Fritz Schlosser und
seine Gelehrtenbibliothek in der Martinus-Bibliothek
Fritz Schlosser (1780-1851), Jurist, Verwandter und Sachwalter Goethes, Konvertit, Privatgelehrter und Förderer von Künstlern und der Literatur, vermachte den Hauptteil seiner Bücher dem Mainzer Bischof Ketteler und damit dem Priesterseminar. Die Büchersammlung befindet sich heute in der Martinus-Bibliothek, die die etwa 35.000 Bände vom Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als einen ihrer größten Schätze hütet und pflegt und sie den Freunden der Literatur und der Wissenschaft zugänglich macht.
Biographisches
- Johann Heinrich Friedrich (Fritz) Schlosser
Die Schlossersche Bibliothek
- Deutsche Literatur
- Fremde Sprachen
- Geschichte
- Kunst - Literatur und Graphik
- Philosophie und Theologie
- Jura und Staatswissenschaften
- Medizin und Naturwissenschaften
Die Schlossersche Bibliothek heute
- Virtuelle Rekonstruktion der Schlosserschen Bibliothek
- Die Schlossersche Bibliothek und ihr Nutzen für die Wissenschaft und Forschung heute
- Die Schlossersche Bibliothek in der Öffentlichkeit
Biographisches
Aufgewachsen in einer Frankfurter Patrizierfamilie studierte Schlosser 1799-1803 in Halle, Jena und Göttingen, hörte u.a. Schelling und Hegel. In Göttingen promovierte Schlosser 1803 in Jura und kehrte danach wieder nach Frankfurt zurück, um dort als Anwalt und ab 1806 als Schulrat zu arbeiten.
Durch seine Konversion 1814 zum Katholizismus blieb ihm eine weitere Karriere in Frankfurt versperrt. Eine Erbschaft fünf Jahre später ermöglichte Schlosser ein Leben als Privatmann, juristischer und wissenschaftlicher Berater, Privatgelehrter und Schriftsteller sowie als großer Buch- und Kunstsammler. 1825 erwarb er Stift Neuburg bei Heidelberg, wo er die Sommermonate verbrachte und wo sich durch viele Jahrzehnte die Größen des Geistes, der Künste, der Kirche und der Politik versammelten.
Schlossers Wirken als Privatgelehrter, als Goetheverehrer und sein Leben auf seinem Musenhof Stift Neuburg dokumentiert sich neben der Einrichtung eines Goethezimmers auf Stift Neuburg und in der Sammlung von Goetheana, die Schlosser im Laufe der Jahrzehnte zusammengetrug, vor allem in seiner Bibliothek.
Die Schlossersche Bibliothek
Durch die ungewöhnlich große und vorzüglich ausgewählte Büchersammlung Schlossers wurde die kulturelle Elite neben der Gastlichkeit des Hausherrn und seiner Frau Sophie Du Fay in besonderem Maße angezogen. Seine Bibliothek umfaßt alle Wissensgebiete, insbesondere deutsche Literatur der Klassik und Romantik und Weltliteratur im goethischen Sinne.
Als besondere Höhepunkte und charakteristische und bibliophile Beispiele gelten neben Schlossers 77-bändigem, eigenhändigem Bibliothekskatalog und seinem „Notizbuch für meine Bibliothek“ mittelalterliche Handschriften, wie „Christus und die minnende Seele“ (1496), das Skizzenbuch von Franz Pforr (1794) und die Inkunabeln seiner Sammlung. Dazu kommen noch Raritäten seiner Goethesammlung z.B. das „Tiefurther Journal“ und das Tafelheft von Goethes „Farbenlehre“.
Deutsche Literatur
Die Schlossersche Bibliothek enthält u.a. seltene Drucke und Erstausgaben von Goethes Werken, die Schlosser teilweise bereits aus der Bibliothek seines Vater übernommen hatte und von Goethe geschenkt bekam (Vermerk: G.d.H.V = Geschenk des Herrn Verfassers) und für ihn zweifellos der größte Schatz seiner Bibliothek waren. Von den Autographen ist außer dem Tiefurther Journal nichts in die Martinus-Bibliothek gelangt.
