Predigtreihe zu den Kardinaltugenden: Gerechtigkeit

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

vom Spartaner Cheilon, der um 556 v. Chr. geboren wurde, sind einige bemerkenswerte Sprüche überliefert. Einer von ihnen lautet so: Besonders schwer sind drei Dinge für den Menschen. 1. Ein Geheimnis zu hüten, 2. richtig über seine freie Zeit zu verfügen und 3. eine erlittene Ungerechtigkeit zu ertragen. Mir scheint, dass die dritte Sache, die Frage nach der Gerechtigkeit noch am schwersten für uns wiegt. Wer hat nicht schon einmal das Gefühl gehabt, ungerecht behandelt worden zu sein? Und wir alle streben doch im Grunde genommen danach, gerecht behandelt und beurteilt zu werden, das uns Zustehende zu bekommen und Ungerechtigkeiten zu meiden. Viele unserer gesellschaftlichen Themen drehen sich genau um diesen Begriff. Die Frage nach den Menschenrechten, eines gerechten Krieges, der Kriegsverbrechen, dem Recht auf Widerstand gegen ungesetzliche, ungerechte Gewalt, der Todesstrafe, dem politischen Streik und der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Sie alle sind auf die Frage ausgerichtet, was wirkliche Gerechtigkeit ist. Und das Unheil hat viele Namen, der vornehmste ist Ungerechtigkeit.

Aber, beginnen wir von vorne. Aristoteles, der die Begrifflichkeit des Platon präzisierte, benannte die Kardinaltugend der Gerechtigkeit als das dem Menschen Zustehende. Gerechtigkeit ist immer dann verwirklicht, wenn der Mensch das bekommt, was ihm von seinem Recht her zusteht, wobei Recht hier nicht im juristischen Sinne gemeint ist, sondern als Verwirklichung des göttlichen Gesetzes im menschlichen Recht. Das heißt, wenn das göttliche Gesetz des »unbewegten Bewegers« erkannt und umgesetzt wird, widerfährt dem Menschen automatisch Gerechtigkeit. Dieser Gedanke wird uns noch einmal im Christentum in abgeänderter Form begegnen.

In der Heiligen Schrift kommt das Wort „Gerechtigkeit“ 275 Mal und das Wort „gerecht“ 129 Mal vor. Das Alte Testament, besonders in den Propheten Ezechiel und Jesaja, wie auch im Buch der Psalmen und der Sprüche, bezieht die Gerechtigkeit auf zwei Sachverhalte. Zuerst geht es um den Gerechten, der in einer gerechten Ordnung und durch sein gerechtes Tun das göttliche Prinzip der Weltordnung zwischen Gott und Mensch und Mensch und Mensch beachtet und fördert. Die Gerechtigkeit überbietet sogar das pflichtgemäße Handeln, das als selbstverständlich angesehen wird in die Richtung der Großzügigkeit. Zum zweiten geht es jedoch auch um Gott als den gerechten Richter, der die Menschen nach ihren Taten beurteilen wird. Es geht um eine universale, kosmische Gerechtigkeit im Gericht Gottes über alle Völker.

Paulus hat im Neuen Testament den Begriff der Gerechtigkeit noch einmal neu geprägt als das Gerechtfertigt-Werden des Sünders vor Gott aufgrund göttlicher Gnade im Gegensatz zur alttestamentlichen Gesetzesgerechtigkeit, die den Menschen am Ende nicht zu erlösen vermag. Die Gerechtigkeit der Gnade wird dem Menschen geschenkt und bewirkt Sündenvergebung und ewiges Leben.

Nun habe ich einen kurzen Abriss über die Bedeutung der Gerechtigkeit für uns in heutiger Zeit und ihrer erstmaligen Konkretisierung in der Antike und in der Heiligen Schrift gegeben, jedoch steht immer noch im Raum, was überhaupt diese Gerechtigkeit ist, bzw. woher sie kommt und wie sie begründet wird.

