OHNE - Von der Kunst des Weglassens
"Wir haben in diesem Jahr das Thema „OHNE – Von der Kunst des Weglassens“ für Sie ausgewählt. Sie kennen uns - schräg gedacht und quer verbunden. Ohne Wenn und Aber – manchmal auch ohne Gnade, aber immer ohne Rücksicht auf Verluste, laden wir Sie zu einem ohnvergleichlichen Abend ein. Lassen Sie sich ohne Netz und doppelten Boden mit uns darauf ein. " Solchermaßen überrascht und aller gewohnten Erwartungen beraubt wurden die rund 40 Gäste in das neueste kulinarisch-literarische Ereignis der Katholischen Öffentlichen Bücherei St. Sophia in Erbach eingeführt.
Für Sie gesammelt...
- Der Regiefahrplan
- Die Speisekarte
- Das Plakat
- Leipogramme
- Ernst Jandl - Ottos Mops
- Ottos Mops - "Übersetzungen"
- Die Ansage 1 .mp3
- Die Ansage 2 .mp3
- Die Ansage 3 .mp3
Das Menü
- Lachs-Spinatrolle
- Zucchini-Röllchen
- Tomatensuppe mit Mazzarella-Knödel
- Stangensellerie mit Käsecreme
- Sate-Spieß mit Kartoffelecken
- Gemüseplatte mit Dip
- Oliven im Speckmantel
- Kirschkuchen im Glas
Der Bericht
Es geht auch mal ohne. Ohne all dies, was sonst so dazu gehört, ohne das, was üblicherweise erwartet und getan wird. Ganz von der Kunst des Weglassens geprägt war der kulinarisch-literarische Abend der katholischen öffentlichen Bücherei St. Sophia am Samstag, zu dem das Büchereiteam wieder fast 40 Gäste empfangen durfte. Stimmt schon nicht ganz. Bibliotheksleiter Willi Weiers und sein Team übten bereits beim Empfang Verzicht. Stattdessen mischten sie sich als stumme Statisten unter das Publikum, nur erkennbar anhand umgehängter Plakate mit Texten wie „Bitte beachten Sie uns nicht“ und „Ohne Worte“.
Da blieb den erstaunten Besuchern in Sachen Garderobe und Erstversorgung mit Getränken nur Selbstbedienung übrig. Zur Überbrückung der Unsicherheit boten sich dankenswerterweise die vielen Cartoons im Flur an, natürlich welche ohne Worte. Im Hintergrund trällerte Bill Ramsey „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“. Dem Motto „Ohne“ geschuldet, fiel die Tischdekoration mit rund 200 handgefertigten weißen Serviettenblumen und dazwischen ein paar Spiegeln mit daraufgestellten weißen Kerzen bescheiden, aber zugleich auch festlich, aus.
Wozu Besteck beim Essen? Nicht nur, dass die nahezu fleischlose Kost („ohne Dioxin“) bei sieben Gängen einiges an Rohmaterial („ohne Kochen“) hervorgebracht hat; auch Messer und Gabel fielen den Sparmaßnahmen zum Opfer. Mal von der Tomatensuppe mit Mozzarellaknödeln und dem Dessert (Kirschkuchen im Glas) abgesehen, wurde Fingerfood aufgetragen. Geschicklichkeit verlangte es, sich die Lachs-Spinatrolle unversehrt vom Raclettebrettchen einzuverleiben. Zu den Hauptgängen Sate-Spieße mit Potatoecken sowie Gemüseplatte mit jeweils leckeren Dips erfüllten Holzspieschen ihre Funktion. Auf denselben angebracht befanden sich im Speckmantel versteckte Oliven und Zucchiniröllchen als Appetitanreger. Unmittelbar von der Hand in den Mund befördert wurde der Staudensellerie samt aufgelegter Käsecreme.
Im literarischen Part des Abends als schwerer verdaulich erwiesen sich Gedichte des österreichischen Dichters Ernst Jandl wie „Ottos Mops“; bemerkenswert ein Auszug aus Frederike Kempners (Posen) Texte ohne den Buchstaben R. Umgekehrt probierten sich zwei Gäste im Wortduell mit Willi Weiers in Anlehnung an Heinz Erhardts Wortspiele Sätze zu bilden, deren Wörter mit demselben Buchstaben beginnen. Unter solchen Voraussetzungen erhalten auch Sätze wie „Ein ellenlanger Elefant enterte einen Einbaum“ Applaus.
Natürlich durfte an dem Abend die naheliegende Erweiterung des Mottos zu „Oben Ohne“ nicht fehlen. Diplomatisch den Geschlechtern und der Moral genüge getan, gab Willi Weiers das Beste zur Ursache des maskulinen Kopfhaarverlusts preis, ebenso wie zur Entstehungsgeschichte der „vier Dreiecksstofffetzen“, benannt nach dem Pazifikatoll, die bis ins Jahr 1969 in Passau in öffentlichen Bädern untersagt waren.
Zweifellos wiederholte Höhepunkte bildete der wortlose Dialog zwischen Willi und Ursula Weiers, wie die beiden Schweizer Kabarettisten Christof Wolfisberg und Jonas Anderhub ihn auf vielen Bühnen unter dem Namen „Ohne Rolf“ pflegen. Die Unterhaltung erfolgt nur in schriftlicher Form, in dem die Beteiligten auf Plakaten vorgedruckte Worte und Sätze vorzeigen und dabei - in Klammern gestellt – auch ihre Gedanken dazu preisgeben. Ebenso lautlos, aber nicht weniger beeindruckend, las Jeannette Weiers den Text von Mimis Krimiabenden im Bett in Gebärdensprache vor.

Original





