Apostelkonzil und Gemeindegründungen (29. März 2009)

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

wir haben in der letzten Woche erfahren, dass Paulus nicht, wie man es vermuten könnte, direkt nach seinem Bekehrungs- und Berufungserlebnis vor Damaskus seine Missionstätigkeit begonnen, sondern sich erst eine Zeit lang in Damaskus und dann in Tarsus aufgehalten hat. Eine längere Zeit wird wohl Paulus auch als Einsiedler gelebt haben, bevor er in Tarsus seinen Beruf als Zeltmacher wieder aufnahm und ein relativ bürgerliches Leben führte. Erst Barnabas fand ihn in Tarsus wieder und beauftragte ihn zum Verkündigungsdienst in der antiochenischen Gemeinde.

Die Gemeinde in Antiochia bestand aus einem Gemisch von Juden, Proselyten, also zum Judentum übergetretene Heiden, die sich an das jüdische Gesetz strikt hielten, von Gottesfürchtigen, die zwar den jüdischen Glauben angenommen hatten, jedoch den letzten Schritt der Beschneidung und der Befolgung des Gesetzes nicht eingingen und von Heiden, die den christlichen Glauben ohne den Umweg über das Judentum angenommen hatten. Wie sollte man gemeinsam Gottesdienst feiern? Welche Gesetze und Regeln galten für die unterschiedlichen Gruppen? Gehörte man noch zur jüdischen Synagoge und welche Gesetze sollten noch befolgt werden? Viele offene Fragen standen im Raum, nicht nur in Antiochien, sondern auch in den übrigen Gemeinden, die sich mittlerweile gebildet hatten. Eine Gruppe um den Apostel Jakobus muss in Antiochia Unruhe, mindestens jedoch Zweifel geweckt haben an der Gültigkeit einer gemeinsamen Tischgemeinschaft von Juden- und Heidenchristen. Sie hatten die Sorge, dass mit einer solchen Vermischung und Aufweichung der jüdischen Gesetze, den eigentlichen Juden die Christusbotschaft nicht mehr „schmackhaft" gemacht werden könnte. Dieser Einfluss ging soweit, dass Petrus und Barnabas, die bisher eine Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen pflegten, sich nun bei den Zusammenkünften der Gemeinde von ihnen distanzierten. Paulus muss auf eine solche Heuchelei sehr drastisch und erbost reagiert haben, wie wir aus seinen eigenen Worten im Galaterbrief (2,11.13) erfahren: „Als Kephas aber nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte. (...)

Ebenso unaufrichtig wie er verhielten sich die anderen Juden, so dass auch Barnabas durch ihre Heuchelei verführt wurde." Für Paulus stand die Wahrheit des Evangeliums auf dem Spiel. Durch die Aufkündigung der Tischgemeinschaft war die Einheit der Kirche in Gefahr. Und hier wird ein Kristallisationspunkt paulinischer Theologie deutlich, die er sich wohl in den vielen Jahren nach Damaskus erarbeitet hat. Der Mensch wird nicht aufgrund der Werke des Gesetzes gerecht vor Gott, sondern nur aufgrund des Glaubens an Jesus Christus. Paulus wirft Petrus sogar vor, die Tragweite seiner Handlung nicht richtig eingeschätzt zu haben. Wenn nämlich das Gesetz vor Gott gerecht macht, ist Christus umsonst gestorben (Gal 2,21). Die Annahme, dass sich der Mensch durch die Werke des Gesetzes von seiner Schuld freikaufen kann, korrumpiert den Glauben an die Gnade Gottes. Dieser Einspruch des Paulus muss sehr deutlich gewesen sein. Hier war die Kernfrage des christlichen Glaubens betroffen, die, nach der Einschätzung des Paulus, keine falschen Kompromisse duldete. Wahrscheinlich hat sich Paulus mit seiner kompromisslosen Haltung in Antiochien nicht durchsetzen können. Man suchte einen Ausgleich zu finden zwischen den strenggläubigen Judenchristen und den Bedürfnissen einer erfolgreichen Heidenmission. So wurde im Jahr 47/48 n. Chr. ein Apostelkonzil nach Jerusalem einberufen, an dem auch Paulus teilnahm. Es verabschiedete das sogenannte Aposteldekret (Apg 15,25f). Den Heiden sollten somit keine weiteren Lasten auferlegt werden, als das Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Dies alles bezog sich auf den Götzendienst, der im synkretistischen Umfeld Antiochiens praktiziert wurde. D. h., die Heiden, die den christlichen Glauben annahmen, brauchten die religiösen Gesetze des Judentums nicht zu übernehmen, um in der vollen christlichen Gemeinschaft zu stehen. Das war ein großer Schritt für die frühe Kirche, die sich damit von der Praxis des Diasporajudentums verabschiedete. Das Evangelium sollte Juden und Heiden nicht mehr trennen, sondern verbinden. Trotzdem dürfte Paulus mit dieser Regelung nicht ganz zufrieden gewesen sein. Er wird mit Barnabas, Silas und Judas, genannt Barsabbas, nach Antiochien zurückgekehrt sein, bald jedoch das antiochenische Umfeld verlassen haben, um seine eigenen Wege zu gehen. Paulus ahnte, dass die Zukunft den Gemeinden gehören wird, in denen es „(...) nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; (...)" geben wird, sondern alle eins sind in Christus (Gal 3,28).