Wenn wir also annehmen, Gerechtigkeit bedeute, dass der Mensch das bekommt, was ihm zusteht, dann muss die Frage erlaubt sein, aufgrund welcher Tatsache dem Menschen überhaupt etwas zusteht. Wie kann der Mensch überhaupt behaupten, dass ihm dies oder jenes vorenthalten wurde oder geraubt, zerstört oder nicht unterlassen wurde. Es muss etwas in der menschlichen Natur vorhanden sein, aufgrund dessen dem Menschen etwas zusteht. Denn der Umkehrschluss wäre vernichtend: dem Menschen stehe von Natur aus nichts zu, also könne man mit dem Menschen machen, was man wolle. Diese Zeit geistiger Umnachtung des Menschen hatte im letzten Jahrhundert verheerende Folgen gehabt. Der Mensch ist ein geschaffenes Wesen. Er ist von Gott als Person gemacht, in die Welt gesetzt, und diese Person ist ein „geistiges, in sich ganzes, für sich und auf sich hin und um seiner ganzen Vollkommenheit willen existierendes Wesen“, wie es Josef Pieper so trefflich ausdrückte. Und dieses erschaffene Wesen beginnt mit seiner Erschaffung etwas Seiniges zu haben. Und diese menschliche Person ist durch göttliche Setzung als Person geschaffen und ist dadurch aller menschlichen Diskussion nach seinem vermeintlich begrenzten Lebensrecht und seiner scheinbar lückenhaften Würde enthoben. Aufgrund unserer Gottesebenbildlichkeit, aufgrund unseres Person-Seins, können wir behaupten, dass uns als Menschen etwas zusteht. Daraus resultiert jedoch nicht, dass uns Gott etwas schuldet. Gott ist nicht unser Schuldner, auch wenn er das uns Zustehende uns trotzdem schenkt in den Formen der vielfältigen Gnadenerweise, der Sakramente, des Heiligen Geistes, der Kirche.

Auf der Ebene der Menschen bedeutet gerechtes Handeln, das Unabdingbare dem Anderen nicht vorzuenthalten, nicht zurückzuhalten, nicht zu rauben oder zu zerstören. Und diese Dinge können materieller Natur sein, können sich aber auch in einem Tun manifestieren, können eine Nichtbehinderung oder die Unterlassung eines Tuns beinhalten. Das heißt, wenn ihr Nachbar um drei Uhr Nachts seine Kreissäge in der Garage anwirft, dann wäre es sicherlich gerecht, wenn er diese bald wieder abstellen würde. Also, auch die Unterlassung einer Tat hat etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Wer dem Anderen das ihm Zustehende vorenthält, entstellt sich selbst und fügt sich als Mensch schweren Schaden zu, weil er die göttliche Setzung des Rechts nicht respektiert, dem göttlichen Willen seine Egoismen entgegenstellt. In der Gerechtigkeit anerkennt der Mensch die Gleichheit des Menschen vor Gott auf der einen Seite, das heißt die gleiche Würde, das gleiche Streben des Menschen auf Gott hin, die Gott-Abhängigkeit des Menschen, aber auf der anderen Seite auch seine Unterschiedenheit, das heißt, seine persönliche Einmaligkeit, die unterschiedlichen Talente und Begabungen, seine soziale und kulturelle Herkunft, bedingungslos an. Deshalb lautet die ethische Maxime auch für das Christentum, dass man „Jedem das Seine“ zu geben hat.

Gerechtigkeit so verstanden, bedeutet eine innere, positive Grundhaltung einzunehmen, die sich in der Nächstenliebe und der Humanität gegenüber den Mitmenschen zeigt. Wenn es einem jedem Menschen zusteht, ein menschenwürdiges Leben zu führen, weil jeder Mensch Person ist, weil ein jeder Mensch gleich ist vor Gott, dann müssen wir uns in den reichen Ländern fragen, ob wir durch eine gerechtere Verteilung der Güter und durch ein ausreichend solidarisches Handeln diese Gerechtigkeit verwirklichen. Oder ob wir im hemmungslosen Verheizen der begrenzten Ressourcen unsere Welt zu einer Ödnis machen und damit die Ärmsten ihrer ohnehin dünnen Einkünfte berauben. Gerechtigkeit kann es also nur geben, wenn ein jeder Mensch das ihm Zustehende wirklich zugesprochen bekommt, ohne ein Wenn und Aber.

Roberto Medović, Kaplan
Pfarrgruppe St. Aposteln/St. Marien