«Abi online»: Per E-Mail zum Abschluss

  

       Von Andrea Löbbecke, dpa

 

Uwe Steinhauer in seiner Bäckerei

Uwe Steinhauer in seiner Bäckerei

Mainz (dpa/lrs) - Uwe Steinhauer ist Bäcker in der Nähe von Bad Kreuznach und leitet einen kleinen Familienbetrieb. Der 46-Jährige interessiert sich jedoch nicht nur fürs Backen - vor allem deutsche Literatur hat es ihm angetan. Vor ein paar Jahren wollte der Vater zwei erwachsener Söhnen dann nochmal was ganz Neues anfangen und sein Abitur nachholen. Da die Schulzeiten des klassischen Abendgymnasiums mit dem Bäckerberuf schlecht vereinbar sind, kam ihm das in Rheinland-Pfalz einmalige Angebot des Mainzer Ketteler-Kollegs entgegen: Bei «Abi online» können sich die Abiturienten einen großen Teil des Stoffs in Eigenregie vor dem heimischen Computer aneignen.

«Abitur wollte ich immer schon machen, im Grunde seitdem ich vier Wochen im Beruf war», erzählt der Bäckermeister. Damals sei das aber kein Thema gewesen. Steinhauer ging mit der mittleren Reife von der Schule ab, um später den Familienbetrieb zu übernehmen, wurde früh Vater. Aber das Interesse vor allem an Literatur blieb - auch neben der nächtlichen Arbeit mit Mehl, Hefe und Brötchenteig. «Beim Bäckerberuf bin ich meist eingeschränkt auf 20 bis 30 Quadratmeter Backstube und sehe immer die gleichen Leute», erzählt Steinhauer. Er wollte seinen Horizont erweitern. Nun zählt Steinhauer zum ersten online-Jahrgang, der am Ketteler Kolleg in diesem Juni seine Abiturprüfungen schreibt.

Für die online-Abiturienten gelten die gleichen Zugangsbestimmungen wie auch für die «normalen» Schüler des Abendgymnasiums. Dies sind etwa Berufstätigkeit oder wenn einLernwilliger nebenher einen Familienhaushalt führen und Kinder erziehen muss. «Für Väter und Mütter, deren Kinder morgens in der Kita sind, haben wir auch einen Vormittagskurs eingerichtet», sagt Schulleiter Rolf-Jürgen Renard. Für diesen Zeitraum sei die Betreuung oft leichter zu organisieren, als für die Abendkurse.

Der Studiengang ist je zur Hälfte in eine Präsenz- und eine Selbstlernphase gegliedert. So müssen auch Online-Schüler ihren Computer verlassen - zweimal in der Woche zum Präsenzunterricht in Mainz und natürlich für die Prüfungen. Bei der anderen Hälfte des Stoffes jedoch können sie sich frei einteilen, wann sie lernen wollen. Soviel Freiheit ist nicht jedermanns Sache - das weiss auch Schulleiter Renard. «Man muss ein bestimmter Typ sein und über ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Talent für Zeitmanagement verfügen.»

Wer es schafft, sich beispielsweise regelmäßig Zeit für Lateinvokabeln, Matheformeln oder Englischlektionen zu nehmen, für den birgt die online-Variante viele Vorteile. «Wer weiter weg wohnt, spart sich die Anfahrt», sagt Renard. Wer morgens früh um 6.00 Uhr schon fit ist, wenn die Kinder noch schlafen, oder abends um 23.00 Uhr gut lernen kann - beim Online-Abi kein Problem.

Der erste Abi-online-Kurs 2007 startete mit 30 Anwärtern. Vier von ihnen haben die Schule im vergangenen Jahr mit der Fachhochschulreife abgeschlossen, acht wollen in diesem Jahr das Abi schaffen. «Die Schüler hören aus ganz verschiedenen Gründen auf, etwa weil sich im persönlichen Umfeld etwas grundlegend verändert hat oder sie den Arbeitsplatz gewechselt haben.» Die Abbrecher-Quote entspreche in etwa der des herkömmlichen Abendgymnasiums. In den vergangenen beiden Jahren haben laut Renard nochmal jeweils mehr als 40 Schüler den online-Kurs gestartet.

Bäckermeister Steinhauer ist optimistisch, ein gutes Abitur hinzulegen. «Ich bin unheimlich motiviert und gleich im ersten Jahr zum Klassensprecher gewählt worden», erzählt er. Ohne den großen Rückhalt in der Familie hätte er es nicht geschafft. Vor allem die beiden Präsenztage pro Woche, bei denen er bis 22.30 Uhr in der Schule sitzt sind hart - denn um 02.00 Uhr klingelt ja wieder der Wecker für den Dienst in der Backstube. «Dann arbeite ich, lege mich am Vormittag nochmal schlafen und am Nachmittag wird gelernt.» Was er mit dem Abi dann anfängt und ob er vielleicht an die Uni geht - das weiß Steinhauer noch nicht. Seine 20 und 24 Jahre alten Söhne sind beide noch in der Ausbildung und «brauchen noch ein bisschen Geld». Daher wird Steinhauer erstmal weiter backen - zumindest nachts.

"Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Presse-Agentur (http://www.dpa.de)"

 

Hörfunk-Interview

Lisa Schöffel vom Hörfunk-Sender DASDING (SWR) führte vor Kurzem ein Interview mit Alex, einem anderen Online-Abiturienten.

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