
Die Weltverantwortung der Christen
Predigt am 09. November 2008 in Michelstadt, St. Sebastian

Weihbischof Dr. Ulrich Neymeyr
© Dieter Preuss
Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,
Gebet und Gottesdienst werden immer wieder als eine Flucht aus der Welt missverstanden. Die Mystik, die sich in das Geheimnis des dreifaltigen Gottes hineinziehen lässt, ist aber keine Flucht aus der Welt. Schon die mystische Sehnsucht hat einen politischen Aspekt. Sie erwartet nicht alle Freuden von dieser Welt und in dieser Welt und sie traut es dem Menschen und seinem politischen Bemühen nicht zu, die Probleme der Welt zu lösen, wenn nicht Gott in der Mitte steht. Außerdem wird uns in der Begegnung mit dem lebendigen Gott die Welt unseres Alltags in ganz besonderer Weise ans Herz gelegt und wir werden beauftragt, sie im Geist des Evangeliums zu gestalten. Der heutige 9. November erschließt viele Aspekte dieser inneren Wirklichkeit christlicher Frömmigkeit. Der 9. November wird zu Recht als Schicksalstag der Deutschen bezeichnet.
Wir denken heute an den 9. November 1918. In der so genannten November-revolution am Ende des 1. Weltkrieges verkündete Maximilian von Baden eigenmächtig die Abdankung Kaiser Wilhelms II. und betraute Friedrich Ebert mit den Amtsgeschäften. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief vom Reichstags-gebäude aus die Deutsche Republik aus. Vier Jahre lang hatte der 1. Weltkrieg getobt. Machtpolitik, Rüstungswettlauf und Rivalität unter den Nationen hatten die erste große Katastrophe über das vergangene Jahrhundert gebracht. Der Blick auf den lebendigen Gott wird immer auch zum politischen Aufruf, das Lebensrecht und die Freiheit jedes Menschen zu achten und zu schützen. Schriftbetrachtung und Schriftgespräch sind nicht ohne politische Dimension. Demjenigen, der in der Überlieferung des Evangeliums daheim ist, bleibt immer klar, dass er im Namen Jesu Christi niemals Gewalt ausüben kann.
Am Abend und in der Nacht des 9. November 1938 übten Anhänger des Nationalsozialismus in ganz Deutschland nach einer Rede von Joseph Göbbels gesetzeswidrige Gewalt gegen jüdische Bürger. Sie zerstörten ihr Eigentum und steckten Synagogen in Brand. Polizei und Feuerwehr hatten die Weisung, nur nicht-jüdisches Eigentum zu schützen. Wer sich selbst oder seine Rasse vergöttert, wird intolerant und gewaltbereit, wer dagegen Gott in der Mitte sein lässt, bleibt von Herzen tolerant, auch wenn er sich bewusst bleibt, dass er wie ein Schaf mitten unter die Wölfe gesandt ist und klug sein muss wie die Schlangen. (Mt, 10.16)
Am 9. November 1967 enthüllte der damalige AStA-Vorsitzende Detlev Albers bei der Zeremonie zur Rektoratsübergabe an der Universität Hamburg ein Transparent mit der Aufschrift „Unter den Talaren - der Muff von tausend Jahren". Dies war der Startschuss für die gesellschaftlichen Umwandlungen des Jahres 1968. Es war eine Überbetonung des Subjektiven, die sich gegen jede Bevormundung von außen wendete. Der Glaube an den dreifaltigen Gott lässt sich aber nicht vom menschlichen Subjekt her entwerfen. Vielmehr ist uns Gott vorgegeben, genauso wie das Werk der Erlösung durch Jesus Christus und die Kirche als Frucht des Hl. Geistes. Wer sich in das Geheimnis Gottes hineinziehen lässt, wird dies nicht als eine Zumutung erfahren. Er wird vielmehr immer mehr die unendlich große Liebe entdecken, die Gott zu uns Menschen hat und auf die wir immer nur unzureichend antworten können.
Am Abend des 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Durch einen Irrtum des SED-Funktionärs Günter Schabowski bei einer Pressekonferenz öffnete die DDR die innerdeutsche Grenze. Es wurde ein großes Fest gefeiert und Deutschland war in dieser Nacht die glücklichste Nation der Welt. Erst später wurde deutlich, dass Freiheit nie nur die Freiheit „von" etwas ist, etwa die Freiheit von der Bevormundung durch den Staat oder die Freiheit von Mauern und Stacheldraht. Freiheit ist immer auch die Freiheit „für" einen Lebensstil des einzelnen und der Gesellschaft. Freiheit bedeutet Verantwortung, die wahrgenommen werden muss. Wenn wir auf den lebendigen Gott und seine Gebote hören, werden wir die Freiheit, die er uns gegeben hat, dafür einsetzen, dass unser Leben und das Leben unserer Mitmenschen gelingt.
Dieser kleine Ausflug in die Zeitgeschichte hat gezeigt, dass die Gestaltung der Gesellschaft und der Wirtschaft ohne den Blick auf den lebendigen Gott missglückt. Als Christen müssen wir hellhörig bleiben für die stille Gegenwart Gottes, um aus diesem Erlebnis heraus unser Leben, unseren Alltag und unsere Welt zu gestalten.
Weitere Bilder vom Gottesdienst >>>>>>>>>