Was glauben Christen?

Fünfter Teil

Zur Erhellung dieser Frage haben wir in bisher vier Schritten wichtige Aspekte des Anfangs und der Geschichte des Christentums beleuchtet. Im Mittelpunkt unserer letzten Überlegung stand der Anfang des VATER UNSER. Jetzt wollen wir seine sieben Bitten betrachten, denn sie zeigen wesentliche Inhalte unseres Glaubens über das Verhältnis von Gott und Mensch.

Schon der äußere Aufbau dieses Gebetes verrät eine durchdachte Gestaltung. Von den sieben Bitten beziehen sich die ersten drei unmittelbar auf das Verhältnis zwischen Gott und Mensch; die folgenden vier Bitten bringen die Sorgen und Anliegen des Menschen zum Ausdruck und betreffen das Miteinander der Menschen. In der Bibel (und nach ihrer Zeit bis zur Aufklärung) haben Zahlen eine andere Bedeutung als für uns heutige Menschen. Sie stehen symbolisch für bestimmte Inhalte. So steht die Drei für den Geist, für Gott; Die Vier steht für die Materie, das Irdische. Und die Sieben (als Summe von Drei und Vier) ist die Zahl des Menschen, denn in ihm kommen Geist und Materie zusammen. Das VATER UNSER ist also das Gebet des Menschen schlechthin.

Nach der Anrede, die wir im vorigen Beitrag beleuchtet haben, geben die drei ersten Bitten Gott den Vorrang und die ihm gebührende Ehre: Sein Name werde geheiligt, sein Reich komme, sein Wille geschehe. Ob wir das immer bedenken, wenn wir dieses Gebet sprechen?

Die dann folgenden vier Bitten beginnen mit dem, was der Mensch zum Leben braucht: das ist zunächst das „tägliche Brot" im weiten Sinn des Wortes, die Grundlage für seine Existenz. Dann aber nimmt das Gebet Anliegen auf, die dem modernen Menschen gar nicht mehr so sehr im Blick liegen: die Bitte um Vergebung der eigenen Schuld, und zwar in dem Maß, wie der Beter selbst zur Vergebung bereit ist. Im Original beim Evangelisten Matthäus heißt es sogar viel schärfer: „Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen h a b e n"! Diese Bitte verlangt also dem Beter etwas ab, was unter Umständen sehr schwer sein kann! Die dann folgende, vorletzte Bitte hat den Auslegern der Schrift stets viel Kopfzerbrechen bereitet: Führt etwa Gott den Menschen in Versuchung? Das ist doch wohl nicht denkbar. Vielleicht meint der Text, Gott möge den Menschen vor Situationen bewahren, die ihn überfordern. Am Ende des VATER UNSER aber steht die Bitte, uns Menschen vom Bösen zu befreien.

Jüdische Theologen haben darauf hingewiesen, dass das VATER UNSER ganz und gar in der jüdischen Tradition beheimatet ist und im Grunde keinen Gedanken enthält, der nicht (wenn auch in anderer Formulierung) ebenso im Alten Testament oder der jüdischen Tradition vorkommt. So haben wir wiederum einen Hinweis darauf, wie sehr unser christlicher Glaube im jüdischen Glauben verwurzelt ist.

Erinnern wir uns aus dem letzten Beitrag der Warnung, die Jesus dem VATER UNSER voranschickte: „Macht nicht viele Worte!" Dazu passt eine chassidische Erzählung:

Rabbi Israels Gemeinde war andächtig versammelt und wartete, dass der Meister das Gebet beginne. So verging eine Stunde, er schwieg. Es verging viel Zeit, noch immer verweilte er schweigend. Die Gemeinde war voller Angst über das Verstummen des Meisters. Er sagte: „Noch sind die Tore des Erbarmens unserem Gebet verschlossen."
Da betrat ein Knabe aus dem entfernten Dorf das Bethaus. Erschöpft vom Weg, verstaubt, rief er: „Väterchen mein, ich weiß nicht, wie man betet, ich möchte dir das schönste Lied des Waldes pfeifen!"

Als sein Lied beendet war, fing der Rabbi das Gebet an. Und alle fühlten an jenem Tage, wie ihre Bitten den Thron des Schöpfers umschwebten.

Helmut Link