Aus: Glaube und Leben Nr. 25 vom 22. Juni 2008  

Thema: Abitur online am Ketteler-Kolleg

Viele Einsen, großer Nachtisch

Filippa Buda macht via Internet ihr Abitur nach -
Gemeinsam mit Tochter Selina bereitet sie sich auf Prüfungen vor

Lernpause: Ein Aufenthaltsraum zum Entspannen, Nachdenken oder Lesen steht den Schülern am Ketteler-Kolleg zur Verfügung. Wenn Filippa Buda in der Schule ist, kommt sie gerne hierher

Lernpause: Ein Aufenthaltsraum zum Entspannen, Nachdenken oder Lesen steht den Schülern am Ketteler-Kolleg zur Verfügung. Wenn Filippa Buda in der Schule ist, kommt sie gerne hierher

Am letzten Schultag gehen Mutter und Tochter gemein­sam essen. Filippa Buda, 38 Jahre, lässt sich das Zeugnis der 17-jährigen Selina zeigen. Die wiederum wirft einen Blick auf Mamas Noten. Beide Frauen bereiten sich auf das Abitur vor.

Mit einem Unterschied: Während Selina an einer Frankfurter Schule büffelt, sitzt Filippa Buda meist vor dem Computer. Sie hat sich vor einem Jahr für „Abi online" entschieden, ein Angebot des Ketteler-Kollegs in Mainz, (siehe „Hintergrund" unten)

Hier können Erwachsene, die berufstätig sind oder nach der Ausbildung eine Familie versor­gen, ihr Abitur nachmachen. Abi online funktioniert im Prinzip wie ein klassisches Abendgym­nasium: Zwei Jahre dauert es bis zur Fachhochschulreife, drei bis zum Abitur. Auf dem Stundenplan stehen Mathematik, Deutsch, Fremdsprachen, Religion oder Biologie. Allerdings werden die Teilnehmer nur an zwei Abenden pro Woche in der Schule unter­richtet. Hausaufgaben bekommen sie stattdessen per E-Mail, gelernt wird zuhause. So können die erwachsenen Schüler weiter im Beruf bleiben.

Ohne Freund und Tochter ginge es nicht

Vorausgesetzt, die Unterstüt­zung stimmt. Denn: „Abi online kann man nicht mal eben so nebenbei machen", sagt Buda. „Das erste Jahr war schon sehr anstrengend." Buda hat sich vor einiger Zeit selbstständig ge­macht. Im Internet betreibt sie einen Geschenkehandel, „hand­gemachte sizilianische Produkte. Vor allem Deutsche kaufen bei mir ein". Außerdem organisiert sie Geburtstagsfeiern. Das Ge­schäft am Laufen halten und gleichzeitig fürs Abi lernen sei ihr nicht leicht gefallen, sagt sie. Ohne ihren Freund hätte sie es vielleicht gar nicht geschafft. „Er ist mein Mathe-Nachhilfelehrer." Auch die Tochter hilft, allein schon dadurch, dass der Stoff oft ähnlich ist, mit dem sich die Frauen beschäftigen. „Das ist für beide eine Motivation."

36 Teilnehmer starteten im Herbst 2007 mit „Abi online", aufgeteilt in zwei Klassen. Davon sind sechs übriggeblieben. „Aus meiner Klasse bin ich die einzige, die noch dabei ist", sagt Buda.

Neues Angebot am Vormittag geplant

Wichtigstes Kommunikationsmittel für die Schüler: die E-Mail

Wichtigstes Kommunikationsmittel für die Schüler: die E-Mail

In ihren Info-Broschüren weist die Schule ausdrücklich darauf hin, dass Bewerber viel Selbstdis­ziplin mitbringen müssen. „Wir führen außerdem mit jedem Abi­-online-Bewerber vor Schulbeginn ein Einzelgespräch", sagt der Lei­ter des Ketteler-Kollegs, Dr. Rolf-Jürgen Renard. „Dennoch ändern sich manchmal die Arbeitsbedin­gungen, jemand wechselt den Job, die Arbeitszeiten ändern sich. Das waren die häufigsten Gründe, warum abgebrochen wurde." Schulische Probleme seien dage­gen seltener Ursache gewesen.

Ab 2009 will die Schule bei ent­sprechender Nachfrage auch vor­mittags Unterricht anbieten - für all jene, die abends arbeiten oder ihre Kinder versorgen müssen. Filippa Buda findet das gut: „Ich glaube, dass das vor allem für Al­leinerziehende eine Möglichkeit ist, die zwei oder drei Jahre bis zum Abitur durchzuhalten."