Paulus wendet sich den Städten Derbe, Lystra und Ikonium zu, später geht er mit seinem Begleiter Timotheus nach Phrygien und Galatien und weiter nach Norden in das vorderasiatische Binnenland, dem Zentralgebiet der heutigen Türkei. Paulus weiß sich durch den Heiligen Geist geleitet (Apg 16,6) und geht auf sein Geheiß hin nicht direkt nach Ephesus, der wichtigsten Stadt Kleinasiens, sondern hält sich, auch aufgrund einer Erkrankung, längere Zeit in den galatischen Gemeinden auf. Seine Predigten kommen dort gut an, und es werden neue Gemeinden gegründet. Paulus zieht weiter nach Norden bis nach Troas, von wo aus er das erste Mal nach Europa übersetzt. Ein Traumgesicht bitte ihn den Gemeinden in Makedonien zu helfen, so dass seine erste Station Philippi wird. Es gab dort eine kleine jüdische Gemeinde, zu der auch eine Frau namens Lydia gehörte, die er als erste am jüdischen Bethaus außerhalb der Stadt anspricht. Frauen waren für Paulus die Türöffnerinnen in die jüdischen Gemeinden. Hier gründet Paulus rasch eine neue Gemeinde, die ihm Zeit seines Lebens sehr am Herzen bleibt. Von ihnen nahm er auch Zuwendungen an, die er sonst zugunsten seines guten Rufes ablehnte. Nach der Misshandlung von Paulus und Silas in Philippi, und ihrer wunderbaren Errettung aus dem Gefängnis der Stadt (Apg 16,25-34), werden sie von den Oberen Philippis gedrängt, ihr Gebiet zu verlassen. Die schnellen und vielen Gemeindegründungen deuten auf eine besondere Absicht des Paulus hin. Es gab für ihn wenig Zeit für die Verkündigung, denn er erwartete schon mit der ersten Christengeneration die Wiederkunft Christi und das Anbrechen des Endgerichts.

Thessalonich war die nächste Station des Völkerapostels. Es war ein bedeutender Handelsplatz und die Hauptstadt der römischen Provinz Makedonien. Hier gründete Paulus eine Gemeinde durch seine drei Predigten in der Synagoge. Der starke Widerstand der jüdischen Synagoge trieb ihn jedoch bald wieder weiter (Apg 17,1-10). Den ersten Thessalonicherbrief schrieb er um 50 v. Chr. in Korinth. Anhand dieses Briefes wird deutlich, wie eine Missionspredigt des Paulus ausgesehen hat. Paulus erinnert am Anfang die Gemeinde, wie sie sich von den toten Götzen zum lebendigen Gott bekehrt hat. Diese Wende ist wie eine Umkehr in den Augen Paulus´ von der Finsternis zum Licht. Diese Sätze erinnern deutlich an die jüdischen Missionsunterweisungen, die Paulus hier für seine Zwecke umdeutet. Dabei wird die Verkündigung des kommenden Endgerichts der jüdischen Apokalyptik benutzt, um die Errettung vom nahen Zorngericht Gottes durch Jesus Christus zu verdeutlichen. Wer sich bekehrt und an Christus glaubt, wird auch von ihm gerettet werden. Damit schaffte Paulus den unmerklichen Übergang vom Gesetzesglauben der Judenchristen, Proselyten und Gottesfürchtigen zum Glauben an den Gott Jesu Christi, denn der Wille Gottes bestimmte auch in der christlichen Unterweisung das sittliche Handeln. Die Heiden hatten einen viel größeren Übergang zu bewältigen, denn sie mussten ihr bisheriges Leben überwinden und es nach den Geboten Gottes ausrichten und auf den Götzendienst verzichten.

Der Kerngehalt des christlichen Glaubens kommt im 1 Thess zum ersten Mal in schriftlicher Überlieferung zum Vorschein: „Wenn Jesus - und das ist unser Glaube - gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen." (1 Thess 4,14). Christus ist gestorben und auferstanden für uns. Das ist nicht nur ein Glaubensgeheimnis der Vergangenheit, sondern hat für das unmittelbare Leben Gültigkeit. Nur durch die Auferweckung Jesu bekommt das Sterben des Messias Kraft Heil zu wirken. Wäre Christus nicht auferstanden, so wären wir noch in unseren Sünden gefangen (1 Kor 15,17). Diese älteste Osterverkündigung der Christenheit hat Konsequenzen: Christ sein heißt für Paulus nämlich, im Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus seinem Leben eine völlig neue Ausrichtung zu geben. Die Heiligung der Gemeinde, die er im vierten Kapitel anspricht, bedeutet nicht in erster Linie eine moralische Qualität, sondern, wer auf Christus getauft ist, ist Gott zum Eigentum übergeben und soll in seinem Leben und Handeln Gott die Ehre erweisen (1 Thess 4,4). Die Missionspredigt des Paulus hat somit immer auch eine ethische Unterweisung und eine Aufklärung über die sittliche Lebensführung zum Ziel. Die Gemeinde soll bestrebt sein immer vollkommener zu werden, so wie es ihr Paulus aufgetragen hat (1 Thess 4,11).

Thessalonich wird Paulus nicht wiedersehen. Dafür wird ihn sein Weg über Korinth, Athen, Ephesus, Caesarea und schließlich über Umwege nach Rom führen. In der Ewigen Stadt wird Paulus schließlich auch seine Vollendung finden.

Roberto Medović
Kaplan / Pfarrgruppe St. Aposteln/St. Marien