Themenschwerpunkt: Sozialpastoral
In jedem das Ebenbild Gottes sehen
Diakon Heinz Lenhart ist Mitbegründer der Initiative Sozialpastoral
Von Thomas Zelinger

Heinz Lenhart ist es wichtig, Menschen in schwierigen Lebenssituationen wahrzunehmen. Sie sollen erfahren, dass sich jemand für sie interessiert. Foto: Thomas Zelinger
© Kirchenzeitung
„Was willst Du, dass ich Dir tue?" Die Frage, die Jesus an den blinden Bettler Bartimäus richtete, hat für Diakon Heinz Lenhart (61) zentrale Bedeutung. Es geht ums Helfen, ums Dasein für andere, mitten in deren Lebenssituation. Die Frage Jesu an Bartimäus ist für Heinz Lenhart der Leitgedanke der Sozialpastoral.
Lenhart ist als Ständiger Diakon in Darmstadt tätig. Er weiß sehr genau um die Sorgen und Nöte vieler Menschen in der Stadt mit mehr als 143 000 Einwohnern. Vorurteilsfrei begegnet er den Menschen, offen, in jedem das Ebenbild Gottes zu sehen. Gemeinsam mit Winfried Reininger, dem Leiter der Stabsstelle Gemeindecaritas beim Diözesan- Caritasverband, hat er vor zehn Jahren die Initiative Sozialpastoral gegründet.
„Das ist eine Chance, Kirche sichtbar und erfahrbar zu machen."
Als Ständiger Diakon ist Heinz Lenhart täglich an der Basis. Und er kommt auch von dieser Basis. Vor vielen Jahren hat er zunächst den Beruf des Elektroinstallateurs gelernt, später arbeitete er als Sachverständiger für elektrische Anlagen. Bei einem großen Industrieunternehmen war er tätig. Es ist die Lust am Lernen gewesen, die ihn zudem Theologie studieren ließ. Anfangs ganz ohne den Gedanken, Diakon zu werden. Doch letztlich führte sein Lebensweg zur Weihe. Das war 1994.
Drei Jahre lang blieb er danach noch im angestammten Beruf, heute sagt er: „Ich bin im Betrieb als Diakon bekannt gewesen und war ein Stück weit auch Ansprechpartner. Das ist eine Chance, Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, Kirche sichtbar und erfahrbar zu machen." Dann hat ihm das Bistum eine Stelle als Diakon in Bensheim angeboten. Er hat ja gesagt, da er das eigenständige Arbeiten schätzt.
Heute ist Heinz Lenhart in Darmstadt, St. Ludwig, und im Pfarreienverbund Darmstadt-Innenstadt tätig, zudem arbeitet er in der Fortbildung für Diakone. Sein Wirken ist zumeist praktisch angelegt, „ohne in die Heilsverbreitungskiste zu greifen", sagt er schmunzelnd. Für Arbeitslose ist er da, für Senioren, im Pfarreienverbund moderiert er den Arbeitskreis der Pfarrcaritas - er ist an unterschiedlichen Plätzen gefordert. Viele Menschen begleitet er einzeln, „Menschen, die unter Druck stehen, die oft vielfache Probleme haben". Alkohol, Trennung, ungeklärter Aufenthaltsstatus - vieles ist Thema. Ein Therapeut ist er nicht, aber er hilft bei der Standortbestimmung und bewegt Menschen, darüber nachzudenken, ob Gott in ihrer Lebensgeschichte einen Platz hat.
„Es ist die benediktinische Spiritualität, die mich trägt."
Heinz Lenhart gehört einer Oblatengemeinschaft an und sagt: „Es ist die benediktinische Spiritualität, die mich trägt." Von den Menschen, denen er täglich als Diakon begegnet, weiß er: „Die wenigsten haben eine enge Bindung zur Kirche, wie wir das so denken. Das heißt aber nicht, dass sie nicht glauben." Er will ihnen zeigen, dass Gott ihre ganz persönliche Lebensleistung, in der Kindererziehung, im Ehrenamt, an vielen anderen Stellen, schätzt.
