dann, wenn diese neu, zukunftsträchtig und von hoher Veränderungsintensität für das tägliche Leben sind. Grund genug gerade auch für Katholische Öffentliche Büchereien, sich mit dem Thema "Internet" zu befassen.

Ein starkes Potenzial verbirgt sich hinter den funktionalen Möglichkeiten des neuen Mediums:

  • Schnelle direkte Kommunikation zwischen zwei oder mehreren Beteiligten (eMail)
  • Thematisch gebündelter Informationsaustausch zu Interessengruppen (Newsgroups/Diskussionsforen)
  • Unterhaltung und Smalltalk (Chat)
  • Vielfältige Informationen finden und nutzen, aber auch anbieten (WWW)
  • Waren, Dienstleistungen bestellen, nutzen, in eigene Abläufe einbeziehen (eCommerce)

Der Rahmen

Um dieses Potenzial zu nutzen, ist es förderlich, sogar unabdingbar, in einem innovativen Umfeld zu agieren, das Offenheit, Zukunftsorientierung und Kreativität akzeptiert und aktiv fördert. Dass die Katholische Büchereiarbeit in dieser Beziehung nicht auf den vorderen Plätzen rangiert und mit den genannten Attributen glänzt, hat vielerlei Gründe, die glücklicherweise inzwischen schrittchenweise angegangen werden. So sind es die Mitarbeiter in den Büchereien, die aufgrund ihrer Fertigkeiten in den Teams nach vorne schauen und aktiv Neues angehen, um die Büchereien zu positionieren und erfolgreich und zeitgemäß zu betreiben.

Für eine Bücherei gibt es grundsätzlich drei Blickrichtungen, die für ein erfolgreiches Wirken zu berücksichtigen sind:

  • Die Kunden, das sind die Leserinnen und Leser, alle Besucher und alle weiteren (Nicht-) Interessierten. Die Nicht-Interessierten sollten zu Interessierten werden.
  • Das Betätigungsfeld, gemäß der Zielsetzung, z.B. Informationsdrehscheibe, Kommunikationspunkt, Ausleihe, Beratung, Medienkompetenz usw.
  • Die Mitarbeiter, das motivierte Team, das engagiert und kompetent ist, den eigenen Stellenwert kennt und auch auf persönliche Zufriedenheit achtet.

Für diese drei Gruppen birgt der Einsatz des Internet in der Bücherei vielerlei Möglichkeiten, die zur Zufriedenheit der Besucher beitragen (man kommt wieder, empfiehlt weiter), die Arbeit in der Bücherei vereinfachen und qualitativ verbessern (schnellere Auskünfte, direkter Informationszugriff) sowie attraktiv und motivierend für das Team sind (Anerkennung, Erfolg, Erweiterung der Kenntnisse, Arbeitserleichterung).

Gesamtheitlich gesehen ergeben sich daraus für die Bücherei ein Zuwachs an Professionalität, eine wachsende Kundenzufriedenheit, Imagegewinn und Bekanntheit. Dies wiederum trägt dazu bei, dass die Bücherei zum Beispiel leichter Sponsoren findet, neue und junge Mitarbeiter gewinnt, neue Zielgruppen interessiert und vieles mehr - kurz das "Lesen, Reden, Leute treffen" wird gefördert und die Bücherei in ihrer Arbeit und ihrem Erfolg gestärkt.

Sicher ist: all das kommt nicht von ungefähr. Voraussetzung ist, dass im Team Motivation und Fertigkeiten vorhanden sind und im Einklang stehen. Ein gemeinsames Verständnis für die Ziele der Büchereiarbeit und die Wege dorthin ist Voraussetzung. Der eigenverantwortlichen Entwicklung der Bücherei sollten durch die Träger (Pfarrgemeinde) keine Hemmnisse in den Weg gelegt werden. Leider, nein: glücklicherweise, sind die Büchereiteams in vielen Gemeinden der übrigen Entwicklung deutlich voraus.

