„Der Eifer für dein Haus verzehrt mich “ (Joh 2,17) - 8. März 2009
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
in der letzten Predigt haben wir ein wenig über die Herkunft des heiligen Paulus erfahren. Bevor die Familie nach Tarsus übersiedelte, hatte sie wohl in der nordgaliläischen Stadt Gischala ihre Wurzeln, die für Ihre Strenggläubigkeit und ihren vehementen Widerstand gegen die Hellenisierung des Judentums und die römischen Besatzer bekannt war. Auch das Auftauchen eines Mannes namens Saulus bei der Steinigung des heiligen Stephanus (Apg 7,58), deutet darauf hin, dass Paulus in seinem religiösen Bemühen sicherlich nicht zum Durchschnitt gehörte. Er schreibt von sich selbst, dass er „voll Eifer" (Phil 3,6) die Kirche verfolgte.
Was war das für ein Eifer? In heutigen Zeiten kann religiöser Eifer schnell in die fundamentalistische Ecke gestellt werden. War Paulus etwa ein religiöser Fundamentalist? Und wie ist sein manchmal überbordender Eifer zu verstehen und einzuordnen? Paulus tritt in der Apostelgeschichte und in den Selbstaussagen als militanter Gegner des Christentums auf. Davon spricht Paulus, im Vergleich zu anderen biografischen Äußerungen, verhältnismäßig oft. Es war ihm also ein wichtiges Anliegen, seine Gegnerschaft zur jungen Kirche vor seiner Bekehrung bzw. Berufung vor Damaskus in aller Deutlichkeit zu markieren.
Paulus ging es damals sicherlich um die Vernichtung der urchristlichen Gemeinden. Er ordnete Verhaftungen, Prügelstrafen und die Folter an, er vollstreckte Todesurteile und wollte auch außerhalb Jerusalems sein Verfolgungswerk fortsetzen. Diese Initiative ging ganz und gar von Paulus selbst aus. Seine Empfehlungsbriefe für die Synagoge in Damaskus erbittet er in seinem Namen von den Hohenpriestern, die scheinbar zur damaligen Zeit für die Stadt Damaskus bestimmte Rechte von Rom übertragen bekommen haben. So durften sie wohl entflohene Flüchtlinge aus Jerusalem dort verhaften lassen (Apg 9,2; 22,5; 26,12).
Aber was waren die Motive seines Tatendrangs, die die frühchristliche Kirche fast an den Rand ihres Überlebens gebracht hat? Sein religiöser Eifer wurzelt tief im alttestamentlichen Judentum und seiner Überlieferung. Es handelt sich hier nicht um einen Eifer, der im psychologischen Sinne zu erklären ist, als hätte Paulus an Minderwertigkeitskomplexen gelitten, die in ihm ein solch brutales Vorgehen gegen Christen anregte. Paulus maß sich in seinem Leben an der religiös-sittlichen Haltung seiner Vorbilder, die im Judentum zur damaligen Zeit hohes Ansehen genossen (Gal 1,13f). Diese biblischen Vorbilder fand Paulus z. B. in der Person des Priesters Pinhas (Num 25,6-13), der einen Israeliten samt seiner heidnischen, midianitischen Frau umbrachte, weil sie einem Fremdkult huldigten. Diese Tat wird nicht nur in der Folgestelle von Num 25,11 gerühmt, sondern findet auch eine positive Erwähnung in Sir 45,23-26 und im Ps 106,30f. Die Leviten töten in Ex 32,26-29 ihre eigenen Verwandten, weil sie das Goldene Kalb angebetet haben. König Saul wird lobend bei dem Versuch in 1 Sam 28,9 erwähnt, die Wahrsager und Totenbeschwörer in Israel auszurotten. Der Prophet Elija lässt alle Baalspriester auf dem Berg Karmel in 1 Kön 18,40 im Eifer für den Herrn umbringen, nachdem sich ihr Glaube als ein Trugbild erwiesen hatte. Hinter diesem Ideal des gewalttätigen Eifers steht die Überzeugung, dass Jahwe ein eifersüchtiger Gott ist und keine fremden Kulte unter den Israeliten duldet. Gottes Zorn trifft bei solchen Vergehen nicht nur die Schuldigen, sondern auch alle, die diesem Treiben tatenlos zugesehen haben. Dieser Zorn kann jedoch abgewendet werden, wenn die Schuldigen aus den Reihen des auserwählten Volkes „entfernt" werden. Ein solches „Entfernen" der Beleidiger Gottes wurde als heilige Handlung gewertet und kam einem Sühneopfer gleich.
Dieser Eifer kann bei Paulus auch auf die Christen bezogen werden, die aus der Synagoge ausgestoßen waren und den gekreuzigten Christus als ihren Gott verehrten (Joh 16,2). Und genau diese Botschaft vom Gekreuzigten muss bei Paulus und der Mehrheit der Juden den Ausschlag für die Verfolgung und Ablehnung gegeben haben (Gal 5,11; 6,12). Der Gekreuzigte ist für die Juden ein skándalon. Die Juden verstanden unter diesem Begriff eine gefährliche Falle, die zur Sünde verführte und das Gericht Gottes nach sich zog (1 Kor 1,23). Auch das Handeln der Jünger im Namen Jesu musste für Außenstehende wie Zauberei aussehen, wie die Beschwörung von Totengeistern. Insofern wird deutlich, dass unter diesen Vorzeichen diese vermeintliche Zauberei und Totenbeschwörung von den Juden zu den Praktiken gerechnet wurden, die den Zorn und das Gericht Gottes mit sich brachten.
Für Paulus war das skándalon des Kreuzes in dem Moment erledigt, wo er in der Vision vor Damaskus erkannte, dass dieser Jesus lebt. Paulus muss nach seiner Bekehrung bzw. Berufung erst die gesamte Tragweite dieser kurzen aber durchschlagenden Erkenntnis vor Damaskus begreifen. Deshalb tritt er nicht sofort als Prediger des Christentums auf, sondern geht mehr als drei Jahre in die Einsamkeit und Stille der Wüste, um sich über sein Leben und diesen Jesus Christus klar zu werden. Eines seiner größten Umkehrschlüsse können wir in der Rechtfertigungslehre des frühen Paulus in Röm 4,5 nachvollziehen. Paulus macht die in seinen früheren Zeiten undenkbare Aussage, dass Gott vom Menschen nicht das Unmögliche, die Bestrafung der Schuldigen und das vollständige Einhalten des Gesetzes verlangt, sondern dass Gott selbst das Unmögliche tut, indem er den Gottlosen durch seine Gnade rechtfertigt. Nicht das Gesetz kann den Menschen zur Erlösung befähigen, sondern allein die wirkende und sich unverdient verschenkende Gnade Gottes.
So wird Paulus einmal seine Sichtweise revidieren. Der paulinische Eifer kann für uns Impulsfragen eröffnen. Welcher Eifer treibt mich um? Wo spüre ich den Eifer für meinen Gott? Was bin ich bereit diesem Jesus Christus zu opfern? Wo lasse ich mich durch meinen Glauben korrigieren? In heutiger Zeit ist der Einsatz für den eigenen Glauben oftmals vor anderen zu rechtfertigen, und es gibt nicht wenige, die als „ganz normale Kirchenchristen" in den Augen anderer bereits als religiöse Hardliner gelten. Dies sollte uns jedoch nicht abschrecken, in einem guten Maße Eiferer für unseren Herrn zu sein. Wohlgemerkt fängt dieser Eifer jedoch im Idealfall bei uns selber an.
Roberto Medović,
Kaplan Pfarrgruppe St. Aposteln/St. Marien