Der Diakon ist in weiten Teilen des Stadtgebiets unterwegs und mit vielen kommunalen, caritativen und sozialen Einrichtungen und Organisationen vernetzt. Bei all dem ist ihm wichtig, den dienenden Christus zu verkörpern, wie er sagt, und er fügt hinzu: „Darin liegt die Begründung des Diakonats."
Natürlich, auch bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen ist er gefragt, doch letztlich trifft er die Menschen in ihrem Alltag. Ein Alltag, der von Lasten und Ängsten bestimmt ist. Hier herrscht nicht eitel Sonnenschein, oft liegen lange Schatten auf Lebenswegen. Armut und Einsamkeit sind gegenwärtig. Für Lenhart gilt der Dreiklang: sehen, urteilen, handeln. „Es ist mir wichtig, dass die Leute erfahren, dass sich jemand für sie interessiert", beschreibt er, was ihn etwa in Bensheim bewegte, den Arbeitslosentreff Lichtblick zu gründen.
In Darmstadt wirkt er in der Trägergemeinschaft des Arbeitslosentreffs Kompass, er koordiniert die Caritas im Pfarreienverbund, und in ökumenischer Zusammenarbeit bemüht er sich um die Gründung einer Montagskirche. Dieses ökumenische Projekt soll über Themen wie Armut und Arbeitslosigkeit informieren, sie ins Gespräch bringen - und nicht zuletzt „ins Gebet nehmen".
Und dann sind da noch die Senioren; die Altenpastoral gehört zu den Schwerpunkten seiner Arbeit: „Ich betreue in der Stadt acht Altenheime." Um möglichst viele Menschen zu erreichen, habe er ein differenziertes Gottesdienstangebot „auf den Menschen hin" entwickelt. Vor allem für an Demenz Erkrankte sei dies wichtig - kurze Sätze statt langer Texte, bekannte Lieder, damit findet er Zugang zu Menschen, die immer weniger in der Gegenwart leben. In einem der Altenheime hat Diakon Lenhart zudem eine Männergruppe gegründet, „um dem Leben auf die Spur zu kommen".
„Der Weg führt immer aus dem innerkirchlichen Bereich heraus."
Die Arbeit für und mit Senioren ist ihm wichtig, und er sagt: „Bei acht Altenheimen kann man nur projektbezogen arbeiten." Zugleich steht er in engem Kontakt mit Sozialdiensten, die ihm signalisieren, wo er als Seelsorger gebraucht wird. Er lebt auch hier die Ökumene. Aktuell wird ein Konzept zur Abschiedskultur entwickelt, das Mitarbeiterinnnen und Mitarbeiter der Altenheime unterstützen soll, Sterbende, deren Angehörige und trauernde Menschen zu begleiten.
Die Liste seines Wirkens lässt sich fortsetzen, eine Gruppe für Angehörige von Demenzerkrankten wäre noch zu nennen. Bei all seinem Tun gilt: „Der Weg führt immer aus dem innerkirchlichen Bereich heraus." Der Diakon ergänzt: „Es ist ein Weg entlang der Hecken und Zäune, ein Weg zu den Menschen."
Nachgefragt
Kirche ist immer auch Caritas - Caritas ist immer auch Kirche

Winfried Reininger. Foto: Archiv
© Kirchenzeitung
Fragen zum Bistumsziel Sozialpastoral an Winfried Reininger, Stabsstelle Gemeindecaritas beim Diözesancaritasverband:
Das Wort „Sozialpastoral" lässt manche Deutung zu - was genau ist damit gemeint?
Es geht es beim Bistumsziel Sozialpastoral um die diakonische Ausrichtung der Kirche. Diakonie ist nicht nur ein Bereich im Handeln der Kirche, den besonders die ehrenamtlichen Caritaskreise oder die Caritasverbände pflegen, sondern jedes pastorale Handeln sollte eine diakonische Ausrichtung haben - diese klingt im Wort „Sozialpastoral" an. Früher hat man eher von „Caritas und Pastoral" gesprochen. Das Wort „Sozialpastoral" scheint uns besser geeignet, um beide Bereiche mit einem Begriff zusammenzuführen. So wird deutlich: Kirche ist immer auch Caritas, und Caritas ist immer auch Kirche.