Die aufgeführten Voraussetzungen, Zusammenhänge und Hintergründe bedürfen natürlich einer Vielzahl von praktischen Fällen, in denen das Internet förderlich ist:

Medienerwerb

Vereinsgabenvermittlung. Üblicherweise stehen als Auswahlhilfe für Bestellungen Kataloge, Besprechungen, Prospekte, ggf. auch VLB, zur Verfügung. Die im Internet vielfach vorhandenen Online-Buchkataloge geben Informationen zu Preisen, Aufmachung, Inhalt und teilweise auch Verfügbarkeit . Interessierte Besteller können in kürzester Zeit über die gewünschten Titel informiert werden. Auch Titelzusammenstellungen sind als besonderer Service möglich. Die Angaben zu den in den Online-Katalogen gefundenen Titeln können direkt als Bestellung per eMail, z.B. an den Borromäusverein , weitergeleitet werden. Idealerweise werden diese Bestellungen künftig direkt aus dem Katalog an den Lieferanten online weitergeleitet (Online-Shop), der Status der Lieferung online abgefragt werden. Hier sind interessante Kooperationen der Bücherei-Einkaufszentralen (BV , SMB ) mit dem Online-Buchhandel denkbar.

Bestandspflege und Bestandsaufbau. Hierfür, wie auch bei der Vereinsgabenvermittlung, helfen Buchbesprechungen bei der Beratung und Auswahl für Anschaffung. Unterschiedliche Besprechungen, auch Leserkommentare , können berücksichtigt und gewertet werden. Auch hier bietet sich die direkte Bestellung beim Lieferanten (Online-Erwerbung ) an. Im Internet sind vielfältige Quellen vorhanden.

Fachinformation und Marketing

Bibliothekarische Fachinformationen. Jede Hochschule und bibliothekarische Facheinrichtung verfügt über eigene Internetseiten. Hier bietet sich für die Büchereimitarbeiter eine riesige Informationsquelle für bibliothekarisches Fachwissen . Üblicherweise endet die heutige Ausbildung eines KÖB-Mitarbeiters nach Basis12 bei einem KiBüAss-Lehrgang und den Jahrestagungen. Das Internet verschafft die schnelle, aktuelle und kostengünstige Möglichkeit, das eigene Wissen zu aktualisieren und zu erweitern. Eine einfache Gelegenheit, über den Tellerrand hinauszuschauen und an Erfahrungen, Wissen und Beispielen anderer teilzuhaben.

Lernen im Internet. Als besondere Ausbaustufe der Fachinformationen kann das Lernen im Internet genutzt werden. Spezielle Online-Kurse werden angeboten, damit erübrigen sich Fahrtkosten, Terminenge und organisatorische Belastungen.

Austausch zwischen Büchereien. Auf einfachem Wege können per eMail Fragen und Antworten ausgetauscht werden. Auch Texte, z.B. Zeitungsartikel, Plakatmuster und Medienlisten können versandt werden. Offen können Erfahrungen ausgetauscht und Lösungen sogar gemeinsam gefunden werden.

Vom Kunden zur Bücherei. Besitzt die Bücherei eine eigene eMail-Adresse, so können auch die Kunden und Lieferanten auf schnellem Wege mit der Bücherei in Kontakt treten, z.B. Medien vorbestellen , entliehene Medien verlängern, zu Veranstaltungen anmelden, Auskünfte einholen, Beschwerden entgegennehmen und vieles mehr.

Von der Bücherei zum Kunden. Auch in der Gegenrichtung ist die Nutzung möglich. eMail als Marketinginstrument ist im Kommen. Erfasst die Bücherei bei der Leseranmeldung auch die persönliche eMail-Adresse, so können Benachrichtigungen schnell zugestellt werden. Sogenannte eMail-Verteilerlisten erlauben die gezielte Ansprache von Lesergruppen, z.B. alle Kinder, bestimmte Altersgruppen, alle Männer etc. So können, bei entsprechender eMail-Verbreitung, Veranstaltungshinweise gegeben werden, geänderte Öffnungszeiten mitgeteilt und aktuelle Neuigkeiten berichtet werden (Newsletter ). Idealerweise werden diese Marketingaktivitäten durch eine EDV in der Bücherei unterstützt.

Von der Bücherei in die weite Welt. Neben der Nutzung von Informationen aus dem Internet kann die Bücherei auch selbst Informationen im Internet verbreiten . Die sogenannten Webseiten der Bücherei können Angaben zur Bücherei, zu den Medien, zu Veranstaltungen usw. enthalten. In Chatrooms oder Diskussionsforen kann online diskutiert werden. Offene Teams präsentieren ihre Erfahrungen und Ergebnisse, um andere an Erfahrungen und Lösungen teilhaben zu lassen.

