ZWISCHEN EISZEIT UND FRÜHLINGSERWACHEN
Zum Stand der Ökumene anlässlich des 2. Ökumenischen Kirchentages 2009
Wo stehen die Kirchen eigentlich in der Ökumene, in diesen Tagen, da in München der 2. Ökumenische Kirchentag begangen wird ? Da ist auf der einen Seite die große Begeisterung, die in München wieder zu erleben war, aber auf der anderen Seite eben auch die Enttäuschung, dass „vor Ort“ in der Ökumene oftmals die Luft raus zu sein scheint: die Begeisterung und der Schwung, mit denen Gemeinden noch vor 20 Jahren aufeinander zu gegangen sind, ist heute vielfach großer Ernüchterung, wenn nicht gar Enttäuschung gewichen. Die „Basis“ fühlt sich ausgebremst von den Kirchenleitungen. Für die Probleme, die von Bischöfen und Kirchenpräsidenten gesehen werden, hat man in den Gemeinden vielfach kein Verständnis mehr. Gleichzeitig aber wird in den Gemeinden, das, was an Ökumene möglich ist, auch nicht mehr wirklich angenommen:
die Besucherzahlen bei ökumenischen Gottesdiensten zu Neujahr oder zum Weltgebetstag der Frauen gehen seit Jahren stark zurück. Die ökumenischen Bibelwochen waren in diesem Jahr durchweg so schlecht besucht wie noch nie. Gehen wir in der Ökumene einer neuen Eiszeit entgegen?
Zur Geschichte der Ökumene
Wenn man einmal zurückschaut, dann hat, auf katholischer Seite angestoßen durch das Konzil, vor allem in den 70er und 80er Jahren eine ökumenische Bewegung eingesetzt, die eine einzigartige Dynamik entwickelt hat, und zwar auf allen Ebenen. In dieser Zeit sind zwischen den unterschiedli-chen Konfessionen und Kirchen unzählige theolo-gische Gespräche geführt worden. Die Ergebnisse sind eindrucksvoll und oft viel zu wenig beachtet worden. An zahlreichen Punkten, an denen man sich in der Reformationszeit hoffnungslos zerstritten hatte, entdeckte man in diesen Dialog-Gesprächen miteinander große Übereinstimmun-gen. Die Liste der Themen, über die es mittlerweile ökumenische Konsensdokumente gibt, also Texte, die weitreichende Übereinstimmung im Glauben feststellen, ist wirklich beeindruckend: Taufe, Rechtfertigung, Sakramente, Offenbarung, das Herrenmahl, das geistliche Amt in der Kirche, die Problematik konfessions-verschiedener Ehen und vieles mehr. Ein Höhepunkt dieser Phase war und ist das sogenannte „Lima-Dokument“, das die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 1982 verabschiedet hat. Taufe, Eucharistie und Amt waren die Themen. Die Begeisterung über diese erreichte Annäherung war so groß, dass man sich vor allem im Hinblick auf das gemeinsame Abendmahl schon fast am Ziel glaubte. In der sogenannten „Lima-Liturgie“ wurde sogar schon eine Art Messtext für eine gemeinsame Abendmahlsfeier vorgelegt. Auch wenn die katholische Kirche sofort deutlich machte, dass ein gemeinsames Abendmahl nach der „Lima-Liturgie“ für sie nicht in Frage kommt, so hat das doch der ökumenischen Begeisterung kaum Abbruch getan.
Parallel zu diesen Dialogen auf Theologenebene setzt in dieser Zeit auch in vielen Gemeinden eine ökumenische Begeisterung ein. In immer mehr Gemeinden sind die Konfessionen aufeinander zu gegangen; die Möglichkeiten ökumenischer Gottesdienste wurden entdeckt, gemeinsame Bibelkreise entstehen, es kommt zu Begegnungen zwischen Pfarrgemeinderäten und Kir-chenvorständen. Ökumene ist nicht mehr länger bloß „Theologensache“, son-dern wird lebendig erfahrbar in den Gemeinden. Und je mehr man sich kennen lernt, um so deutlicher wird die Frage gestellt: Was hindert uns eigentlich noch, wirkliche Kirchengemeinschaft „in versöhnter Verschiedenheit“ aufzunehmen?