Was könnte es innerhalb und außerhalb der Kirche ändern, wenn das Anliegen Sozialpastoral die tägliche Arbeit bestimmt?
Das Konzil beschreibt in der Präambel der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes", dass die Freude und die Hoffnung, die Trauer und die Ängste der Menschen, besonders diejenigen der Armen und Bedrängten, die Herzen der Gläubigen bewegen. Von dieser Vision sind wir häufig noch weit entfernt. Außenstehende nehmen wahr, dass es uns häufig um den eigenen Selbsterhalt geht: Ob die Kirche zum Gottesdienst voll ist, ob das Pfarrfest gut besucht ist, ob die Firmlinge nach der Firmung noch in der Jugendarbeit mittun und ob die Menschen aus der Kirche austreten oder dabei bleiben. Sozialpastoral zu praktizieren, bedeutet einen Perspektivenwechsel: Es bedeutet, die Seelsorge nicht von unseren pastoralen Angeboten und eigenen Anliegen her zu denken, sondern sich in den Dienst der Sorgen und Anliegen der Menschen zum Beispiel in einem Stadtteil zu stellen.
Sozialpastoral ist ein erklärter Schwerpunkt im Bistum Mainz - woran ist das spürbar?
Zunächst arbeiten wir zum Bistumsziel Sozialpastoral exemplarisch im Dekanat Rüsselsheim. Hier haben wir in Kooperation von Mitarbeitern aus der Seelsorge und dem Caritasverband eine Bestandsaufnahme der sozialen Situation und des diakonischen Handelns der Kirche erstellt. Die Ergebnisse der Studie werden derzeit in den Gremien im Dekanat vorgestellt und diskutiert. In vier pastoralen Einheiten, so in Kelsterbach, an der Mainspitze in Groß-Gerau und in Gernsheim, werden wir erproben, wie der oben genannte Perspektivenwechsel gelingen kann. Aber auch an vielen anderen Orten im Bistum gibt es Ideen und Projekte, bei denen Caritas und Seelsorge enger zusammenarbeiten wollen. So denkt man in Alsfeld und in Heppenheim über eine engere räumliche Kooperation der Caritas-Dienststellen mit der Seelsorge nach. Andere Dekanate haben sich das Thema „Armut" oder die Initiativen des Netzwerks Leben als Jahresthema vorgenommen.
Innerhalb der Caritasverbände sind wir dabei, pro Dekanat oder Kreis eine halbe Stelle des Fachdienstes Gemeindecaritas bereitzustellen. In Zukunft soll überall klar sein, wer von der Caritas für die Fachberatung bereit steht, wenn es um den Aufbau sozialer Initiativen in der Seelsorge geht.
Seit zehn Jahren gibt es die Initiative Sozialpastoral, die Sie mit begründet haben. Was war das Ziel? Was hat sich durch diese Initiative bisher bewegt?
Diakon Heinz Lenhart und mir war aufgefallen, dass es im Bistum eine Reihe von Seelsorgern und Caritas-Mitarbeitern gibt, für die die diakonische Dimension der Kirche eine besondere Bedeutung hat. Nur erschienen uns diese Kolleginnen und Kollegen recht vereinzelt im Bistum verstreut zu sein. Unser Anliegen war es, sie einmal im Jahr zu einem „Forum Sozialpastoral" zusammenzubringen, damit wir uns gegenseitig stärken und fachlich weiterbilden können.
In den letzten Jahren kamen zum Forum Sozialpastoral regelmäßig etwa 50 Personen. Im Lauf der Zeit ist so von unten her ein Netzwerk für eine diakonische Kirche im Bistum entstanden, das die Arbeit von einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Seelsorge und Caritas prägt. Andererseits haben wir durch hochqualifizierte Referenten aus der Pastoraltheologie und aus der Caritasarbeit vieles vorgedacht, was heute die Diskussion um die Sozialpastoral und die diakonische Dimension der Kirche in unserem Bistum bereichert.
