Das Leiden und Sterben des Apostels (5. April 2009)

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

lange hat sich Paulus nie in einer Gemeinde aufgehalten. Oftmals ist er durch äußere Einflüsse gezwungen gewesen, die gerade gegründete Gemeinde zu verlassen und weiter zu ziehen. Paulus muss eine sehr starke Persönlichkeit gewesen sein, die Profil zeigte und sich nicht für eine Auseinandersetzung um der Wahrheit und des Evangeliums Willen zu schade war (wie z. B. im Gal 2,11-13). Auch deshalb schon haben ihm Menschen das Leben nicht leicht gemacht und versucht ihn aus ihrem Umfeld zu entfernen. Den Neugemeinden fühlte sich der Apostel jedoch weiterhin verpflichtet und versuchte über Mitarbeiter und im Besonderen über seine schriftliche Korrespondenz die Christen vor Ort zu stärken und sie auf ihrem Glaubensweg auf ihre Irrtümer und ihr Fehlverhalten hinzuweisen.

Der erste Brief an die Korinther soll uns heute als Exempel dafür dienen, mit welchen Schwierigkeiten Paulus zu kämpfen hatte und auf welche Art und Weise er Lösungen anstrebte. Er musste die Gemeinde um Mitte 51 n. Chr. verlassen. Ein Judenchrist namens Apollos führte das Werk des Apostels dort weiter und wird von Paulus anerkennend erwähnt. Es gab wohl mehr Briefe an die Korinther als die zwei uns überlieferten. Jedoch müssen die verloren gegangenen Schreiben sehr kritisch gegenüber der Gemeinde gewesen sein, so dass es wohl nicht im Interesse der Gemeindemitglieder war, diese Briefe der Nachwelt zu überliefern.

Paulus hielt sich im Frühjahr 55 n. Chr. In Ephesus auf, als er den Brief an die Korinther schrieb, die ihm mündlich und schriftlich auf Schwierigkeiten bei der Deutung des christlichen Freiheitsbegriffes und seiner praktischen Umsetzung in der Gemeinde hinwiesen. Worum ging es da? Einige Christen, vielleicht sogar die Mehrheit der Gemeinde, sah sich durch den Glauben an Jesus Christus von allen gesetzlichen und sittlichen Vorschriften entbunden. Sie betonten vielmehr die neue Freiheit, die ihnen durch den neuen Geist Christi geschenkt worden sei. D. h., sie waren der Meinung, dass es nur noch auf den Geist ankam, durch und in dem sie lebten. Der Körper spiele in diesem Beziehungsverhältnis deshalb keine Rolle mehr. Deshalb könne man ohne Bedenken Götzenopferfleisch essen, denn dieses gelange ja nur in den Magen, der Geist sei jedoch weiterhin der Überzeugung, dass die Götzen nichtig seien. Auch sei der Verkehr mit Dirnen kein Problem, denn das beträfe auch nur den Körper. Die Reichen berauschten sich beim Abendmahl, während die Armen unbeachtet blieben. Gemeindemitglieder versuchten sich in der Zugehörigkeit zu bestimmten Parteien zu überbieten, so rechneten sich einige zu den Anhängern um Kephas, einige zu Paulus, andere wiederum zu Apollos oder sogar zu Christus. Manche zerrten sich gegenseitig vor die heidnischen Gerichte, begangen Blutschande und rühmten sich ihrer Zungenrede, die außer ihnen und einigen Auserwählten keiner verstand. Man kann sich vorstellen, wie sehr diese inneren Vorgänge die Gemeinde spalteten und Unfrieden in die junge Gemeinschaft brachten. Von Friede, Freude, Eierkuchen kann also gar keine Rede sein, selbst bei denen nicht, die noch Zeugen Jesu Christi gewesen waren. Andere wiederum lebten völlig asketisch, weil sie ihren Leib missachteten und nur dem Geist Bedeutung zumaßen. Zwischen diesen beiden Extremen bewegte sich das Leib-Geist-Verständnis der Gemeinde in Korinth. Paulus reagiert hierauf nicht einfach mit schroffer Kritik oder ungehaltener Abweisung, sondern er versucht Antworten zu finden, die die Gemeinde überzeugen und sie zu einer Korrektur ihres Verhaltens veranlassen können. Den Korinthern führt er die Botschaft vom Kreuz vor Augen. Das Kreuz kann mit der Weisheit dieser Welt nicht bemessen werden, denn für die Heiden ist es eine Torheit, für die Juden ein skándalon (1 Kor 1,18-31). Wenn sich schon die Christen rühmen wollen, dann sollen sie sich des Kreuzes rühmen und nicht ihrer eigenen Klugheit oder gar ihres Besitzes.

Das hochmütige Verhalten ist demnach kein Ausdruck einer christlichen Existenz und zwar aus der Wurzel des Geheimnisses des Kreuzes heraus gesprochen. Der Weg der Christen ist vielmehr: Verfolgung, Leiden und Elend. Hier wird das Kreuz seine verborgene Kraft erweisen und in Zukunft alles menschliche Rühmen in seiner Nichtigkeit aufdecken. Aus diesem Grunde können weder „Ungerechte (...) Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber (...) das Reich Gottes erben." (1 Kor 6,9f) „Und solche gab es unter euch." (1 Kor 6,11), sagt Paulus weiter. In der Taufe ist dies jedoch alles reingewaschen worden. Paulus stimmt denjenigen zu, die sagen, dass man sich als Christ nicht in kleinlicher Skrupelhaftigkeit ergehen muss, wie es die Befolgung des jüdischen Gesetzes teilweise verlangt hat. Nur darf diese neue Freiheit nicht missbraucht werden für das Fleisch (Gal 5,13), denn nicht alles dient dem Guten. Und nur in der Ausrichtung auf Christus hin kann die rechte Freiheit bewahrt und durchgehalten werden. Der Leib gehört dem Herrn, so betrifft die sexuelle Ausschweifung den gesamten Leib mit der Seele, nicht nur den puren Körper. Die Starken im Glauben müssen Rücksicht auf die Schwachen nehmen, denn die Freiheit des Christen würde zur Rücksichtslosigkeit verkommen, wenn sie nicht durch die Liebe bestimmt wäre. Jeder in der Gemeinde muss das Wohl des anderen im Blick behalten und um die Einheit besorgt sein. So ist auch die Feier des Herrenmahls an diese Kriterien gebunden (1 Kor 11,17-34).

