Predigtreihe zu den Kardinaltugenden: Tapferkeit

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

die Todesbereitschaft ist ein Fundament christlichen Lebens. Ihre Todesbereitschaft ist das Fundament ihres christlichen Lebens. Sind sie bereit lieber in den Tod zu gehen, als Christus zu verleugnen oder eine schwere Sünde zu begehen? Sind sie als Christ bereit für ihren Glauben an Jesus Christus, für ihren Glauben an denjenigen auf den sie getauft worden sind, Nachteile und Demütigungen, Herabsetzung und Gefahr ja eben auch den vorzeitigen Tod auf sich zu nehmen? Die Todesbereitschaft ist das Fundament christlichen Lebens, ist die Basis einer christlich verstandenen Tugend der Tapferkeit.

Ich habe durchaus überlegt, ob ich diese Predigt über die Tapferkeit so herausfordernd beginnen soll. Aufgewachsen in einer übersättigten Gesellschaft und einer bröckelnden aber immer noch finanziell starken Kirche, sind wir es zum größten Teil nicht mehr gewohnt, unseren Glauben mit einer existentiellen Lebenserfahrung zu verbinden. Wer nimmt von uns schon Nachteile für die eigene religiöse Überzeugung in Kauf? Wer muss sich davor fürchten wegen seines Glaubensbekenntnisses bedroht oder misshandelt zu werden? Aber, stapeln wir mal tief: Ist es nicht zuweilen unangenehm vor seinem Arbeitskollegen oder Bekannten einzugestehen, dass man an die Auferstehung der Toten glaubt? Ein leichtes Schamgefühl stellt sich da ein, wenn es um diesen Jesus geht, der doch der Anfang und das Ende meines Lebens sein soll.

Und hier sind wir mittendrin in der dritten Kardinaltugend, der Tapferkeit, und der letzten in unserer diesjährigen Predigtreihe im Advent. Warum steht aber die Tapferkeit an dritter Stelle, hinter der Klugheit und der Gerechtigkeit und zählt damit nicht zu den größten Tugenden? Klugheit und Gerechtigkeit gehen der Tapferkeit und dem Maß voraus. Ohne Klugheit und Gerechtigkeit gäbe es keine Tapferkeit. Nun ist mit Klugheit eben nicht die Schlauheit gemeint, die ihren besonderen Vorteil sucht. Mit der Klugheit ist auch nicht die gutbürgerliche Besonnenheit gemeint, die jeder Passivität, jedem Verharren immer schon den Vorzug gibt. Mit der Klugheit ist auch nicht die Ruhe des Feiglings gemeint, der den Ernstfall eines Eingreifen-Müssens am liebsten versäumen möchte. Nein, durch die Klugheit scheint das Licht der Vernunft und der Gotteserkenntnis hindurch. Sie schafft in der Gerechtigkeit erst den Raum für ein menschliches und gottgefälliges, gutes Leben. Durch die Tapferkeit und das Maß wird diese gute Ordnung erhalten und der Mensch vor einem Abfall vom Guten bewahrt. Aber, wie funktioniert das?

Wer tapfer sein möchte, der muss die Möglichkeit der eigenen Verwundung ins Auge fassen. Eine Verwundung ist dabei nicht nur auf den Körper, auf spürbare Schmerzen bezogen, sondern beinhaltet alles, was gegen unseren Willen an uns und mit uns geschieht. Tapfer kann also auch derjenige sein, der sich beschimpfen und beleidigen lässt, der sich ständigen Schmähungen und Unfreundlichkeiten aussetzt. Und dabei geht es nicht um das Leiden um des Leidens Willen. Es geht nicht darum, dieses Leben gering zu achten und eine Todessehnsucht zu pflegen, wie es manche Kritiker den ersten Blutzeugen, den Märtyrern vorwerfen. Die Märtyrer haben sich nicht aus freien Stücken zerfleischen und Foltern lassen, sie wurden vielmehr verhaftet und aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen. Der Tapfere liebt dieses Leben, weil er ein guter, ein kluger Mensch ist, er hält es jedoch für geringer als das, wofür er es am Ende hergeben würde. Das heißt, Tapferkeit zeichnet sich im Einsatz für das Gute, für das Gerechte aus gegen die Widerstände der Dummheit, der Trägheit, der Verblendung und der Bosheit, immer jedoch in der Gewissheit dass die eigene Verwundung ein Übel ist und nicht ein erstrebenswertes Ziel.

