Herkunft und Anfang des Apostels Paulus (1. März 2009)

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

im Allgemeinen erfahren wir über große und bedeutsame Persönlichkeiten aus Biografien, die sie selber geschrieben haben oder posthum von fremden Verfassern veröffentlicht wurden. Und dabei geht es uns vornehmlich darum, unser Interesse, vielleicht auch unsere manchmal hervorbrechende Neugier, am Leben und Wirken dieser Menschen zu befriedigen. Von dem Völkerapostel Paulus erfahren wir jedoch so gut wie gar nichts über sein persönliches Leben, und nur mühsam können wir die überlieferten Schlaglichter seines Lebens zusammensetzen. Paulus hätte sich sicherlich auch mit Händen und Füßen gegen eine Biografie seines Lebens gewehrt. Nicht sein Leben war in den Augen des Apostels von Bedeutung, sondern einzig und allein, dass er von Jesus Christus für würdig erachtet worden war, in seinen Dienst genommen zu werden. So schreibt er auch im 1. Korintherbrief 15,10: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben."

In der heutigen Predigt soll die Herkunft des Saoul im Vordergrund stehen, weil sich aus diesen seinen Wurzeln vieles auch für unser Verständnis des manchmal nur schwer zu verstehenden Theologen erschließen und verdeutlichen kann. Und, ich finde es durchaus tröstlich, wenn der Verfasser des 2. Petrusbriefes schreibt (3,15-16): „Seid überzeugt, dass die Geduld unseres Herrn eure Rettung ist. Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen, und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben." Sie sehen, auch damals schon, in den Zeiten der Urgemeinde, gehörten die Briefe des Paulus sicher nicht zu einer leichten Nachtlektüre.

Aber, wie steht es eigentlich mit diesen Briefen? Werfen wir einen kurzen Blick auf die Quellenlage, was ist uns von Paulus eigentlich überliefert? 13 Briefe werden im NT Paulus zugeschrieben: Das sind der Brief an die Römer, der 1. und 2. Korintherbrief, der Brief an die Galater, Epheser, Philipper und Kolosser, der 1. und 2. Brief an die Thessalonicher, der 1. und 2. Brief an Timotheus, der Brief an Titus, an Philemon und an die Hebräer. Davon, so ist sich die neutestamentliche Exegese im Großen und Ganzen einig, stammen authentisch aus der Feder des Apostels der 1. Thessalonicherbrief, der Brief an die Galater, der 1. und 2. Korintherbrief, der Brief an die Philipper und an Philemon und der Römerbrief. Die anderen Briefe unterscheiden sich in ihrem Sprachgebrauch, ihrem Satzbau, dem Gedankengang, dem verwendeten Vokabular und in der theologischen Ausformung der kirchlichen Gemeindeordnung und der konkreten Gemeindebeschreibung so sehr von den ursprünglichen Paulusbriefen, dass sie eher den Schülern des Paulus bzw. führenden Gemeindemitgliedern zugeschrieben werden, die sich der Autorität des Apostels bedienen wollten, um in seinem Sinne weiter zu wirken.

Neben den sieben authentischen Paulusbriefen, aus denen wir einige biografische Informationen erhalten, ist noch die Apostelgeschichte zu nennen, die vom Evangelisten Lukas als Fortsetzung seines Evangeliums verfasst wurde und der ein Schüler des Paulus gewesen sein soll. Diese Außendarstellung der Apostelgeschichte kann an der einen oder anderen Stelle die Selbstaussagen des Apostels in seinen Briefen unterstreichen und verständlicher machen, ist also in ihrem Wahrheitsgehalt sicherlich nicht geringer einzustufen als die ureigenen Briefe des Apostels. Wenn sich Paulus zu seiner Herkunft äußert, wie im eben gehörten Abschnitt aus dem Philipperbrief (3,2-11), so verfolgt er damit immer einen besonderen Zweck. Hier möchte er diejenigen in den Gemeinden entblößen, die in Gegnerschaft zu ihm stehen und ihm vorwerfen kein wahrer und echter Jude zu sein. In diesem Brief kommen wir der Antwort nach der Herkunft des Paulus etwas näher. Er sei „(...) am achten Tag beschnitten, (...) aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern (...)" (Phil 3,5). Und dazu ergänzend lesen wir in der Apg 16,37; 21,39 und 22,3, dass er Bürger der Stadt Tarsus sei, dort geboren sei und das römische Bürgerrecht besitze. Für Paulus ist es wichtig zu betonen, dass er aus einer strenggläubigen jüdischen Familie stammt, die ihre Wurzeln im Volk Israel besaß, die die Gesetze und Vorschriften Jahwes befolgte, auch wenn sie dem Diasporajudentum angehörte, also zum Griechisch sprechenden Volksteil gehörte. Über seine Vaterstadt schweigt Paulus. Tarsus war die Provinzhauptstadt Kilikiens, im Südosten der heutigen Türkei gelegen.

