Die Kirche im Dorf lassen

Gedanken zum 200-jährigen Weihejubiläum der Pfarrkirche St. Philippus und Jakobus 2011 

 

jubiläum pfarrkirche

 

So ändern sich die Zeiten. Noch in den Siebziger Jahren wurden Kirchen gebaut, nun werden in Deutschland hier und da Kirchen geschlossen, veräußert oder sogar abgerissen. Wie würde hier die Heidesheimer Bevölkerung reagieren, wenn aus unserer Pfarrkirche St. Philippus und Jakobus ein Wellness-Bad, eine Lagerhalle, eine Kneipe oder eine Moschee gemacht würde, wie das andernorts schon geschehen ist? 

Manche sagen: bei sinkenden Mitgliederzahlen und weniger Kirchensteuereinnahmen werden unsere Kirchen auf dem Land zu einem unbezahlbaren Luxus; wer in die Kirche gehen will, kann doch nach Mainz in den Dom oder in die Basilika nach Bingen fahren.

Das Sprichwort sagt, man solle die Kirche im Dorf lassen! Was aber ist nun Kirche im Dorf? Unsere Heidesheimer Pfarrkirche feiert im Jahre 2011 die 200-jährige Wiederkehr ihrer Weihe. So eine schöne alte Kirche besteht nun aus Steinen. Ja, wenn ihre Steine reden könnten, dann hätten sie eine Menge zu erzählen.

Von der damaligen Bevölkerung wurde die Pfarrkirche mit viel Opferj und großem Einsatz gebaut. Nach dem Krieg wurden erneut durch eine große Spendenbereitschaft Glocken angeschafft, da die alten Glocken während des Krieges zu Waffen umgeschmolzen werden sollten.

Viele Generationen sind in Heidesheim in der Pfarrkirche getauft, gefirmt, getraut und betrauert worden. Unzählige Kinder haben ihre Erstkommunion gefeiert. Wenn unsere Vorfahren wüssten, wie ihre Opfer für diese Kirche heute von manchen ignoriert werden, was würden sie dazu sagen?Da steht sie mitten in Heidesheim: unsere Pfarrkirche. Sie besteht aus toten Steinen, die nun nicht reden können. Für viele weckt sie allenfalls nostalgische Gefühle, sie gehört eben zum Ortsbild dazu, sie ist auf die Fahnen der Vereine gestickt, ansonsten ist die Kirche ein Denkmal geworden – oder?

Vor einigen Jahren war ich in Dresden und habe mir die Bausteine der Frauenkirche angeschaut. Diese Kirche war ja im Februar 1945 zerstört worden. Viele Steine aus dem Trümmerhaufen hatte man sorgfältig gesammelt und mit Nummern versehen. Säuberlich geordnet lagen die großen und kleinen Steine in ihren Regalen. Sie kamen auf ihren früheren Platz. Jeder Stein hatte seine besondere Bedeutung! Heute ist die Frauenkirche wieder eine besondere Kirche im Stadtbild Dresdens.

Kirche im Dorf, Kirche in der Stadt, Kirche als Museum, als Denkmal oder als Konzertgebäude? Kann das alles sein? Jesus spricht von einer anderen Kirche (vgl. 1 Petr 2,1-10): Diese Kirche besteht nicht aus toten, sondern aus lebendigen Steinen. Ein bemerkenswertes Bild: die Kirche als ein geistiges Haus aus lebendigen Steinen. Jeder Stein gehört an seinen Platz. Jeder Stein hat seine eigene und besondere Bedeutung. Genauso wie bei der Frauenkirche in Dresden die alten Steine nummeriert und katalogisiert worden waren, hat Gott uns in Heidesheim gewissermaßen einzeln katalogisier: Er hat uns erlöst, er hat uns bei unserem eigenen Namen gerufen: wir gehören zu ihm! Mit jeder Taufe hat Gott einen lebendigen Stein vom Boden aufgelesen und an seinem Platz verbaut. An meinem Platz soll ich tragen, da soll ich die Nachbarsteine stützen, gleichzeitig aber werde ich selbst von anderen Steinen getragen und gestützt. Da bin ich Teil einer großen Gemeinschaft. Und ganz oben in der Spitze unseres Gewölbes ist Jesus Christus selbst. Er hält alles zusammen, er ist der Schlußstein.

Eine solche Kirche aus lebendigen Steinen ist ungleich wertvoller als ein altes Gebäude aus toten Steinen. Dazu will uns das 200-jährigen Jubiläum unserer Kirche mit seinem umfangreichen Veranstaltungsprogramm und als Höhepunkt mit einem festlichen Pontifikalamt mit Kardinal Lehmann am 19. Juni 2011 mahnen und einladen. Eine solche Kirche aus lebendigen Steinen will unseren Kindern eine Heimat bieten. In ihr sollen Jugendliche Halt und Orientierung finden. In dieser Kirche aus lebendigen Steinen sollen wir Schutz finden vor den Stürmen unserer Zeit, gerade jetzt wo uns Katholiken ein kräftiger Wind der Ablehnung ins Gesicht bläst.

In der Kirche aus lebendigen Steinen sollen wir Geborgenheit und Gemeinschaft finden, wenn wir draußen alt und einsam geworden sind. Natürlich muss man die Kirche im Dorf lassen, vor allem aber diese Kirche aus lebendigen Steinen.

Aber noch ist diese Kirche aus lebendigen Steinen nicht fertig. Es fehlen noch Teile: es fehlt trotz aller Lebendigkeit unserer Pfarreigruppen in vielen Bereichen der Gemeindearbeit, es fehlt vor allem an gelebter Frömmigkeit. Vielleicht kann eine Kirche aus lebendigen Steinen niemals fertig sein, denn wo Leben ist, da gibt es ja auch notwendige Veränderungen. Menschen werden geboren, Menschen sterben, die Zeiten wandeln sich: das alles ruft Veränderungen hervor. Gott aber bleibt ewig! Er hat mit Jesus Christus einen immerwährenden Grundstein für seine Kirche gesetzt und wird diesen Kirchenbau einmal vollenden. In diesem Christusvertrauen dürfen wir uns auf das Weihejubiläum unserer Pfarrkirche 2011 freuen. Dazu will uns auch das Jubiläumslogo einladen, das dankenswerterweise von Frau Petra Stüber gestaltet wurde und den Turm der Kirche zeigt und voller Dynamik das Dach der Kirche den Himmel mit der Erde verbinden lässt und mit dem Spruch „Sein ist die Zeit“ auf den hinweist, der in allem Wandel seiner Kirche treu bleibt: Jesus Christus.

Pfarrer Thomas Catta