Gott, ich öffne dir mein Herz
Weggottesdienste in der Kommunionvorbereitung
Zu meinen frühesten und intensivsten Kindheitserinnerungen gehört der sonntägliche Kirchgang mit meinem Vater. Meine Eltern haben mich bereits als 4jähriger regelmäßig zum Sonntagsgottesdienst mitgenommen. So war mir der sonntägliche Gottesdienst schon als Kind etwas Vertrautes, als ich 1968 mit 7 Jahren zur sogenannten „Frühkommunion" gehen durfte. Die Vorbereitung darauf beschränkte sich auf einige wenige Treffen mit einem Priesterstudenten, der in unserer Nachbarschaft wohnte.
Mehr wurde nicht „gemacht". Das Entscheidende war ja bereits geschehen, das Hineinwachsen in den Gottesdienst durch die regelmäßige Mitfeier im Verlauf mehrerer Jahre.
Die Kinder heute haben es da schwerer. Vielen von ihnen - den meisten - sind der Kirchenraum und das Gottesdienstfeiern fremd. Die Gesten und die wiederkehrenden Worte sind ihnen weitgehend unbekannt. Reicht es da, ihnen mit Beginn der Kommunionvorbereitung die sonntägliche Mitfeier der Eucharistie zu „verordnen" und ihnen den Ablauf der Messe im Religionsunterricht theoretisch zu erklären? Wie können sie schrittweise in das Mitfeiern eingeführt werden - ähnlich, als würden sie ein Musikinstrument erlernen? Diese Fragestellung bewegt unzählige Gemeinden in Westeuropa. Im Bistum Paderborn hat sich eine besondere Form der Liturgiekatechese
entwickelt, für die sich der Begriff „Weggottesdienste" eingebürgert hat. Der erste von insgesamt 12 im Laufe der Kommunionvorbereitung wurde nun in unserer Pfarrgemeinde gefeiert.
Was muss man sich unter einem „Weggottesdienst" vorstellen?
Es ist ein Freitagnachmittag im September. Nach und nach trudeln die Kommunionkinder auf dem Platz vor dem Hauptportal der Kirche ein. Die Mädchen und Jungen sind nicht allein gekommen, jedes Kind wird von der Mutter, dem Vater oder der Oma begleitet. Ich begrüße alle, gebe kurze Hinweise und verteile einige Aufgaben, die einzelne Kinder im Gottesdienst übernehmen sollen. Dann gebe ich das Zeichen zum Einzug in die Kirche. Schweigend betreten Kinder und Erwachsene das Gotteshaus und knien in den hinteren
Bänken nieder. Ich lade alle zu einer kurzen Zeit der Stille ein und spreche ein Gebet. In einer kleinen Prozession ziehen Kinder und Eltern nun zum Altarraum. Ein Mädchen geht dabei mit einem kleinen Standkreuz voran. Das Kreuz wird auf den Altar gestellt. Die Kinder nehmen auf den Papphockern, die Eltern auf Stühlen hinter ihren Kindern im
Chorraum Platz. Bei den folgenden Elementen des Gottesdienstes übernehmen die Kinder verschiedene Aufgaben: das Kreuzzeichen vormachen, Bitt- und Dankrufe sprechen, das Vaterunser vorbeten ... Gesten und Worte, die in den folgenden Weggottesdiensten immer wiederholt werden.
Im Weggottesdienst heute geht es besonders um das Kreuzeichen und um das Einüben von Sammlung und Stille. Dazu bekommen die Kinder die Geschichte von Samuel und Eli aus dem Alten Testament erzählt und im Gespräch mit den Kindern wird deutlich:
Gott ruft auch heute noch. Er ruft wie jemand, der uns sehr liebt. Gott ruft ganz leise. Wir lernen daher, still zu werden, um Gott in unserem Herzen hören zu können. Sinn der Einübung von Gesten, Haltungen und Worten ist nicht der äußerlich korrekte Vollzug, sondern die Verinnerlichung. Das, was mit den Händen getan und mit dem Mund gesprochen wird, soll sich vor allem im Herzen der Kinder ereignen. Darum schließt sich
ein „Weg in die Stille" an, der zu jedem Weggottesdienst gehört. Bei leiser meditativer Musik werden die Kinder zum persönlichen Gebet angeleitet. Nach dieser Zeit der Stille wird ein abschließendes Gebet gesprochen, das an den Gedanken der Katechese anknüpft.
Auch der Abschluss der Weggottesdienste hat einen festen Ablauf:
Vaterunser, Kreuzzeichen, Lied, Kniebeuge vor dem Tabernakel und Prozession mit dem von einem Kind getragenen Kreuz zum Hauptportal der Kirche, wo die Kinder und die sie begleitenden Erwachsenen verabschiedet werden.
Entscheidend an dieser Ergänzung unserer bisherigen Kommunionkatechese durch die Weggottesdienste ist, die Kinder so auf die Feier der Eucharistie vorzubereiten, dass sie mit Freude und mit dem Herzen dabei sein können: eine „praktische" Hinführung durch die Feier von kindgemäßen Gottesdiensten. Es bleiben dabei das Erleben und die Mitfeier der sonntäglichen Eucharistie wenigstens 14tägig und die 14tägigen Katechesen mit Müttern und Vätern weiterhin wichtige und wertvolle Säulen. All das ist thematisch vernetzt mit dem Religionsunterricht. Endpunkt des Kommunionkurses ist nicht der Weiße Sonntag. Wenn die Kinder feierlich in die Tischgemeinschaft der Kirche aufgenommen werden, sind sie - zusammen mit ihren Eltern - eingeladen, jeden Sonntag die Eucharistie mitzufeiern.
Wieso heißen diese Gottesdienste „Weg"-Gottesdienste?
- Wir sind auf dem Weg zu Gott: wir sind glaubend im Leben unterwegs zum Ziel unseres Lebens.
- Wir sind auf dem Weg zur Erstkommunion.
- Wir gehen einen Weg durch die Eucharistiefeier und wachsen in die Liturgie der Kirche hinein.
- Wir gehen einen Weg durch den Kirchenraum.
- Wir gehen den Weg gemeinsam: Kinder, Eltern und Hauptamtliche der Gemeinde.
Das Konzept
Weggottesdienste
- sollen schrittweise in die Grundvollzüge der Liturgie einführen (Stille halten, hören, antworten, beten, gehen ...) und mit wesentlichen Elementen der Eucharistiefeier vertraut machen
- bauen aufeinander auf und leben von der Wiederholung; so kann vieles in „Fleisch und Blut übergehen"
- setzen auf das Prinzip „learning by doing"
- beteiligen die Kinder, indem möglichst alle während des Gottesdienstes eine kleine Aufgabe übernehmen
- legen besonderen Wert auf Phasen der Stille und das gemeinsame wie das persönliche Gebet
Durch die Einführung von Weggottesdiensten in der Kommunionvorbereitung versuchen wir die religiöse Situation der Kinder und ihrer Eltern ernst zu nehmen, ohne die fehlende gottesdienstliche Praxis zu beklagen oder gar den Zeigefinger zu erheben. Weggottesdienste bieten die Chance, in kleinen Schritten mit dem vertraut zu werden, was vielen noch fremd ist - dem Schatz unserer Eucharistie.
Michael Wagner-Erlekam, Pastoralreferent
Quelle: Mittelpunkt - Ausgabe Advent / Weihnachten 2008