Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler
... wird am 25. Dezember 1811 als viertes von neun Kindern einer traditionsreichen Adelsfamilie in Münster/Westfalen geboren. Nach einigen Internatsjahren in der Schweiz besteht er 1829 sein Abitur in Münster/Westfalen. Danach verläuft seine Biografie nicht ganz gradlinig - eine Entwicklung, die er durchaus mit vielen Studierenden des Kollegs und Abendgymnasiums teilt.
Von Ketteler beginnt nach dem Abitur ein Studium der Rechtswissenschaften und der Staatswissenschaften, welches er ab 1831 in Berlin fortsetzt. 1835 tritt er nach seinem Referendarexamen in den Staatsdienst ein. Bald darauf quittiert er seinen Dienst aus Glaubens- und Gewissensgründen wieder.. Ausschlaggebend dafür ist unter anderem der sogenannte Kölner Kirchenstreit und die Frage, wieweit sich der Staat in Angelegenheit der Kirche einmischen darf. Von Ketteler wendet sich entschieden gegen jede Einmischungsversuche des Staates, die auf das Selbstbestimmungsrecht der Kirche zielten.
Im Alter von 29 Jahren - nach einer Zeit der Neuorientierung und inneren Wandlung - beginnt er schließlich ein Theologiestudium in München, wo er 1844 zum Priester geweiht wird. Anschließend geht er zurück ins Westfälische, um zunächst als Kaplan, später als Pfarrer tätig zu sein.
Vor dem Hintergrund der langsam in Deutschland beginnenden Industriellen Revolution mit den daraus resultierenden sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen wächst sein Interesse an sozialen Fragen. "Wollen wir die Zeit erkennen, so müssen wir die soziale Frage zu ergründen suchen. Wer sie begreift, erkennt die Gegenwart, wer sie nicht begreift, dem ist die Gegenwart und Zukunft ein Rätsel." In Beckum, wo er als Kaplan tätig ist, entsteht durch sein Engagement ein Krankenhaus für die unteren Schichten.
Weitere Stationen seines Wirkens sind die Gemeinde Hopsten und 1849 für einige wenige Monate als Probst die Gemeinde St. Hedwig in Berlin. Dabei gilt sein unermüdlicher Einsatz der Linderung des Elends - insbesondere des Elends, das aus mangelnder Bildung und Ausbildung resultiert. In einer Adventspredigt aus dem Jahre 1848 heißt es: „Um die sozialen Übel zu heilen, genügt es nicht, dass wir einige Arme mehr speisen und kleiden und dem Armenvorstande einige Taler Gold mehr durch unseren Dienstboten zusenden, das ist nur allerkleinste Teil unserer Aufgabe, sondern wir müssen eine ungeheure Kluft in Gesellschaft, einen tief eingewurzelten Hass zwischen Reichen und Armen ausgleichen." Von Ketteler fordert vom Staat die durch die Industrialisierung verbundenen Probleme mit angemessenen Absicherungen und Steuerungsmaßnahmen zu begegnen.
Während der Revolutionsjahre 1848/49 als Abgeordneter der Frankfurter Paulskirche und 1871/72 als Abgeordneter des Reichstags engagiert sich von Ketteler zudem kirchenpolitisch und setzt sich für die Autonomie der katholischen Kirche ein, was ihn zum politischen Gegner Bismarcks macht.
Am 15. März 1850 wird von Ketteler zum Bischof von Mainz ernannt und am 27. Juni durch den Erzbischof von Freiburg geweiht. Schwerpunkte von Kettelers Tätigkeit sind die Reformierung der Priesterausbildung und der Ausbau des Schul- und Krankenwesens. In diesem Sinne bewegt er einige Orden entsprechend ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Konsequent bleibt er in seiner Kritik an den liberalistisch geprägten Wirtschaftsstrukturen, denen er eine angemessene Sozialpolitik entgegenhält. Seine Forderungen umfassen sowohl die Erhöhung des Arbeitslohns als auch das Verbot von Kinderarbeit, die Verkürzung der Arbeitszeit, die Gewährung von Ruhetagen sowie die Abschaffung der Fabrikarbeit von Müttern. All diese Forderungen rechtfertigt der „Sozialbischof" oder aber auch „Arbeiterbischof", wie von Ketteler genannt wird, durch die soziale Verantwortung der Kirche gegenüber der Arbeiterschaft.
Von Ketteler sieht als Bischof von Mainz in den Mainzern „einen so geweckten, nach Geistes- und Gemüthslage so trefflichen Menschenschlag", aber „ in der großen Masse seiner heranwachsenden Jugend, gerade in Hinsicht auf den wesentlichsten Punkt aller Erziehung, die Bildung des Menschen durch Religion, so überaus gefährdet." Weiter kommt er zu dem Ergebnis, dass bei dem Mainzer „Volkscharakter, bei seiner nicht unbedeutenden Neigung zum heiteren Lebensgenusse und zu einem Gewissen Grade von Leichtsinn, der Ernst der Religion als mäßigendes und bewachendes Element noch weit unentbehrlicher ist, als vielleicht manchem sonstigem Volksstamme." Vor diesem Hintergrund ruft von Ketteler 1864 ein Gymnasialkonvikt ins Leben, das als Bildungs- und Wohnstätte für katholische Theologiestudenten dient.

(Gemälde von Karl Noack, 1857;
Dom- und Diözesanmuseum Mainz)

Bischof Wilhelm Emmanuel
Freiherr von Ketteler
(1811- 1877)
(Gemälde aus dem Dom- und Diözesanmuseum Mainz)

v. Ketteler-Fenster
des Mainzer Doms