Interview: Maria Weißenberger
Stichwort
Benediktiner-Oblaten
Menschen, die bewusst und entschieden als Christen in der Welt leben wollen und in den benediktinischen Grundgedanken ihre Richtschnur sehen, können „Benediktineroblaten" werden. Oblaten treten nicht in den Orden ein, sondern leben in Verbindung mit einer bestimmten Abtei. Diese Verbundenheit besteht vor allem in der Gebetsgemeinschaft. „Ihr" Kloster bietet den Oblaten unter anderem Einkehrtage und geistliche Begleitung an. (mw)
Zitiert
Seelsorge immer auch diakonisch
„Schwerpunktmäßig ist der Diakon gesandt zu den Rändern, zu den Rändern der Gemeinde, zu den Rändern der Gesellschaft ... Der diakonische Auftrag für die Gemeinde ist am deutlichsten in der Pastoralkonstitution ,Die Kirche in der Welt von heute‘ (Gaudium et Spes) ausgedrückt. Dort heißt es in Nr. 1: ,Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.‘ Das, was hier von Volk Gottes, der Kirche insgesamt konkretisiert in der Ortskirche, der Gemeinde vor Ort gesagt wird, weist auch dem Diakon seinen Platz zu.
Papst Benedikt XVI. betont es noch einmal in seiner ersten Enzyklika ,Deus Caritas est‘: ,Das Wesen der Kirche drückt sich in einem dreifachen Auftrag aus: Verkündigung von Wort Gottes, Feier der Sakramente, Dienst der Liebe. Es sind Aufgaben, die sich gegenseitig bedingen und nicht voneinander trennen lassen. Der Liebesdienst ist für die Kirche nicht eine Art Wohltätigkeitsveranstaltung, die man auch anderen überlassen könnte, sondern er gehört zu ihrem Wesen, ist unverzichtbarer Wesensausdruck ihrer selbst.‘ (DCE 25)
Ich habe den Eindruck, dass dieser Anspruch in unseren Gemeinden immer deutlicher wahrgenommen wird. War es früher des öfteren so, dass der Caritas- oder Sozialkreis ein eher schattenhaftes Dasein führte und sich in erster Linie in einer gewissen Mildtätigkeit an der Pfarrhaustür verwirklichte oder gegen Ende des Jahres, wenn festgestellt wurde, dass der Caritasetat kaum angerührt war, ganz schnell, weil es Vorschrift war, dieses Geld einer sozialen Institution zugewiesen wurde, so gibt es heute eine Vielfalt von ermutigenden Initiativen, welche die Diakonia und mit ihr das diakonische Bewusstsein belegen. Seelsorge ist immer auch diakonisch. ... Dienst am Sakrament und am Wort sind nicht eigene Welten, sondern untrennbar mit der Diakonie verbunden. Deswegen sind Sie als Diakone auch nicht für eine sozial geprägte Aufgabe wegdelegiert, sondern bringen ... das, was Sie als diakonischen Dienst in der Kirche vor Ort leisten, auch wieder zum Altar. Deswegen steht der Diakon auch während der Eucharistiefeier mit am Altar. So bringen Sie Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen hin zum Herzen Jesu."
Weihbischof Werner Guballa an einem Studientag für Ständige Diakone im Februar 2011
Zur Sache
Was bedeutet Pastoral?
Das Wort Pastoral bezeichnet umfassend das Handeln der Kirche im Dienst an den Menschen. Dazu gehören wesentlich: Liturgia (Liturgie/Feier des Gottesdienstes), Diakonia (Diakonie/Dienst am Nächsten) und Martyria (die Verkündigung des Wortes Gottes/der frohen Botschaft). Nicht eine dieser drei „Säulen" allein, sondern ihr Zusammenwirken macht christliches und gemeindliches Leben aus. (mw)