„Burn-Out gibt es dort nicht"
Junge Erwachsene aus dem Bistum haben das Sternsinger-Beispielland 2012 kennengelernt
Von Anja Weiffen

© Kirchenzeitung
Kinder helfen Kindern in aller Welt - ein Prinzip des Kindermissionswerks „Die Sternsinger". Aber: Es geht nicht nur ums Helfen, auch ums Verstehen. Wie leben die Nicaraguaner, wie leben ihre Kinder?

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Ein Land der Gegensätze - so bringen die beiden jungen Frauen ihre Eindrücke auf den Punkt. Nadine Wacker (20) aus Büdesheim und Sara-Marie Hüser (21) aus Bodenheim sind gerade aus Nicaragua zurückgekehrt. Sie waren mit einer Gruppe aus dem Bistum für anderthalb Wochen in dem Sternsinger-Beispielland. Von Kindern, die Hunger haben, erzählen sie, aber auch von Villen, deren Besitzer „nicht nur reich, sondern richtig reich sein müssen". Sara-Marie Hüser berichtet: „Nicaragua ist ein fruchtbares Land, aber die Menschen könnten mehr draus machen." Sie nennt ein Beispiel: „Es regnet ohne Ende und im Pfarrhaus gibt es kein fließendes Wasser."
Familiäre Gewalt ist ein Problem
Das Unorganisierte, Strukturlose, das sie dort empfunden haben, kann auch vorteilhaft sein. „Die Menschen sind spontaner, sie haben nicht so einen strikten Zeitplan wie in Deutschland. Und Burn-Out gibt es in Nicaragua gar nicht", erzählt Sara-Marie Hüser. Die Lebensart haben sie teilweise schätzen gelernt. Aber: Das gesunde Mittelmaß haben ihrer Meinung nach weder die Deutschen noch die Nicaraguaner gefunden.
Ein Problem dort heißt Gewalt - nicht unbedingt auf der Straße, wie die Reisenden sich haben versichern lassen, sondern in den Familien. Kinder wachsen dort häufig in schwierigen Familienverhältnissen auf, etwa nur mit der Mutter und mit Großmutter und Stiefvater unter einem Dach. Es gibt körperliche Gewalt wie Schläge und Missbrauch. „Oft handelt es sich um verbale Gewalt", sagen sie. Viele Befehle wie „hol mal", „mach mal". Kinder als Handlanger - Nadine Wacker und Sara-Marie Hüser bestätigen Ähnliches aus den Gastfamilien.
Das sind für sie auch Gründe dafür, dass die Gottesdienste in dem Land regen Zulauf haben. „Dort erfahren sie Liebe, Geborgenheit und werden als Individuum geschätzt", sagt Nadine Wacker. Sehr viele junge Leute besuchten die Gottesdienste, die „sehr lebendig sind". Jeden Sonntag gebe es zum üblichen Gottesdienst Kinder- und Jugendgottesdienste. Der Glaube werde generationengerecht vermittelt, auch wenn Pfarreien oft riesig sind. Sie erzählen von einem Pfarrer, der ein paar Stunden zu einer Kirche reiten musste.
Gesprächsstoff Politik: Nicaragua im Wahl-Fieber
Was Sara-Marie Hüser und Nadine Wacker noch aufgefallen ist: Die Nicaraguaner fiebern der Präsidentschaftswahl entgegen (siehe „Stichwort"). Die Politik sorge für den meisten Gesprächsstoff. „Die Menschen haben kein Vertrauen in das politische Sys-tem" - dennoch werde eifrig Partei ergriffen. Nadine Wacker: „Wo malen bei uns Leute schon ihre Hauswand in irgendwelchen Parteifarben an?"
Zur Sache
16 junge Leute, die ehrenamtlich im BDKJ engagiert sind, Jugendpfarrer Markus Konrad, Eric Niekisch vom BDKJ und eine Begleiterin vom Kindermissionswerk nahmen an der Reise teil. Wer Kontakt aufnehmen oder mehr über den Aufenthalt wissen möchte, kann sich an das Referat für Religiöse Bildung im Bischöflichen Ordinariat wenden, Telefon 0 61 31 / 25 36 26. (wei)
Links
Kindermissionswerk "Die Sternsinger"
Hinweis:
Hier können Sie die Themenseite zur Multiplikatorenreise nach Nicaragua aus der Ausgabe Nr. 45 vom 6. November downloaden:

