"Nit das creutz holtz bette an"

Die Katholiken in Bad Wimpfen rüsten sich für das Kreuzfest (14. September 2006)

 

"Ist die eigentlich echt?" fragen Jugendliche, wenn sie in der Sakristei der Bad Wimpfener Dominikanerkirche die Kreuzreliquie sehen, das kleine Metallkreuz, das in einem kleinen Kästchen einen Splitter des Kreuzes Christi trägt. Die Fassung stammt aus dem 13. Jahrhundert, trägt auf der Vorderseite ein Alpha und Omega (weil Christus Anfang und Ende ist) und vier Edelsteine. Auf der Rückseite stehen die Worte: "De Ligno Domini", vom Kreuz des Herrn. Eine Öse weist darauf hin, dass das Reliquiar um den Hals getragen wurde. Deshalb spricht viel für die Tradition, dass der Regensburger Bischof Albert der Große (1200-1280) die Reliquie in seinem Bischofskreuz (Pektorale) getragen hat und bei der Grundsteinlegung oder Kirchweihe der 1264 - 1274 gebauten gotischen Kirche geschenkt hat. Beim barocken Umbau der Kirche (1715-1719) wurde sie wieder gefunden. Bei der Kirchweihe der barocken Kirche am 3. Mai 1719 eröffnete der Wormser Weihbischof Johann Baptist Gegg die Wallfahrt. Eine Monstranz wurde geschaffen, in der das Reliquiar am Kirchweihfest am 3. Mai (das gleichzeitig das Fest der Kreuzauffindung ist) und am Fest Kreuzerhöhung am 14. September ausgestellt wird. Papst Clemens XI. verlieh den Wallfahrern einen besonderen Ablass. Die „Bruderschaft vom Heiligen Kreuz" verband die Wallfahrt bis ins 19. Jahrhundert mit dem Dienst an den Armen.

Aber stammt der Splitter wirklich vom Kreuz, an dem Jesus Christus auf Golgota gestorben ist? Nachdem Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert am Ort des Todes Christi die Grabeskirche bauen ließ, und dort durch seine Mutter, Kaiserin Helena, das Kreuz gefunden wurde, setzte eine Wallfahrtsbewegung ein. Auch nach dem Verlust und dem Wiederfinden des Kreuzes im 7. Jahrhundert wurden Teile des Kreuzes nach Europa gebracht. Die Kreuzfahrer im 11. - 13. Jahrhundert brachten echte und vermeintliche Reliquien in ihre Heimat. Aber kommt es eigentlich auf die Echtheit dieser Reliquie an? „Reliquien sind Hinterlassenschaften, sind Erinnerungsgegenstände." erklärt Pfr. Franziskus Eisenbach. „Die Kreuzreliquie ist eine Aufforderung, den Gekreuzigten anzubeten und auf ihn zu hören." Der Glaube gelte nicht der Reliquie. Das Kreuzfest sei ein Christusfest, in dem der Gekreuzigte und Auferstandene im Mittelpunkt stehe. Eisenbach verweist auf die Kirche, die in der Architektur, in den Bildern und Altären immer wieder auf das Kreuz hinweist.

Der Reliquienkult des späten Mittelalters hat Schaden gebracht und ist mit Recht von der Reformation abgelehnt worden. Die Kirche hat sich immer gegen Übertreibungen gewehrt. „Nit das creutz holtz bette an, sondern den, der gehangen dran." steht auf vielen Kreuzdarstellungen. Gleichwohl beeindruckt das kleine Reliquiar, das die Menschen seit Jahrhunderten durch Berührung verehren. Eisenbach hofft auf einen Aufschwung der Wallfahrt und wünscht sich eine Gemeinde „die vom Kreuz geprägt ist." Kreuz, das steht auch für das Leiden der Menschen. „Das Leiden hat Christus getragen. Eine Kreuzgemeinde steht auf der Seite der Leidenden." Nicht umsonst kommt nach dem Kreuzfest der Caritas-Sonntag. So ist das Kreuz gerade für die, die Trauer und Leid tragen, ein Hoffnungszeichen. Leid hat auch die Gemeinde unmittelbar vor dem Fest getroffen. Adolf Frühauf, Lehrer, Historiker, Künstler und intimer Kenner der Kirche und der Reliquie, ist plötzlich gestorben. Am Wallfahrtstag wollte er durch „seine" Kirche führen.

Markus Warsberg