Damaskus - Bekehrung und Berufung (21. März 2009)

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

das wohl markanteste Ereignis im Leben des heiligen Paulus wird allerorten als das „Damaskus-Erlebnis" bezeichnet. Die Schilderung dieses Geschehens in Apg 9,1-22 und die Selbstaussagen des Paulus im Korinther- und Galaterbrief (1 Kor 9,1; 15,8 und Gal 1,16) machen deutlich, dass hier wirklich eine Wende stattfand, die das Leben des „Eiferers für den Herrn" vollständig auf den Kopf stellte. Danach, so kann man wohl sagen, war im Leben des Saulus nichts mehr so, wie es vorher war. Und Paulus selbst sah in dieser Vision und Audition den Herrn, der ihm nun die Erkenntnis schenkte, auf die er bisher verzichten musste. Nur ist diese Erkenntnis nicht so zu verstehen, als dass sie aus der Kraft der eigenen Vernunft emporgestiegen wäre, sondern Paulus begreift sie als ein Gnadengeschenk Gottes, das ihm zuteil wurde. Und genau an dieser Stelle sehen viele Bibelwissenschaftler den Schlüsselpunkt paulinischen Denkens, denn, wenn ihm schon aus reiner Gnade dieser Glaube an Jesus Christus geschenkt worden ist, dann steht die gesamte Geschichte Israels unter diesem Gnadenerweis Gottes. Einmal wird die Hülle, die über den Herzen seiner jüdischen Brüder hängt, so glaubt Paulus, von Gott selbst gehoben werden, damit auch sie das AT verstehen und Christus als ihren Erlöser anerkennen. Diese Zeit hat Paulus sein gesamtes Leben über sehnsüchtig erwartet (2 Kor 3,14f.; 1 Kor 1,4; Gal 1,6; Phil 17,7; Röm 4,1-7).

Was bedeuten die Begriffe „Bekehrung" und „Berufung" für uns? Mit dem Wort Bekehrung verbinden wir oft eine innere Zerknirschung oder auch die Reue über eine begangene Tat. In der Apg und in den Selbstaussagen des Paulus hören wir nach dem Damaskuserlebnis keine Aussagen von Schuldvorwürfen oder einer seelischen Zermarterung. Auch glaubt Paulus nach dem Erlebnis immer noch an denselben Gott, was auch eine Art Konversion in seinem Verständnis ausschließt. In 1 Kor 15,10 finden wir Anklänge des Versuches einer Wiedergutmachung seiner Verfolgungsaktivitäten durch den leidenschaftlichen Einsatz für das Evangelium. Deshalb wird in der Literatur zum Damaskuserlebnis des Paulus heute vielmehr der Begriff „Berufung" verwendet. Für einen jeden von uns kann sich hier die Frage stellen, wo wir unsere Damaskuserfahrung im Leben sehen würden?

An welcher Stelle hat uns Christus gepackt, und unser Tun und den eingelaufenen Weg in Frage gestellt? Wie hat sich danach unser Leben verändert, haben wir uns von unserem früheren Denken verabschiedet, uns vielleicht symbolisch einen neuen Namen gegeben? Aus dem Saulus wurde ein Paulus, so hören wir es auch in einer bekannten Redewendung. Nur, Paulus wird seinen ursprünglichen jüdischen Namen wohl ein Leben lang weiter benutzt haben, denn es war für die Juden in einem heidnischen Umfeld üblich, dass sie ihren eigentlichen Namen so gut es ging ins Lateinische oder Griechische übersetzten, damit er für das Umfeld verständlicher wurde.

Aber was geschah da genau bei dieser Damaskusvision des Paulus? Paulus sieht zuerst ein helles Licht, das ihn so irritiert, dass er vom Pferd zu Boden fällt. Und nun hört er die Stimme des Herrn, die er nicht sofort zuordnen kann, sondern erst nach ihrer Herkunft fragen muss. Die Stimme offenbart sich als das Wort Jesu, der sich von Saulus verfolgt sieht. D. h., Jesus identifiziert sich mit seiner verfolgten Kirche. Hier hören wir deutlich das Wort aus dem Lukasevangelium (10,16): „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat." So kann diese Solidarisierung Jesu mit seinen verfolgten Schwestern und Brüder auch heute noch Trost für alle sein, die sich aufgrund ihres Glaubens in die Ecke gedrängt, vielleicht sogar existentiell bedroht fühlen. Die meisten Bibelwissenschaftler sind sich einig, dass dieser Dialog zwischen Paulus und Jesus zum Kernbestand der Überlieferung des Damaskuserlebnisses gehört. Interessant ist, dass sich diese Vision von den Auferstehungsberichten am Ende der Evangelien deutlich unterscheidet. Bei Paulus bricht eine höhere Wirklichkeit in sein Leben ein und lässt ihn innehalten. Die Jünger und Jüngerinnen Jesu hingegen haben so eine deutliche nachösterliche Erfahrung nicht, sondern verwechseln sogar den auferstandenen Herrn mit anderen Menschen (Lk 24,13-25; Joh 20,11-18). Paulus selbst sieht seine Christusvision deshalb auch als irregulär, als nachzüglerisch an, was er wieder mit der reichen Gnade Gottes in Verbindung bringt (1 Kor 15,8).