„Der Blick auf Bananen im Supermarkt wird doch ein anderer"
Interview mit Diözesanjugendseelsorger Markus W. Konrad zu den Erfahrungen der Nicaragua-Multiplikatorenreise
Diözesanjugendseelsorger Markus W. Konrad hat eine Gruppe junger Erwachsener aus dem Bistum Mainz nach Nicaragua begleitet. Die Jugendlichen waren als Multiplikatoren zur Vorbereitung der Sternsingeraktion in dem mittelamerikanischen Land, das in diesem Jahr "Beispielland" der Sternsingeraktion 2011/12 ist. Konrad erläutert im Interview mit der Kirchenzeitung die Hintergründe der Reise.
Frage: Warum hat der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) zusammen mit dem Kindermissionswerk die Reise organisiert?
Konrad: Es geht bei der Sternsinger-Aktion nicht nur um finanzielle Unterstützung, es sollen auch inhaltlich und menschlich Brücken gebaut werden. Von Kindern hierzulande zu Kindern in aller Welt, zum Beispiel auch nach Nicaragua. Die jungen Erwachsenen, die mitgereist sind, knüpfen wieder im BDKJ oder in ihren Gemeinden an, sie sind Multiplikatoren. Dort haben sie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Leuten zu tun, denen sie etwas von ihren Reiseerfahrungen erzählen können. Sie haben sicherlich besseren Zugang zu ihnen als Erwachsene. Die Reise sollte sie selbst für die Probleme, aber auch die schönen Dinge in Nicaragua sensibilisieren.
Welche Bedeutung hat diese Reiseerfahrung für Sie und die Gruppe?
Wir möchten die Sternsinger-Aktion noch stärker auch im Bewusstsein der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Bistum verankern. Ein wichtiger Akzent: Wenn man so ein Land hautnah kennenlernt, wird deutlich, dass Entwicklungshilfe auch eine Hilfe für Helfer selbst ist, um Zusammenhänge und die eigene Situation klarer zu sehen. Dadurch, dass vieles bei uns selbstverständlich ist, entzaubern wir die Welt. Wir bringen uns um die Überraschungen und Wunder des Lebens. Beispielsweise: Menschen, die eigentlich mental von der Tristesse und der Not des Alltags gezeichnet sein müssten, haben eine faszinierende Freude und Lebenslust und strahlen diese aus. Darüber hinaus lässt so ein Kontakt mit einem Land die Frage aufkommen: Wie gehe ich mit den Dingen um, die mir geschenkt sind? Und es wird auch deutlich, dass die Art und Weise, wie wir leben, oft auf Kosten anderer Menschen in dieser Welt geht. Da wird der Blick auf die Bananen im Supermarkt doch ein anderer. Durch so eine Reise werden diese Zusammenhänge ohne den moralischen Zeigefinger verständlich. Die Erlebnisse regen zur Selbstreflexion an. Und durch persönliche Begegnungen in Nicaragua haben wir erfahren: Die Welt ist tatsächlich ein Dorf; wir sind eng miteinander verbunden und aufeinander angewiesen.
Es war begeisternd, die Religiosität der Menschen in Nicaragua zu erfahren. Die Menschen dort identifizieren sich viel stärker mit ihrem Glauben, auch wenn Kirche und einzelne Würdenträger teilweise ungut in Machtstrukturen verstrickt sind. Dennoch ist spürbar: Die Kirche befindet sich an der Seite der Armen. Der Glaube als ein aufrichtendes Moment gibt Menschen Mut zu leben, sich zu entfalten und ihre Rechte einzufordern. Kinderrechte sind ja auch das große Thema, das das Kindermissionswerk im Blick auf Nicaragua in der aktuellen Aktion besonders beleuchtet.
Wie werden die junge Leute als Multiplikatoren wirken?
Sie können Bilder von der Reise nach einem Gottesdienst zeigen oder in einer Gruppenleiterrunde ihre Erlebnisse teilen. Es waren junge Erwachsene aus allen Bereichen unserer kirchlichen Jugendarbeit dabei: aus Dekanaten, aus Verbänden, junge Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr machen oder mit Schülern arbeiten. Und diese jungen Leute berichten sicherlich nicht nur im innerkirchlichen Raum, sondern auch in Freundeskreisen, am Arbeitsplatz und im Studium.
Wie wurde die Reise finanziert?
Sie wurde in deutlichem Maß unterstützt durch Mittel des Kinder- und Förderplans des Bundes. Es liegt im Interesse der Politik, dass junge Menschen Zusammenhänge in der Welt verstehen. Bedingung so einer Reiseförderung aber ist, dass sich Menschen dabei begegnen.
Interview: Anja Weiffen