Aber die Bibliothek Schlossers bietet noch weitere Werke der deutschen Literatur der Klassik und Romantik, die u.a. sich aus dem Netz verwandtschaftlicher und freundschaftlicher Beziehungen in Frankfurt und innerhalb Europas begründete, z.B. die Brentanos, Marianne von Willemer und Helene Gontard.
Die Sammlung deutscher Literatur beschränkt sich aber nicht nur auf die großen Namen und Zeitgenossen Schlossers, sondern reicht bis in die Anfänge zurück. So werden viele Kostbarkeiten aus der Zeit des Humanismus und des Barock verwahrt, wie z.B. Sebastian Brants "Narrenschiff", der "Theuerdank" Maximilians I. oder der "Barock-Simplicissimus" von Grimmelshausen
Fremde Sprachen
Der sprachbegabte Schlosser trug fremdsprachige Literatur und Wörterbücher etc. sowohl aus dem Bereich der alten und modernen Sprachen als auch aus entlegenden Sprachen und Dialekten zusammen.
Um Goethes Programm einer vielsprachigen Weltliteratur zu entsprechen finden sich bei Schlosser neben griechischen und lateinischen auch englische, französische, italienische, spanische, neugriechische und gälische Titel. Als Beispiel für weitere entlegene Sprachen kann z.B. die Bibliographie armenischer Drucke der Mechitharisten genannt werden.
Selbst ein arabischer Koran - die erste in den Buchhandel gekommene gedruckte Ausgabe von 1694 - befindet sich unter den fremdsprachigen Werken in Schlossers Bibliothek.
Geschichte
Neben der Weltliteratur bildet die Geschichte die zweite Hauptabteilung der Schlosserschen Bibliothek, da er sich auch sehr für die Welt-, Länder- und Stadtgeschcihte interessierte. Ebenso sammelte er Reisebeschreibungen, wie z.B. Marco Polos Bericht in lateinischer Übersetzung als Editio princeps (Gouda um 1484) , und Werke über die Geschichte Byzanz' und Italiens.
Seine Interessen u.a. für das Spätmittelalter spiegeln sich in der Mitgründung der "Monumenta Germaniae Historica" und der Sammlung früher Drucke (Inkunabeln), z.B. seine volkstümlicher Kleinschriften aus der Straßburger Druckerei von Matthias Hupfuff, wieder. Darunter befinden sich das einzige vollständig erhaltene Exemplar des "Straßburger Fischbuches" von 1498 und die Geschichte des Grafen Dracula von 1500.
Kunst - Literatur und Graphik
Mit seiner Literatursammlung über die Kunst verband Schlosser seine Sammelleidenschaft von Büchern und Kunstgegenständen. Albrecht Dürers Proportionslehre in der Nürnberger Erstausgabe von 1528 gehört ebenso dazu wie Ansichtenwerke zum Kölner Dom.
Ergänzt wird die Schlossersche Kunstliteraturabteilung durch eine Sammlung von Grafiken (u.a. Piranesi) und Zeichnungen, wie z.B. Originalzeichnungen von Sandrart, Chodowiecki und Füssli, versehen mit handschriftlichen Sinnsprüchen von Johann Caspar Lavater.
Philosophie und Theologie
Während Schlosser die wesentlichen Werke der Philosophie von den Anfängen bis in seine Zeit (u.a. Spinoza, aber auch Schelling) - oft in Erstausgaben - für seine Bibliothek erworben oder vereinzelt vom Vater geerbt hatte (u.a. ein Druck von Rousseaus "Du contract social" von 1762), sammelte er kaum wissenschaftlich-theologische Literatur seiner Zeit.