Cicero hatte 50 v. Chr. hier seinen Amtssitz als Prokonsul. Es war also eine bedeutsame Stadt, in der sich auch nur Bürger der gehobenen Schichten das Bürgerrecht leisten konnten. Tarsus war jedoch auch die Stadt verschiedener rhetorischer Schulen und Kulte. Der Vegetationsgott Sandon-Herakles wurde dort besonders verehrt. Wenn Paulus wirklich in Tarsus aufgewachsen wäre, dann hätte er sich als Jude in einer synkretistischen Umgebung behaupten müssen. Der Kirchenvater Hieronymus notiert jedoch im vierten Jahrhundert in zwei seiner Schriften, dass die Eltern des Paulus aus dem Ort Gischala stammten, einem Städtchen im Norden Galiläas, das sich besonders durch seine Strenggläubigkeit und den starken Widerstand gegen die römischen Besatzer ausgezeichnet hatte. Da jedoch Paulus auch das römische Bürgerrecht besaß, muss davon ausgegangen werden, dass die Familie, vielleicht wegen der kriegerischen Unruhen, sehr bald schon nach Tarsus ausgewandert ist, und sich dort eine neue Existenz aufgebaut hat. Wann genau dies erfolgt ist, ob vor oder nach der Geburt des Paulus, ist nicht sicher zu sagen. Daneben wissen wir aus der Apg und dem Philipperbrief, dass Paulus in Jerusalem aufgewachsen und sich dort einer Bewegung von Schriftgelehrten angeschlossen hat. Man schätzt, dass es damals etwa 6.000 Mitglieder solcher Bewegungen gegeben haben muss. Die Schriftkenntnis, die Paulus auch in seinen Briefen auszeichnet, muss er sich in Jerusalem angeeignet und wahrscheinlich der Schule des Hillel angehört haben, die eine etwas mildere Auslegung des jüdischen Gesetzes betrieb. So hat diese Schule, im Gegensatz zu der strengeren Schule des Schammai, dem Mann das Recht zugesprochen, seine Frau aus der Ehe entlassen zu dürfen, wenn sie seinen Anforderungen in irgendeiner Weise nicht entsprach. So konnte einer Frau eine Scheidungsurkunde ausgehändigt werden, wenn sie nach der Einschätzung ihres Mannes zum Beispiel nicht kochen konnte. Trotzdem Paulus der liberaleren Schule des Hillel angehörte, ist er aufgrund seines Eifers aufgefallen, der ihn aus der Masse seiner jüdischen Mitbrüder heraushob. In Apg 7,58 wird Saulus als Zeuge der Steinigung des Stephanus erwähnt, d. h., es ist anzunehmen, dass er bereits hier eine führende Rolle bei den Pharisäern besaß.

Am Ende erscheint mir noch die Frage nach dem Aussehen des Paulus interessant. In den apokryphen Akten der Apostel wird folgendes berichtet: „Er sah aber Paulus kommen, einen Mann klein von Gestalt, mit kahlem Kopf und krummen Beinen, in edler Haltung mit zusammengewachsenen Augenbrauen und ein klein wenig hervortretender Nase, voller Freundlichkeit; denn bald erschien er wie ein Mensch, bald hatte er eines Engels Angesicht." Diese Überlieferung ist natürlich nicht gesichert, weil es keine anderen Belegstellen für diese Aussage gibt. Davon jedoch ausgehend, erscheint es mehr als merkwürdig, dass ein solcher Mann von einigen neutestamentlichen Exegeten als der eigentliche Stifter des Christentums angesehen wird. Die Menschen muss also etwas an Paulus angesprochen haben, was nicht auf sein äußeres Auftreten zurückzuführen ist. Darüber, und über den weiteren Werdegang unseres Saoul, werde ich ihnen beim nächsten Mal mehr erzählen. Ich freue mich auf ihr Kommen!

Roberto Medović, Kaplan
Pfarrgruppe St. Aposteln/St. Marien