Die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung 1999
Zu einem gewissen Höhepunkt kommt es, als nach sehr intensiven Recherchen und theologischen Gespräche, angestoßen 1980 durch Papst Johannes Paul II. bei sei-nem Besuch in Mainz und der damals historischen Begegnung mit Vertretern der evangelischen Kirche, überprüft wird, in wie weit die eggenseitigen Lehrverurteilungen der Reformationszeit heute eigentlich noch treffen. Und das Ergebnis war sehr eindeutig: gerade in den entscheidenden Knackpunkten der Reformation, etwa in der Rechtfertigungslehre, für Luther der „Artikel, mit dem die Kirche steht und fällt“, wird festgestellt: die damaligen Verwerfungen treffen heute nicht mehr. So kommt es schließlich 1999 zu einem aufsehenerregenden Schritt: Der Lutherische Weltbund als Vertretung aller lutherischen Kirchen weltweit und die katholische Kirche, vertreten durch die Glaubenskongregation und den Einheitsrat, unterzeichnen am 31. Oktober 1999 in Augsburg eine „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung“. Mit anderen Worten: in der zentralen Frage der Reformationszeit erklären beide Kirchen amtlich und verbindlich, dass man sich in der Sache weitgehend einig ist und die bleibenden Differenzen nicht mehr kirchentrennend sind.
Eigentlich sollte man erwarten, dass nach einer solchen Erklärung eine neue Welle der Begeisterung in der Ökumene spürbar wird. Aber weit gefehlt. Mittlerweile war nämlich eine Art „ökumenischer Eiszeit“ über das Land hereingezogen. Man hat das Gefühl: Die Luft ist raus! Der frühere Schwung ist verloren gegangen. Auch in vielen Gemeinden wird die Ökumene längst nicht mehr so sehr als spannende Pionierarbeit und interessantes Abenteuer erlebt, sondern vielmehr als eine lästige Pflicht. Die „Gemeinsame Erklärung“ von Augsburg wird kaum wahrgenommen.
Neue Ökumenische Eiszeit ?
Kirchenamtlich wird diese ökumenische Eiszeit im August 2000 unübersehbar durch die Erklärung der Glaubenskongregation „Dominus Jesus“. Zwar ist das Thema dieser Erklärung gar nicht die Ökumene, aber in einem Kapitel wird auch das Verhältnis der katholischen Kirche zu anderen christlichen Gemeinschaften gestreift. Und hier findet sich eine Formulierung, die so klingt, als ob die katholische Kirche allen anderen Kirchen, vor allem den evangelischen Kirchen, das Kirchesein grundsätzlich abspricht. Auch wenn Kardinal Ratzinger sofort in Zeitungsartikeln und Interviews versucht, diesen Eindruck zu ent-kräften: der Schaden ist da. Und die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: die Evangelische Kirche in Deutschland veröffentlicht ihrerseits ein Dokument, in dem sie ihre Vorstellung von Kirchengemeinschaft darlegt. Wer beide Texte vergleicht, für den wird offensichtlich: hier prallen zwei grundverschiedene Vor-stellungen von dem, was „Kirche“ ist und meint, aufeinander. In der evangeli-schen Kirche wird fortan stark auf eine „Ökumene der Profile“ gesetzt: mit an-deren Worten, es geht darum, wieder stärker das eigene Profil, auch in Abset-zung zum anderen zu schärfen.
Mitten in dieser Eiszeit haben die Verantwortlichen des Evangelischen Kirchentags und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vereinbart, für das Jahr 2003 zu einem ersten Ökumenischen Kirchentag einzuladen. Vielleicht stand dahinter die Hoffnung, der ökumenischen Bewe-gung wieder neuen Schwung zu geben. Denn wenn wir in den jetzt noch vor uns liegenden Problemen weiter kommen wollen, dann braucht es noch einmal wirklichen Schwung und auch noch einiges an Anstrengung: denn da liegen noch ein paar Felsbrocken auf dem Weg zur ökumenischen Einheit, die aus dem Weg geräumt werden müssen: die Frage nach dem Papstamt, nach dem Frauenpriestertum, überhaupt nach dem Verständnis von Amt und Weihe in der Kirche (Stichwort: „Apostolische Sukzession“), und vor allem die Frage nach dem gemeinsamen Abendmahl.