Wenn wir unsere Glaubenswirklichkeit betrachten, dann müssen wir wohl auf den Einbruch einer sichtbaren göttlichen Wirklichkeit wie auch einer nachösterlichen Christusbegegnung verzichten. Nur, liebe Schwestern und Brüder, ich bin mir nicht sicher, ob eine solche Betrachtungsweise unsere wirklichen Gotteserfahrungen nicht zu schnell in den Hintergrund treten lässt. Nur ein Beispiel an dieser Stelle: Wie bewerten wir die Menschen, die mit uns auf dem Weg des Glaubens sind? Empfinden wir ihr Dasein als etwas Selbstverständliches, oder können wir darin nicht schon eine Anwesenheit des Herrn sehen, der uns Weggefährten an die Seite stellt, der zu uns durch diese Männer und Frauen spricht und uns dadurch Mut macht? Diese Schwestern und Brüder sind überaus sichtbar und im wahrsten Sinne des Wortes „greifbar". Auch wenn wir uns manchmal an ihnen reiben und stoßen, heißt dies ja noch lange nicht, dass sich uns Christus in ihnen nicht offenbart. Denn, viele haben sich auch an Jesus gerieben und gestoßen und haben so die Chance erhalten, für sich eine neue Glaubensdimension zu entdecken.

Der Dialog vor Damaskus hat in den Ohren der damaligen gläubigen Juden etwas Bedrohliches an sich, weil sie sich erinnert fühlen an eine alttestamentliche literarische Tradition, in der die Verfolger des Gottesvolkes, vom ägyptischen Pharao angefangen bis zu den Protagonisten in den Büchern Ester und Judit, ein böses Ende finden. Nur hier ist es anders: beide, das bedrohte Volk, also die frühchristliche Gemeinde, und der Verfolger, Saulus, finden Rettung durch den Herrn. Und mehr noch: der einstmalige Verfolger wird zu einer wichtigen Säule dieser Gemeinden. Aber nicht sofort. Die Aussage in Apg 9,19, dass Paulus nach seiner Genesung einige Tage bei den Jüngern in Damaskus geblieben sei, bis er sich als Missionar aufgemacht habe, ist etwas irreführend, da der Begriff „Tage" in der biblischen Sprachtradition nichts mit zählbaren Stunden zu tun hat, sondern sich auf eine unbestimmte Zeit bezieht. Vielmehr ist in den ersten zehn Jahren vom Leben und Wirken des Paulus sehr wenig überliefert, und deshalb ist anzunehmen, dass seine Missionstätigkeit erst später eingesetzt hat. Aus der menschlichen Perspektive ist dies auch durchaus verständlich: Paulus wird seine ersten christlichen Gehversuche in Damaskus unternommen haben, nachdem er sich dort hat taufen lassen. Es ist im Galaterbrief (1,18) von drei Jahren die Rede, die er dort gelebt haben soll. Erst danach geht er nach Jerusalem, um die Bekanntschaft von Petrus und Jakobus d. Älterem zu machen und dort einige Zeit zu bleiben (Gal 1,15-18). Der Evangelist Lukas berichtet von Kontakten zu Barnabas und zu den anderen Aposteln, die jedoch Paulus gegenüber am Anfang sehr reserviert begegnet sein müssen, weil sie seiner „Bekehrung" nicht ganz glaubten. Von mehreren Visionen des Paulus ist in dieser Zeit auch in seinen Selbstaussagen zu hören (Apg 22,17-21; 13,1-3; 16,6-10; Gal 1,15f.). Nach dem Apostelkonzil (Gal 2,7-9) wird Paulus von dem Jüngerkreis gedrängt nach Tarsus bzw. Antiochien zurückzukehren (Apg 21,4.10-12). Es ist anzunehmen, dass es eine Meinungsverschiedenheit gegeben hat zwischen den Jüngern in Jerusalem, die mehr eine Deeskalationsstrategie mit ihrem jüdischen Umfeld verfolgten, und der hohen Martyriumsbereitschaft eines neubekehrten Paulus, der die Jerusalemer Juden zur Rage brachte. Nach Tarsus zurückgekehrt scheint Paulus erst einmal seine Lehre als Zeltmacher vollendet zu haben, vielleicht hat er sich weitere Sprachkenntnisse erworben und sich mit dem pluralistisch-heidnischen Umfeld auseinandergesetzt.

Nach einigen Jahren hat dann Barnabas Paulus in Tarsus entdeckt. Er bat ihn in der Gemeinde von Antiochien eine Lehrtätigkeit aufzunehmen. In Apg 13,1 taucht der Name Paulus in einer Liste von fünf führenden Persönlichkeiten der antiochenischen Gemeinde erstmals auf. Hier wandelt sich auch die erlebte persönliche Berufung des Paulus in eine aktive kirchliche Beauftragung, die bei ihm eine neue, starke Bewegung in Gang gesetzt hat.

Roberto Medović, Kaplan
Pfarrgruppe St. Aposteln/St. Marien