Geheimnis des Glaubens: Im Tod ist das Leben

Beim Bau der Kirche 1959 hat der Michelstädter Glasmaler Heinz Hindorf (1909-1990) in der 8 m hohen kreuzförmigen Öffnung der Chorwand ein eindrucksvolles Bild des Gekreuzigten geschaffen. Es lohnt sich, sein Werk als Glaubensbild zum Geheimnis von Tod und Leben zu betrachten.
Der schmerzlich erlittene Tod Jesu wird im Bild deutlich sichtbar. Das Blut ist aus den Händen geströmt, es sickert aus der Seitenwunde und von den mit dicken Nägeln durchbohrten Füßen. Das mit der Dornenkrone bedeckte Haupt ist zur Seite gesunken. Die Gestalt Jesu am Kreuz ist wie in Todesruhe entspannt. Das geneigte Haupt deutet seine Hingabe an. Jesus hat den Tod angenommen und sein Leben in die Hände Gottes gelegt. Für die Menschen, die er liebte, ist er den Kreuzweg gegangen. Nun hat er ausgelitten. Er ist tot.
In dieses Bild fällt das Licht der Sonne. Licht, das für den Künstler Leben spendet und ein Hinweis auf das Göttliche ist. Das Bild wird für die neue, den Menschen übersteigende Wirklichkeit des Lebens transparent. Sie ist sichtbar am strahlend blauen Rahmen, der das dunkle Kreuz ins Licht des Himmels taucht. Der Gekreuzigte leuchtet in vielfältigen Farben, vom erdhaften Grau, Braun und Grün über das alle Farben bündelnde Weiß bis zum Violett, Gelb, Rot und Blau des Himmels. Das Grün der Dornenkrone wie der Nägel und das Rot des Blutes, Hinweise auf Leiden und Tod, werden zu Farben des Lebens.
Der gelb umrandete rotglühende Kreis über dem Haupt ist als leuchtender Mittelpunkt das Zeichen für die österliche Sonne, für das österliche Leben. Die Farbendreiheit Rot-Gelb-Blau wählt Hindorf bewußt nach dem Vorbild mittelalterlicher Meister als Symbol des dreieinigen Gottes. Die alten Christusfarben Blau, Weiß und Rot verwendet er im Sinn der, wie er sagt, „Präsenz des göttlichen Wesens in unserer vergänglichen Welt".
Im Licht des göttlichen Lebens ist der gekreuzigte Jesus verklärt. Seine Augen scheinen jetzt geöffnet, die ausgestreckten Arme und Hände sind wie vom Kreuz gelöst. Jesus ist eingetaucht in die Herrlichkeit des Vaters und in seine eigene göttliche Lebensfülle.
Hindorfs Bild des Gekreuzigten läßt im Tod dieses neue Leben aufleuchten. Es lädt den Betrachter ein, sich auf den Prozeß von Tod und Leben einzulassen, das Licht in der eigenen Existenz und in der Welt wahrzunehmen und die Spuren des neuen Lebens zu entdecken.
von Gerhard Zieler