EDV-Ausstattung

EDV-Support. Setzt die Bücherei ein Bibliotheksprogramm und anderes EDV-Equipment ein, so stellt sich auch die Frage nach dem Support. Dies umfasst den Bezug neuer Programmversionen, die Hilfestellung in Problemfällen, die Dokumentation und weitere Informationen rund um Hardware und Software. Ein sehr professioneller Weg für den Support ist die Bereitstellung der genannten Funktionen über das Internet. Eine unschlagbare Aktualität und Schnelligkeit wird dadurch gewährleistet. Die Reichweite, z.B. für Fehlerlösung ist enorm, alle Anwender können durch eine eMail und den Verweis auf die Webseiten des Supports informiert werden; so ist eine effektive Unterstützung der Bücherei möglich. Darüber hinaus kann die Bücherei sogar echtes Geld sparen: Anbieter reduzieren z.B. die Softwarepreise, wenn die Kundenanfragen komplett über das Internet abgewickelt werden; 20% Nachlass werden hierfür beispielsweise von IBTC Online gegeben, dem Hersteller von BVS, der weit verbreiteten Bibliothekssoftware in KÖBn.

Internet-Café. Absolute Ausbaustufe für eine Bücherei, und damit eine Variante der Verwirklichung des Slogans "Lesen, Reden, Leute treffen" ist das Internet-Café. Besucher können in der Bücherei in angenehmer Umgebung selbst im Internet surfen und Informationen sammeln, chatten und ganz einfach "drin sein". Natürlich ist dieser Service nicht gratis. Dafür stehen die multimedialen Möglichkeiten der Informationsdrehscheibe "Bücherei" zur Verfügung.

Information und Recherche

Aktuelle Informationen . Kleine Büchereien können sich üblicherweise im Bereich der Nachschlagewerke nicht d i e Top-Aktualität leisten. Andererseits können aufgrund der Bestandsgröße viele Themengebiete nicht abgedeckt werden. Hier bietet der Internetzugang in der Bücherei Gelegenheit, aktuelle oder ergänzende Informationen direkt aus dem Netz zu beziehen.

Internet-Recherche. Das Suchen und Finden von Informationen kann die Bücherei auch als Service anbieten. Zu bestimmten Fragestellungen wird durch das Bücherei-Team eine Recherche durchgeführt (früher hätte man es über die Fernleihe versucht), die anhand von Internet-Verzeichnissen und Suchmaschinen eine spezifische Informationssammlung erstellt. Dadurch können auch hochaktuelle ("Haben Sie den Steuerwegweiser für Schüler und Studenten? ") oder spezialisierte Fragen ("Ich suche indianische Vornamen... ") beantwortet werden. Wahlweise kann die Bücherei auch hier ein Entgelt für die Recherche festsetzen.

Das Team

Für das Bücherei-Team bedeutet der Einsatz des Internets in der Bücherei eine große Herausforderung. Wichtig ist, dass diese Initiative von allen getragen und durchgeführt wird. Die Mitarbeit in einer Katholischen Öffentlichen Bücherei an sich beinhaltet Gestaltungsmöglichkeiten und kreativen Freiraum. "(...) Die Möglichkeit, sich neben der interessanten Tätigkeit in einem Team durch Aus- und Fortbildung zusätzliche Qualifikationen zu erwerben, die im Berufsleben oder einen Wiedereinstieg von Bedeutung sein können, spielt für viele eine besondere Rolle (...) ." Und hier bietet das Internet als aktuelle Technologie und vor allem als aktuelles und zukunftsorientiertes Arbeitsmittel große Anreize für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Außerdem kommen idealerweise dadurch auch junge Interessenten zur Mitarbeit auf das Team zu. Stellt sich der Erfolg in diesem innovativen Umfeld ein, dann ergibt das eine unschätzbare Bestätigung und Motivation für das Team. Naheliegend, aber oft übersehen (Ehrenamtliche haben ja sowieso Zeit) wird der Aspekt der Arbeitsvereinfachung bzw. Zeitersparnis; hier ist das Internet speziell in Beratungsfällen sehr hilfreich.

Die Öffentlichkeit

So wie das Internet für das Marketing der Bücherei eingesetzt werden kann, so ist es auch ein sehr brauchbares Mittel für die Öffentlichkeitsarbeit. Bis vor einiger Zeit war es außergewöhnlich, dass KÖBn etwas mit Internet zu tun hatten, geschweige denn, eigene Webseiten besaßen. Zu diesem Zeitpunkt war es äußerst publicityträchtig, als KÖB im Internet präsent zu sein. Heute ist es fast ein "Muss", eine Homepage zu haben. Mit Ungewöhnlichem Aufmerksamkeit erregen, Interesse wecken, Neugier oder Verblüffung zu erzielen, ist ein Mittel, dessen sich auch die KÖBn sehr oft bedienen sollten. Dadurch entsteht Bekanntheit; wenn diese mit Kompetenz und Sympathie gepaart ist, sind wichtige Erfolgsfaktoren gegeben. Gekonnt und dosiert eingesetzt, ist die aktive Nutzung des Internet ein gutes Mittel zur Imageförderung.