Das gemeinsame Abendmahl als heißes Eisen
Ein Hauptknackpunkt ist ohne Zweifel die Frage nach dem gemeinsamen Abendmahl. Viele Christen verstehen nicht, wieso sich die Kirchen hier über-haupt noch so schwer tun. Und an diesem Punkt steht vor allem die katholi-sche Kirche mit dem Rücken an der Wand. Es entsteht der Eindruck: Die evangelischen Kirchen, aufgeschlossen, ökume-nisch und menschenfreundlich, wie sie nun einmal sind, laden längst alle Christen zum Abend-mahl ein, ja gelegentlich sogar alle Menschen guten Willens, ob sie nun Christen sind oder nicht. Die katholische Kirche aber, konservativ und rückständig, wie sie sich in den Augen vieler gerade in der Ökumene oft verhält, weigert sich nach wie vor beharrlich, Nicht-Katholiken zur Eu-charistie einzuladen, und schlimmer noch: sie verbietet sogar ihren Mitgliedern, die Einladung der evangelischen Kirche anzunehmen. Dabei leiden nicht nur konfessionsverschiedene Paare und Familie sehr unter dieser Trennung am Tisch des Herrn. Mit der Idee vom Ökumenischen Kirchentag hat sich darum von Anfang an auch die Hoffnung verbunden, dass es doch endlich möglich sein müsste, gemeinsam als evangelische und katholi-sche Christen das Abendmahl zu feiern. Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt, auch nicht zum 2. Ökumenischen Kirchentag 7 Jahre später.
Aber wo hängt es ? Interessanter Weise nicht am Verständnis des Abendmahls selbst. Die Streitpunkte der Reformation, also etwa, ob beim Abendmahl in Brot und Wein wirklich (real) Christus mit Leib und Blut gegenwärtig ist („Realpräsenz“), oder die Frage nach dem Laienkelch, also ob auch die Laien den Kelch empfangen dürfen, oder die Frage, ob denn das Abendmahl ein „Opfer“ ist oder nicht, sind heute weitgehend gemeinsam geklärt. Der Knack-punkt ist vielmehr die Frage: Wer kann denn gültig der Eucharistie / dem Abendmahl vorstehen? Nach katholischer Überzeugung nur ein gültig geweih-ter Priester. Denn der Priester repräsentiert bei der Messfeier mit seiner Person Christus, das Haupt seiner Kirche. Diese sakramentale Vollmacht hat Christus den Aposteln übertragen, und diese ihren Nachfolgern, den Bischöfen, und diese wiederum den Priestern. Also nur, wer durch die Weihe in der Nachfolge der Apostel steht („Sukzession“), kann gültig die Eucharistie feiern. Ein evangelischer Pfarrer aber ist kein gültig geweihter Priester und will es auch gar nicht sein. Nach evangelischem Verständnis könnte prinzipiell im Grunde jeder getaufte Christ dem Abendmahl vorstehen. Wenn in der Regel der ordinierte Pfarrer das Abendmahl leitet, ist das mehr eine Frage der Ordnung, aber keineswegs notwendig. Es liegt auf der Hand, dass man nicht einfach gemeinsam Abendmahl feiern kann, wenn man sich nicht einig ist, wer denn gültig dem Abendmahl vorsteht.
Die Frage nach dem Amt in der Kirche ist eine knifflige Frage. An dem Punkt sind wir noch weit auseinander. Das betrifft die Frage nach der Apostolischen Sukzession, nach dem Frauenpriestertum, nach dem Bischofs- und Papstamt. Hier geht es um das Selbstverständnis von Kirche. Aber an diesen Punkten kommen wir nur weiter, wenn es gelingt, das Eis zu schmelzen und der Ökumene wieder Schwung zu geben. München ist hier eine echte Chance.
Das Eis schmelzen ist dabei übrigens etwas grundsätzlich anderes wie als Eis-brecher aufzutreten. Immer wieder werden, nicht nur im Zusammenhang mit dem Kirchentag, auch Stimmen laut, die dazu aufrufen, in einer Art „zivilem Ungehorsam“ des Kirchenvolkes einfach gemeinsames Abendmahl zu feiern, ob es den Kirchenleitungen nun passt oder nicht. Ich halte nichts von solchen Methoden. Am Ende führt es nur dazu, dass die Fronten sich um so mehr ver-härten. Effektiver als ein Eisbrecher ist ein wirklicher Frühling, der das Eis allmählich schmilzt. Gegenseitiges Vertrauen und Verständnis für die manchmal auch unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen verändert das Klima dauer-hafter als spektakuläre Aktionen. Das Problem bei Eisbrechern ist, dass das Eis nicht wirklich weg ist, sondern die aufgebrochenen Schollen als Eisberge weiter umher treiben, und das kann manchmal fatale Folgen haben – siehe Titanic.
Pfr. Tobias Schäfer