Sie selbst will mindestens noch ein Jahr am Ketteler-Kolleg blei­ben. Dann hätte sie die Fachhoch­schulreife. „Danach muss man sehen, wie es weitergeht." Sehen, ob sie Beruf und Schule weiter vereinbaren kann.

Wer eine Pause braucht, der kann sich für ein Jahr beurlauben lassen und dann wieder einstei­gen, sagt Renard. Wer länger unterbricht, muss erneut zur Aufnahmeprüfung. Filippa Buda will das nicht. Sie wünscht sich das Abitur schon lange, und auch in ihrer Klasse fühlt sie sich wohl, „deshalb wäre es auch schlimm, unterbrechen zu müssen". Bereits mit 21 Jahren, als ihre Tochter Selina zur Welt kam, habe sie sich über Abendgymnasien informiert. „Fernstudiengänge waren entwe­der zu teuer, oder das Angebot passte zeitlich nicht. Irgendwann bin ich auf Abi online gestoßen."

Die Möglichkeit, wählen zu können

Konkrete Pläne, für die sie das Abitur braucht, hat sie nicht. „Aber ich möchte die Möglichkeit haben, eines Tages zu studie­ren." Grundschullehrerin habe sie früher werden wollen. „Jetzt bin ich mir da nicht mehr sicher. Vielleicht studiere ich, wenn ich in Rente bin."

Warum sie das Abitur nicht mit 18 oder 19 gemacht hat? „Ich wollte finanziell unabhängig sein", sagt Buda. So ging sie nach der Mittleren Reife von der Frank­furter Gesamtschule ab und ließ sich zur Fotolaborantin ausbilden. „Meine Eltern haben mir schon geraten, Abi zu machen, aber ich wollte erst einmal raus." Hinzu kam, dass die Eltern, gebürtige Sizilianer, das deutsche Schulsys­tem nicht besonders gut kannten.

„Das ist ein Problem, das ich bei vielen Migrantenfamilien beob­achte", sagt Buda. „Welche Mög­lichkeiten es nach der Grundschu­le gibt, ist oft nicht bekannt. Dann geht der Sohn eben in die Schule, die der Sohn der Nachbarn auch besucht. So sitzen viele ausländi­sche Kinder in der Hauptschule, nur, weil keiner hinschaut."

Das späte Lernen habe aber auch viele Vorteile. „Das Verhält­nis zu den Lehrern ist anders, das läuft wirklich toll hier. Man kann sie alles fragen, der Kontakt ist offen", sagt Buda. Sie fühle sich gleichgestellt, ernstgenomrnen. Und auch die Form des Unterrichts gefällt ihr. „Wir recherchieren viel selbst, das gab es früher bei mir nicht. Ich fände es gut, wenn die Kinder heute auch weniger Fron­talunterricht hätten."

Für die Zukunft ihrer Tochter wünscht sie sich vor allem eins: „Sie soll Abitur machen, dann kann sie tun, was sie will." Erst aber werden wie jedes Jahr die Zeugnisse verglichen. Beim Es­sen im Restaurant. „Wer besser abschneidet, kriegt den größeren Nachtisch."

 

Hintergrund

 

Wenn das Wohn- zum Klassenzimmer wird

Dr. Rolf-Jürgen Renard, Leiter des Ketteler-Kollegs

Dr. Rolf-Jürgen Renard, Leiter des Ketteler-Kollegs


Mainz (kb). Vor knapp einem Jahr ging's los: Am Ketteler-Kolleg und -Abendgymnasium startete der Schulversuch „Abitur online". Aus dem Ver­such ist mittlerweile ein festes Angebot geworden.

Schulleiter Dr. Rolf-Jürgen Renard zieht eine positive Zwischenbi­lanz: Bereits im ersten Jahr habe es so viele Interessenten gegeben, dass zwei Klassen eingerichtet wurden. Auch für das kommende Schuljahr haben sich wieder so viele Teilnehmer angemeldet, dass es für zwei Klassen reicht.

Das Projekt ist für Menschen gedacht, die bereits im Beruf stehen. Nach zwei Jahren Ausbil­dung können die Studierenden die Fachhochschulreife erwerben, nach drei Jahren die Allgemeine Hochschulreife (Abitur). „Zusätz­lich wird die Schule bei entspre­chender Nachfrage ab 2009 Kurse am Vormittag anbieten", sagt Renard. Damit können all jene am Unterricht teilnehmen, die abends keine Zeit haben: Mütter und Vä­ter, die keinen Babysitter haben, oder Berufstätige mit Arbeitszei­ten bis in die Abendstunden.