Dafür nahm das Geistliche, u.a. Thomas a Kempis und Liturgica, sowie Standardausgaben der Kirchenväter und der Scholastiker einen großen Raum ein. Ergänzt wurde die theologische Sammlung durch protestantische Werke von Luther und anderen Reformatoren und durch eine Judaica-Sammlung, darunter u.a. ein handschriftliches Purimspiel.
Jura und Staatswissenschaften
Als Frankfurter Jurist mit einem besonderen Interesse an Staats- und Verfassungsrecht sammelte er neben den Klassikern des römischen Rechts auch Rechtsquellen der Neuzeit und Schriften zur Politik bis hin zur - für ihn aktuellen - juristischen und staatswissenschaftlichen Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Daher stehen neben dem "Codex Theodosianus" und dem "Sachsenspiegel" - gedruckt Leipzig 1572 - , Werke von Jacobus Godofredus, Bodin oder Pufendorf.
Medizin und Naturwissenschaften
Obwohl der Schwerpunkt der Bibliothek auf den Geisteswissenschaften liegt, gehören gemäß des damaligen bürgerlichen Bildungskanons Medizin und Naturwissenschaften auch zu den gesammelten Fächern.
Isaac Newtons "Philosophiae Naturalis Principia mathematica" (zweiter Druck der Londoner Erstausgabe von 1687) oder Linnés "Systema natura" gehören ebenso dazu wie ein "Herbarium" und ein "Cereale", das der Heidelberger Universitätsgärtner Metzger rund um Schlossers Musenhof Stift Neuburg bei Heidelberg zusammengetragen hat
Die Schlossersche Bibliothek heute
Virtuelle Rekonstruktion der Schlosserschen Bibliothek
Zum einen wird heute versucht, die Schlossersche Bibliothek anhand der in der Martinus-Bibliothek vorhandenen Bestände und Kataloge, virtuell zu rekonstruieren, zu erfassen und inhaltlich zu erschließen.
Damit wird nicht nur die buchwissenschaftliche Forschung im Hinblick auf Gelehrtenbibliotheken des ausgehenden 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unterstützt, sondern auch die Forschung und Wissenschaft der Fächer, die mit Literatur in der Bibliothek vertreten sind. Darunter ist auf jeden Fall die Germanistik zu nennen.
Erste Schritte dazu bietet das Projekt von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, die in Zusammenarbeit mit den Universitäten in Mainz und Trier, die die Schlossersche Bibliothek im Hinblick auf ihre Bestände an mittelhochdeutscher Literatur betrachtet haben.
Die Schlossersche Bibliothek und ihr Nutzen für die Wissenschaft und Forschung heute
Zum anderen stellt die Martinus-Bibliothek die Bestände der Schlosserschen Bibliothek für die Wissenschaft und Forschung zur Benutzung zur Verfügung.
Die Schlossersche Bibliothek in der Öffentlichkeit
Zusätzlich zeigt die Martinus-Bibliothek in eigenen Ausstellungen oder durch Ausleihen an Museen einzelne Highlights auch der interessierten Öffentlichkeit.
Sein 150. Todestag 2001 bot den Anlaß, ihn mit unserer Ausstellung und durch eine Monographie zu ehren:
Goethekult und katholische Romantik. Fritz Schlosser (1780-1851). Hrsg. Helmut Hinkel.
Philipp von Zabern-Verlag Mainz 2002, 398 S., mit zahlr. Abb. in Farbe u. Schwarzweiß. Fester Einband
Weitere Literatur u.a.
Hinkel, Helmut: Johann Friedrich Heinrich (Fritz) Schlosser. Aus: Neue Deutsche Biographie. Berlin : Duncker & Humblot, 2007. Bd. 23, S. 102-103. Literaturang.
NEU:
Bibliographie der mittelhochdeutschen Literatur in frühgermanistischen Editionen aus der Sammlung Fritz Schlosser
Ein Projekt der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz mit dem Historisch-Kulturwissenschaftlichen Forschungszentrum der Universitäten Trier und Mainz
"Mittelhochdeutsche Literatur in frühgermanistischen Editionen"