Die gesamtheitliche Sicht

Internet in der Bücherei nur aus Technologieverliebtheit einzusetzen, führt nicht sehr viel weiter. Es sollte als sinnvolle Ergänzung, als moderner Ausbau betrachtet werden. Aber es ist unerlässlich, sich als Bücherei damit auseinander zu setzen und es zu beherrschen. Denn ignorieren würde bedeuten, dass eine der wichtigsten Entwicklungen seit der Entdeckung des Telefons in der Bücherei nicht wahrgenommen würde. Konsequenz wäre fehlende Kompetenz bei einem der wichtigsten Arbeits- und Unterhaltungsmedien der heutigen Zeit. Aber all das lässt sich in der ehrenamtlich geführten Katholischen Öffentlichen Bücherei nur bewältigen, wenn alle Randbedingungen stimmen: das Team mit seinen Fertigkeiten, die Leser mit ihrem Interesse, die Träger mit ihrem Wohlwollen, die Fachstellen mit ihrer Fachkompetenz, die Interessenverbände mit ihrer Weitsicht.. Warum gibt es eigentlich noch keine Initiative "Büchereien ans Netz"?

Was bringt meiner Bücherei das Internet?

Die KÖB St. Sophia in Erbach im Odenwald nutzt seit 1995 die Möglichkeiten des Internet . Als erste Katholische Öffentliche Bücherei bundesweit war sie mit einem eigenen Internetauftritt im World Wide Web präsent. Die geschilderten Vorgehensweisen, Ansichten, Visionen und Konsequenzen stammen aus dem Erfahrungsschatz der KÖB St. Sophia. Sowohl Erfolgsfaktoren wie auch Erfolge und Ergebnisse wurden in Erbach identifiziert bzw. erzielt.

Weitere Informationen: Willi Weiers, KÖB St. Sophia, Hauptstraße 42, 64711 Erbach,
E-Mail infoSymbol für den elektronischen SchriftverkehrKoebErbach.de


Fundstellen

Die Links entsprechen dem Stand Anfang Mai 2000. Für die Inhalte wird keine Gewähr übernommen.

  1. Zum Beispiel: http://www.buchkatalog.de oder http://www.bol.de oder http://www.amazon.de
  2. http://www.buchhandel.de/medien_two/medienrecherche_komplex.htm
  3. mailto:info@borro.de
  4. https://www.bol.de/partner/
  5. http://www.borro.de
  6. http://www.st-michaelsbund.de/
  7. http://www.biblio.at/rezensionen/index.htm
  8. http://www.amazon.de/exec/obidos/ts/book-glance/3551551677/028-6360569-1188058#leser
  9. http://www.ekz-bibliotheksservice.de/ sowie http://www.ekz-bibliotheksservice.de/ekz/news.nsf/NewsWWW/20C386004FD8AF71C12568B80050037D?OpenDocument
  10. http://www.ib.hu-berlin.de/inf/handrei.htm
  11. http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/homepages/rotzinger/default.htm
  12. http://www.stiftung.bertelsmann.de/publika/download/oefbib.htm
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  14. http://www.odenwald.de/bibliote/koeberb/koebdwn.htm
  15. http://www.odenwald.de/bibliote/koeberb/koop.htm
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  18. http://www.odenwald.de/bibliote/koeberb/
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  21. http://www.ibtc.de/
  22. http://www.fr-aktuell.de/news/generatedSite/index.html
  23. http://www.altavista.de oder http://www.yahoo.de
  24. http://www.hessen.de/HMDF/html/fsteuerhinweise.htm
  25. http://www.eponym.org/ampage.html#firstnations
  26. "Ehrenamtlich und erfolgreich", Rolf Pitsch, KÖB 4/1999 S. 5
  27. http://www.odenwald.de/bibliote/koeberb/hotlinks.htm
  28. http://www.odenwald.de/bibliote/koeberb/
  29. http://www.odenwald.de/bibliote/koeberb/beri99.htm