Warum in der Kirche bleiben?
Die Suche nach einer Heimat im Glauben - Maßnehmen an Christus
Immer wieder stellen viele von uns diese Frage. Nicht wenige sind es, die in diesen Zeiten der Kirche den Rü-cken kehren. In unseren Breiten scheint der Glaube zu verdunsten. Mache sehen da und dort ein Wachsen der Religiosität, aber das geschieht - wenn überhaupt - doch eher außerhalb unserer verfassten Kirchen. Skandale beuteln die Kirche, hausgemacht oder an sie herangetragen und für Viele ist das der letzte Anstoß, sich von ihr abzuwenden. Unsere Erfahrung muss aber tiefer ansetzen, um das Geheimnis der Kirche richtig zu begreifen. Wenn ich bloß die Perspektive der menschlichen Herstellbarkeit wähle, verfehle ich das Wesen der Kirche.
Hinter der „Institution" muss ich den Zusammenhang von Christsein und Kirche neu erfahren. Jesus begegnet mir - und das entspricht seinem eigenen Willen - über die Distanz der Geschichte heute in seiner Kirche. In der Kirche ist Jesus lebendig gegenwärtig, weil das seinem Willen entspricht. Seinen göttlichen Willen setzen wir nicht außer Kraft durch unsere Unzulänglichkeit und unsere Schwächen. „Wer die Gegenwart Jesu Christi in der Menschheit finden will, kann sie nicht gegen die Kirche, sondern nur in ihr finden" (J. Ratzinger).
Die Sünden und Fehler der Kirche in der Vergangenheit und Gegenwart werden immer neu bedacht und das hat auch seine Berechtigung. Was sie in der Gegenwart und der Vergangenheit Großes geleistet hat und noch immer tut, verschwindet oft hinter einer alles überlagernden negativen Kritik. Die vielen Leistungen, die die Kir-che gerade auch bei uns hier erbracht hat und erbringt, werden wenig gesehen und noch seltener gewürdigt.
Das fordert uns heraus. Trotz meiner Schwächen und Launen will ich versuchen, das zu ergreifen, was Jesus mir in und durch seine Kirche schenken will. Ich kann ihm hier begegnen und auf ihn schauen und er will mich ansehen und mir seinen Geist schenken. Kirche ist kein Selbstzweck. Sie will und darf diese Begegnung ver-mitteln, das ist ihr Sinn. Hier ereignet sich immer wieder - freilich im Raum des Schweigens und der Stille - dieses ganz einmalige Geschehen. Der unendliche Gott neigt sich uns zu, kommt uns entgegen und befreit uns in dieses grenzenlose Vertrauen, das er in uns hat und dem wir hier begegnen dürfen. Von dieser zuvorkommen-den Liebe Gottes, die uns aus der Verfallenheit in den Tod und aus der wechselvollen Beliebigkeit der Geschichte herausreißt in die einmalige Heimat, die wir Gott nennen, spricht auch unser Kreuz an der Altarwand unserer Kirche.
Hier ist in Jesu Lebenshingabe die freimachende Kraft des Glaubens dargestellt, die mich aus meiner Ich-bezogenheit löst und die dem Geist Gottes in mir Raum schenkt.
Diesen nüchternen Dienst will unsere Gemeinde leisten. Natürlich will sie auch Heimat und Geborgenheit ver-mitteln. Aber das ist nicht das letztlich Entscheidende. Wichtiger ist, dass wir auf das Wort Jesu hören und uns helfen, unser Leben im Licht seiner Worte und Weisungen zu ergreifen und zu gestalten. Die Qellen dieser Kraft leben nicht in uns selbst, sie werden uns durch den Geist Jesu geschenkt. Die Liebe Gottes ist die Kraft unseres Lebens.
Niemand überhöht das Geheimnis der Kirche, denn es gibt sie nur in der Gestalt des Kreuzes. Immer gehört auch das Leiden an der Kirche und in ihr zur konkreten Gläubigkeit. Daran erinnert uns dieses große und schöne Kreuz, das über unserem Altar hängt und jeden, der in unsere Kirche kommt für sich gefangen nimmt. Wenn ich dann manchmal traurig bin, weil so vieles in meinem Leben nicht dem Willen des Herrn entspricht, tröstet mich dieser Ausblick auf den erhöhten Herrn. Gerade im Leiden ist er mir nahe wie niemals sonst. Kirche „ist, solange sie lebt, immer beides: Enttäuschung und Hoffnung. Enttäuschung, weil wir dem Auftrag Jesu Christi nicht standhalten, und Hoffnung, weil uns inmitten unseres Versagens ein anderer trägt. Gott ist größer als unser Herz." (K. Lehmann)
Ich grüße Sie alle ganz herzlich.
Pfarrer Winfried Klein