An zwei Tagen kommen Schüler ins Kolleg

Denn der Unterricht in den Abi-online-Klassen findet nicht nur zuhause statt. Ein Teil des Stoffs wird in der sogenannten „Präsenzphase" vermittelt: Die Teilnehmer kommen an zwei Abenden ins Kolleg, um dort zu lernen.

Auch die Prüfungen finden in der Schule statt. Ansonsten lernen die Teilnehmer im eigenen Wohn­oder Arbeitszimmer. Über das Internet können sie Lernmaterial herunterladen und bearbeiten, Hausaufgaben verschicken sie per E-Mail und erhalten sie korrigiert wieder zurück. Eine Plattform dient dem Austausch: sowohl der Schüler untereinander als auch zwischen Teilnehmern und Leh­rern. „Die individuellen Lernwege werden online begleitet", so nennt das Renard.

Die Teilnehmer zahlen pro Mo­nat 20 Euro Gebühr für die Nut­zung der Plattform. Zudem wird eine einmalige Anmeldegebühr in Höhe von 25 Euro fällig.

„Die Vorteile des Lernens in der Gruppe werden verbunden mit denen eines Selbstlernstudiums", sagt Schulleiter Renard. „Zugleich erweitern und vertiefen die Stu­dierenden ihre Medienkompe­tenz."

Man müsse kein Computerfach­mann sein, um sein Abitur auf dem digitalen Weg zu machen, sagt er. „Voraussetzungen sind Grundkenntnisse im Umgang mit dem Computer wie Textverarbei­tung und Schreibprogramme", sagt Renard. Und selbstverständ­lich müssen die Schüler einen Internetzugang haben.

Noch Plätze für das kommende Schuljahr frei

Zwar ist das Lernmodell in Rheinland-Pfalz bislang einzigar­tig, doch es gibt Vorbilder. 2002 startete an acht Abendgymnasien in Nordrhein-Westfalen ein Schulversuch zum Online-Abitur. „Die Ergebnisse waren sehr zufrieden­stellend", sagt Renard. Deshalb sei der Versuch auf weitere Schulen in der Region ausgeweitet wor­den. Ins Mainzer Kolleg kommen inzwischen auch Schüler aus dem Hunsrück und dem pfälzischen Landstuhl.

Für das kommende Schuljahr ist die Bewerbungsfrist bereits abgelaufen, doch noch sind einige Plätze frei.

Kontakt und Informationen: Ketteler-Kolleg und -Abend­gymnasium, Rektor-Plum-Weg 10,55122 Mainz, Tele­fon 06131 /31060, E-Mail: infoketteler-kolleg.de, Internet: www.ketteler-kolleg.de, www.ketteler-abendgymnasium.de 

Zur Person


Bischof und Namenspatron 

 

Ketteler-Denkmal vor dem Mainzer Bischofshaus

Ketteler-Denkmal vor dem Mainzer Bischofshaus

Sein Name ist mit Mainz eng verbunden, überall stößt man auf seine Spuren. Wilhelm Emmanuel von Ketteier (1811-1877), geboren in Münster, war von 1850 bis 1877 Bischof von Mainz. Er gilt als Begründer der katholischen Soziallehre und, wie es auf der Homepage der Mainzer Ketteier-Stiftung heißt, als „Anwalt und Fürsprecher der Armen".

Fragen nach einer gerechten Gesellschaft

Diese Stiftung unterstützt finanziell Projekte der Caritas im Bistum Mainz und arbeitet mit Caritasgruppen und -verbänden, Pfarrgemeinden und sonstigen katholischen sozialen Einrichtun­gen zusammen. Die Stifter haben es sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, „die vielfältigen Fragen heutiger Sozialpolitik in der Kirche und in der Öffentlich­keit ins Gespräch zu bringen".

Auch am Ketteler-Kolleg und -Abendgymnasium fühle man sich dem Namensgeber verpflich­tet, heißt es auf der Internetseite der Schule. „Die Bildungsarbeit gründet auf einer christlichen Sicht des Menschen und der Welt." Gleichzeitig arbeite man am Kolleg nach den Prinzipien der Ökumene, der Weltoffenheit und Toleranz.

Ziel des Kollegs: offener und fairer Dialog

Die Schule steht Erwachsenen aller Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen offen. Andererseits werde auch von den Studierenden „geistige Aufgeschlossenheit und die Bereitschaft erwartet, sich mit anderen Auffassungen im offe­nen, kritischen und fairen Dialog auseinanderzusetzen."

Infos: www.ketteler-stiftung.de