Einige in der korinthischen Gemeinde behaupteten, eine Auferstehung der Toten gebe es nicht (1 Kor 15,12). Der vergängliche Leib, so folgerten sie, sei nicht in der Lage aufzuerstehen. Auch vergeistigten sie ihr irdisches Leben, denn sie seien durch Christus vom Tod auferweckt worden bereits im Hier und Jetzt. Dass sich Paulus mit einer solchen Position nicht zufrieden geben konnte, beweist seine Antwort. Wenn es nämlich keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferstanden und das Kreuz würde sinnlos werden. Damit hätte der Tod auch das letzte Wort behalten. Nun ist aber Christus auferstanden, da Gott selbst den Tod seines Sohnes angenommen hat. Am Kreuz ist die Macht des Todes besiegt worden. So beginnt mit Christus die Auferstehung der Toten, und so werden auch wir mit ihm auferstehen und zwar leiblich, denn dieses beruht auf der Schöpferkraft Gottes, der uns in seiner Liebe vollenden wird (1 Kor 13).

Von diesem starken Glauben angeleitet, macht sich Paulus auf seine letzte Reise nach Jerusalem. Er möchte die Kollekte der heidenchristlichen Gemeinden als ein Zeichen der Solidarität verstanden wissen und der Urgemeinde überbringen. Viele warnen ihn vor dieser Reise, weil sie befürchten, dass es dem Apostel dabei nicht gut ergehen wird. Gegen alle Warnungen nimmt Paulus von Korinth aus den Landweg über Makedonien und setzt mit dem Schiff nach Troas über. Hier bleibt er eine Woche, predigt und lehrt und erweckt einen Mann namens Eutychos zum Leben, der bei einer seiner Predigten eingeschlafen und aus dem Fenster gefallen war (Apg 20,9-12). Von Troas nimmt er das Schiff nach Milet, spart Ephesus aus, spricht zu den Ältesten von Ephesus jedoch in Milet und bestärkt sie in ihrer Gemeindeleitung. Von Kos führt ihn sein Weg über Rhodos und Patara, er nimmt das Schiff bis Tyrus, verweilt hier einige Tage. Von Tyrus gelangt er nach Ptolemais und Caesarea. In Jerusalem angekommen, wird er von einigen Christen aufgenommen und trifft Jakobus mit den Ältesten der Gemeinde. Um die Rechtgläubigkeit des Paulus´ unter Beweis zu stellen bittet ihn Jakobus, einer Opferhandlung im Tempel beizuwohnen. Die Juden haben ihm nämlich vorgeworfen, vom wahren Gesetz und dem Glauben des Mose abgefallen zu sein. Paulus stimmt dem zu, denn er will den Juden wie ein Jude begegnen. Während seines Besuchs im Tempel kommt es zu einem Tumult, da ihm vorgeworfen wird Griechen, also Ungläubige, in den Tempel mitgenommen zu haben (Apg 21,27f). Der Streit rief die römische Wache auf den Plan, die ihn zu seinem Schutz festnimmt.

Die Verhandlungen über seine Schuld bzw. Unschuld ziehen sich lange hin. In seinen von der Apg überlieferten großen Verteidigungsreden (Apg 22,1-21; 26,1-29) vor dem römischen Statthalter und dem jüdischen König Agrippa verweist Paulus auf seine Unschuld und die falschen Beschuldigungen. Die Apg berichtet immer wieder von jüdischen Nachstellungen und von dem Bemühen der römischen Behörden, Paulus als römischen Bürger nicht in die Hand der lokalen jüdischen Instanzen zu überführen. Das Verfahren gegen Paulus kann nicht mehr genau aus der Apg allein rekonstruiert werden. Mit Sicherheit kann man sagen, dass sich Paulus auf sein römisches Bürgerrecht beruft und sein Verfahren somit nach Rom überstellt wird. Auch in Rom möchte Paulus Zeuge für Christus sein. Nach einer längeren Haftzeit in Caesarea wird er unter dem Statthalter Festus nach Rom überstellt und erleidet vor Malta wohl Schiffbruch. Paulus setzt seine Reise fort und wird von christlichen Gemeinden aufgenommen. In Rom kommen ihm Christen entgegen und nehmen ihn während der Verhandlungen bei sich auf. Die Gründe, die dann zur Verhängung der Todesstrafe geführt haben, bleiben im Dunkeln. Mit Gewissheit kann man jedoch sagen, dass der Apostel mit dem Schwert enthauptet wurde und vor den Mauern der Stadt Rom seine Begräbnisstätte gefunden hat. Bald nach ihm wird auch Petrus in Rom hingerichtet. In der frühen Christenheit gab es keinen Märtyrerkult, jedoch blieb die Stimme des Völkerapostels Paulus in seinen Briefen lebendig.

Roberto Medović
Kaplan Pfarrgruppe St. Aposteln/St. Marien