Eine lauschende Ballnacht
In festlicher Atmosphäre gibt es Anstöße (Anstößiges?) in mindestens fünf Gängen. Festliche Ballkleidung ist gerne gesehen, ein Handy dabei zu haben ist diesmal sehr vorteilhaft....
Für Sie gesammelt...
- Der Ballplan
- Die Speisekarte
Diesmal nur für Rechtshänder im ballgerechten Ausziehformat von rechts nach links zu lesen - Die Tanzkarte
Das Folterinstrument par excellence - Die Telefonkarte
Für das Tischtelefon beim Ball paradox (Handys erlaubt) - Das Plakat
- Die kleine Balletikette nach Dick & Fitzgerald, New York 1860
- Aus dem Ball-Tagebuch vom Opernball 2000
- St. Pauli - Aus für den Uralt-Puff
- Ratsuche zum Tanzstunden-Abschlussball
- Eine junge Berliner Adlige erinnert sich an einen Hausball, Eislaufen und Fahrradfahren (um 1890)
- Kurt Tucholsky „Berliner Ballberichte“ aus „Lerne lachen ohne zu weinen“, 1932
- Anleitung zum Antanzen von Frauen in der Disko
Das Menü
- Boules de melon in altem Portwein
- Gemüsecremesuppe mit Kräuterbällchen und Blätterteigkäsetaler
- Bunte Nocken von Zander und Lachs auf Gemüseperlen
- Fruchtsorbet in Prosecco
- Kugelwild im Wirsingball neben Gnocchi und Kürbis
- Einstmals Kugelrunder Bratapfel mit Lebkucheneis und Vanillesoße
Der Bericht
© Willi Weiers
Wie eine Bücherei sich für einige Stunden als „Ballhaus Pompös“ anfühlt, durften am Samstag beim zur Tradition gewordenen kulinarisch-literarischen Abend rund 40 Gäste in der katholischen öffentlichen Bücherei St. Sophia in Erbach erleben. Die Doppeldeutigkeit des Mottos des Abends „eine lauschende Ballnacht“ reichte von den Benimmregeln beim Tanzen bis zu allerlei in Kugelform servierten Leckereien.
Das mit dem Tanzen entpuppte sich allerdings als theoretischer Diskurs. So spannte Willi Weiers vom gastgebenden Bücheei-Team eingangs die tanzscheuen Gäste gute zwanzig Minuten mit einleitenden Worten und der Aufforderung auf die Folter, potenzielle Tanzpartner zu den Walzermelodien ausfindig zu machen. Bevor der erlösende Weg von der Bibliothek in den Saal frei gegeben wurde, gab er als erste literarische Empfehlung die kleine Balletikette nach Dick & Fitzgerald aus dem Jahre 1860 mit auf den Weg. Vertrauter hörten sich da schon Jürgen Klingsmanns Ratschläge („Die Fußball-Akademie“) zur beliebtesten Ballsportart an. Von nun an begleiteten Bälle und Kugeln aller Art das Geschehen. Waren es im Flur noch unzählige Luftballons, thronten von der Decke im Saal stellvertretend für die Planeten unseres Sonnensystems zehn riesige Kugellampen aus Reispapier.
Auch die Dekoration der festlich geschmückten Tafel fiel mit der bekannten Liebe fürs Detail mit Glaskugeln und kugelförmigen Kerzen gelungen aus. Dazwischen lockten allerlei Bälle und Kugeln für Ball- und ähnliche Spiele zum Zeitvertreib zwischen den literarischen Einlagen und den Gerichten. Ein Dutzend ehrenamtliche Bibliotheksmitarbeiterinnen verwöhnten die Besucher mit marinierten Oden-, Wasser- und Honigmelonenbällchen in altem Portwein, einer Gemüsecremesuppe mit Kräuternocken und zum Dessert mit einem Bratapfel mit Lebkucheneis mit Vanillesauce. Auch die Hauptgänge entpuppten sich als kugelrunde Sache: Bunte Nocken von Lachs und Zander auf Gemüseperlen sowie zu Bällen geformte Wirsingköpfchen, gefüllt mit Wildragout, dazu gebratene Gnocchi und karamellisierte Kürbisbällchen.
Wer zwischen dem Lob auf die Küche den Worten des Moderators und den von ihm vorgetragenen Buchauszügen genau gelauscht hatte, hatte an der Vielzahl der Assoziationen seine Freude. Ob Balkan, Ballerina oder Michael Ballack, Balsamico oder Ball Paradox: Beim Ball der einsamen Herzen durfte auch Udo Lindenbergs Hommage an „Rudi Ratlos“ (1974) aus der LP „Ball Pompös“ nicht fehlen. Literarisch reichte die Palette von „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ (Julius Brammer, 1929) über die „Berliner Ballberichte“ (Kurt Tucholsky, 1932) bis zu „Der Spieler“ (Fjodor Michailowitsch Dostojewski, 1866). Gekonnt spielten Willi und Ursula Weiers den beliebten Dialog zwischen Karl Valentin und Liesl Karstadt nach, in dem bekanntlich die Geschlechter sich bis zum heutigen Tage in der korrekten Schreibweise von Semmel(n)knödeln nicht einig werden können. Manfred Giebenhain

Original