Aber, das ist noch nicht alles. Zur Tapferkeit gehört auch die Furcht, denn nur wenn man liebt, empfindet man auch Furcht, und wer verkehrt liebt fürchtet auch verkehrt. Wenn ich mein Leben nicht liebe, werde ich auch keine Angst vor dem Tod haben, weil mir dieses Leben sowieso nichts bedeutet. Und die Furchtlosigkeit, die auf einer falschen Bewertung der Wirklichkeit beruht, zum Beispiel einer Selbstüberschätzung oder einer Verkennung der Situation, ist nicht Bestandteil der Tapferkeit, weil sie von der Klugheit nicht „informiert“ ist.

Der Tapfere lässt sich von der Furcht nicht zum Bösen zwingen und lässt nicht ab, das Gute verwirklichen zu wollen um Gottes, nicht aufgrund des eigenen Ehrgeizes Willen. Und, die Tapferkeit hat zwei Seinsweisen: zum einen das Standhalten und zum anderen der Angriff. Nach Thomas von Aquin ist das Standhalten die größere Weise Tapferkeit zu zeigen. Wenn am Ende nur noch das Ertragen bleibt, weil jede andere Form des Widerstands unmöglich ist und auch nicht von der Klugheit und der Gerechtigkeit gedeckt wird, zeigt sich im Standhalten und Festhalten am Guten die wahre Tapferkeit, die wahre Seelenstärke des Menschen. Die Kraft des Guten erweist sich in der Ohnmacht, denn so steht es auch im 1. Korintherbrief: Das Törichte, Schwache, Niedrige und Verachtete hat Gott erwählt, um das Starke schwach und die Mächtigen klein zu machen. Der Tapfere ist geduldig, weil er sich vom Übel nicht zu negativen Gedanken hinreißen und sich nicht die Heiterkeit, Gelassenheit und Klarsichtigkeit des eigenen Geistes, der eigenen Seele wegnehmen lässt. „Durch die Geduld hat der Mensch seine Seele im Besitz“, so sagt es der heilige Thomas von Aquin. Die Tapferkeit besitzt aber eben noch die zweite Wesenseigenschaft: den Angriff. Der Tapfere wird das Übel im wahrsten Sinne des Wortes anspringen, um es abzuwenden und zu beseitigen, wenn es sinnvoll möglich ist. Der gerechte Zorn ist hier der Tapferkeit zugeordnet und darf auch in einer christlichen Ethik eine Rolle spielen, weil der gerechte Zorn dem Christentum nichts Fremdes ist, sondern der Tapfere den Zorn auf sich nimmt um das Schlechte aus der Gemeinde und der Welt hinauszufegen. Unserer bürgerlich gezähmten Bravheit und unserem konventionellen Verständnis bedeutet das durchaus eine Herausforderung. Es ist unchristlich, es ist sogar heidnisch, sich in allem abzufinden und sich mit der kleinbürgerlichen Meinung abzufinden, dass sich die Wahrheit und das Gute ohne den Einsatz der eigenen Person, ohne das eigene Zutun, quasi „von selbst“ durchsetzen. Das ist mitnichten so, und Beispiele hierfür gibt es unzählige in der Geschichte wie auch in unserer eigenen Mitte.

Sind sie bereit für ihren Glauben auch den Tod auf sich zu nehmen, sich in vielfacher Weise verletzen und beschädigen zu lassen? Christus ist wie ein Lamm zur Schlachtbank gegangen. Er hat jedoch auch mit einer Geißel die Händler aus dem Tempel vertrieben. Er hat sich durch einen Knecht vor dem Hohepriester schlagen, demütigen lassen, hat jedoch nicht seine zweite Wange hingehalten, sondern den Knecht nach dem Grund seines Tuns gefragt. Jesus Christus lehrt uns die wahre Tapferkeit, die in der Zeugnisbereitschaft, im Großmut und Freimut des Sprechens, der Gottverbundenheit, der Hoffnung und in der Geduld begründet ist.

Für uns alle wird es eine Stunde geben, in der wir wirklich tapfer sein müssen. In unserer Todesstunde. Hier wird sich zeigen, ob wir bereit sind in unserer dunklen Nacht der Sinne, wie es Johannes vom Kreuz beschrieben hat, uns ganz in die Hand Gottes zu geben, uns in sie hineinfallen zu lassen, hineinzuspringen in dieses Dunkel, oder ob wir so sehr unser kleines Leben lieben, uns so sehr an unser „Ich“ klammern, uns für Gott nicht „ent-sichern“ können, dass wir das wahre Leben am Ende doch noch verlieren. In dieser Tapferkeit werden alle natürlichen Kräfte versagen. Der Heilige Geist wird für uns einspringen, wenn wir so tapfer sind ihn auch zu lassen.

Roberto Medović, Kaplan
Pfarrgruppe St. Aposteln/St. Marien