Gedenkstunde am Jüdischen Friedhof
EIN ZEICHEN DES GEDENKENS
Am 9. November 2008 werden zahlreiche Besucher von weit her anreisen, um an einer besonderen Veranstaltung in Gau-Algesheim teilzunehmen. Es sind die Nachkommen der Familie Nathan, die lange hier in Rheinhessen ansässig war. Seit Generationen wurden die Vorfahren der Nathans auf dem Gau-Algesheimer jüdischen Friedhof beerdigt.
Die Idee zu diesem besonderen Gedenken stammt von Walter Nathan aus Chicago, der selbst in Frankfurt am Main aufwuchs und 1938 nach USA emigrierte. Sein Vater Richard Nathan und sein Onkel Willi Nathan, beide in Gau-Algesheim geboren, hatten in Frankfurt-Höchst die Firma R. & W. Nathan OHG, später ADA-ADA-Schuhe, gegründet, die sie 1937 auf Druck der Nazis weit unter Wert verkaufen mussten. Sie verließen Deutschland und lebten dann in Chicago und New York.
Walter Nathan war 1936 als Dreizehnjähriger mit seinem Vater noch einmal in Gau-Algesheim gewesen - als der jüdische Friedhof noch in guter Ordnung war. 2006 kam er nach Jahrzehnten erstmals wieder hierher und musste feststellen, dass viele Zerstörungen und Veränderungen stattgefunden hatten, die den Friedhof in seinen heutigen Zustand versetzten. Zahlreiche Grabsteine waren zwischen 1936 und 1945 zerstört oder gezielt ihrer Inschriften beraubt worden. Der Friedhof war aber nicht nur während der Naziherrschaft geschändet worden, leider fanden auch später noch Schmierereien und Beschädigungen statt. Fotos von 1960, 1971 und 1976 zeigen noch einige relativ dichte Gräberreihen.
Im Jahre 1983 wurde aus unerklärlichen Gründen der Friedhof weitgehend eingeebnet, die Grabeinfassungen beseitigt und einige Grabsteine an die Friedhofsmauer gelehnt. Viele Grabsteine zerbrachen und gingen dabei endgültig verloren. Leider will heute niemand mehr die Verantwortung für das radikale Abräumen auf dem jüdischen Friedhof übernehmen.
Walter Nathan wurde es ein Anliegen, dem Friedhof einen Teil seiner Würde zurückzugeben und an die vielen Generationen jüdischer Bürger von Gau-Algesheim und Ockenheim zu erinnern, die hier bestattet wurden. In der jüdischen Bestattungstradition gilt die absolute Totenruhe. Der Grabstein, möglichst noch mit dem Namen versehen, bezeichnet die Stelle an der ein Mensch bestattet wurde. Hier darf niemals etwas verändert werden, geschweige denn eine neue Beisetzung stattfinden.
In Ockenheim bestand auch eine jüdische Gemeinde, größer als die von Gau-Algesheim. Sie besaß in der Gemarkung Ockenheim keinen eigenen Friedhof und bestattete ihre Toten daher auf dem Gau-Algesheimer jüdischen Friedhof. Auch viele hier geborene Nachkommen aus beiden Gemeinden hätten hier ihre letzte Ruhestätte gefunden, wenn sie nicht im Holocaust ermordet und verbrannt worden wären.
Walter Nathan knüpfte Kontakte zu Herrn Geistlichen Rat Pfarrer Dr. Ludwig Hellriegel und Herrn Alois Elbert. Im Dezember 2007 kam er wieder nach Gau-Algesheim. Er besuchte den Stadtbürgermeister Dieter Faust und erläuterte im Beisein von Verbandsbürgermeister Dieter Linck und weiteren Herren seinen großen Wunsch, nach all diesen massiven Eingriffen in die Totenruhe auf dem jüdischen Friedhof eine Gedenktafel zu stiften.
Für das Vorhaben wurde ein für unsere Region typischer Kalkbruchstein ausgewählt und dieser vom städtischen Bauhof auf ein entsprechendes Fundament gesetzt. Auf Empfehlung von Steinbildhauer Rainer Knußmann aus Nackenheim, der nach Vorlage von Herrn Nathan einen Entwurf der Gedenktafel fertigte, wurde von einer Gießerei eine Bronzetafel gegossen und von dem Bildhauer auf dem Stein angebracht.
Gleichzeitig wurden an der Außenmauer erläuternde Tafeln befestigt. Sie informieren über die weit zurück reichende Geschichte der jüdischen Gemeinden Gau-Algesheim und Ockenheim und des jüdischen Friedhofs. Die beiden Synagogen existieren noch, sie wurden nicht Opfer der „Reichpogromnacht". Walter Nathan stiftete ebenfalls eine Tafel mit den Namen der während des Holocaust verschleppten und ermordeten Gau-Algesheimer und Ockenheimer Juden.
Mit der Gedenkstunde am 9. November 2008, Beginn 11.30 Uhr, werden Gedenkstein und die Außentafeln der Öffentlichkeit übergeben.
Manfred Wantzen Dorothee Lottmann-Kaeseler im Oktober 2008
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Gedenktafel und Gedenkstein zur Erinnerung an die auf diesem Friedhof bestatteten Vorfahren der Familie Nathan und aller Toten der ehemaligen jüdischen Gemeinden Gau-Algesheim und Ockenheim und die in der Schoa ermordeten Juden, die auf diesem Friedhof keine Ruhestätte finden durften
© Andreas Muders
Außentafel zur Geschichte der Jüdischen Gemeinden Gau-Algesheim und Ockenheim mit ihren Synagogen
© Andreas Muders

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