Mit den Tränen der Schöpfung
Uwe Becker ist Kräuterkoch in der Tradition der Hildegard von Bingen
Von Bernd Buchner

Kräuterkoch Uwe Becker vermittelt sein Wissen als „Geschmacksreiseleiter". Foto: Bernd Buchner
© Kirchenzeitung
Jeder kennt Fenchel, Kümmel oder Muskatnuss. Aber wer hat schon von Galgant, Zitwer oder Habichtskraut gehört? Alle diese Gewürze sind Bestandteil einer Kräutermischung, die der Mainzer Koch Uwe Becker kreiert hat. In Kursen vermittelt der 46-Jährige das Gesundheitswissen Hildegards von Bingen.
Kräuter, sagt Becker, sind die Tränen der Schöpfung: einerseits giftig, andererseits heilsam. Muskat etwa, ohne das keine Kartoffelsuppe richtig schmeckt, enthält Blausäure, kann in hohen Dosen tödlich sein. Oder Diptan, das nur wenige kennen, weil in Mitteleuropa selten: Die Blüte ist giftig, führt zu Verkrampfungen. Die Wurzel des „brennenden Buschs" ist dagegen genießbar und hat die Kraft, Blutfette abzubauen, wirkt sich also positiv auf den Cholesterinspiegel aus.
Das alles wusste schon Hildegard von Bingen (1098 - 1179), eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des hohen Mittelalters. Küchenfachmann Becker hat ein besonderes Faible für die berühmte Nonne, die für ihn viel mehr als nur eine „Kräuterfrau" war. Gesundheitsexpertin, Heilkundige, Mystikerin, Musikerin, Theologin - „Hildegard war gedanklich global aufgestellt", erläutert Becker, der bis zum vorigen Jahr das Hildegard-Forum der Kreuzschwestern auf dem Binger Rochusberg leitete.
„Die Menschen sollen sich beizeiten um ihre Gesundheit kümmern, nicht erst, wenn sie krank sind": Das und vieles mehr hat der gebürtige Aschaffenburger von Hildegard gelernt. „Jedem Menschen wollte sie einen guten Rat mitgeben. Ihr ging es nicht um das Kraut, sondern ums Prinzip. Sie wollte mehr Menschlichkeit." Skeptisch steht Becker deshalb jeglicher Ideologie rund um die populäre Binger Klosterfrau gegenüber.
Die Essgewohnheiten der hektischen Gegenwart sind für den gelernten Koch ein Gräuel. „Wir entziehen uns unsere eigene Kraft", klagt er. Und: „Wir driften gerade ab. Die Dekadenz der Ernährung ist sehr weit fortgeschritten." Im Supermarkt fühlt sich Becker „wie in einem Urwald, in dem hinter jedem Lebensmittel ein wildes Tier steht." Beispiel: Erdbeeren im Januar, oder aber Rinderhackfleisch, das mit 30 Prozent Weizenmehl und roter Beete versetzt ist.
Die Bedenken angesichts von Industrietricks und Verbraucherverhalten verbindet Becker aber auch mit Skepsis gegenüber dem eigenen Berufsbild als Koch: „Ich sehe keinen Lebenssinn darin, die fetten Bäuche noch fetter zu machen." Stattdessen will er die Menschen „sensibel machen, um sich gesund zu ernähren". Ziel des 46-Jährigen, der zurzeit als Küchenleiter in der Mainzer Jugendherberge arbeitet, ist ein eigener Kräuteranbaubetrieb, in dem Menschen mit oder ohne Handicap tätig sind.
Kurse für gesunde Ernährung bietet Becker, der auf der Plattform xing als „Geschmacksreiseleiter" unterwegs ist, im Internet unter www.kraeuterkoch.de an. In den mehrstündigen Veranstaltungen, zumeist im häuslichen Rahmen, lässt sich von ihm lernen, welche Kräuter sich gut erhitzen lassen und welche nicht, auf welche Weise Kastanienmehl die Gehirntätigkeit fördert oder wie man Hefeextrakt als Geschmacksverstärker vermeidet.
In Schulen will er die „Lust am Lebensmittel" wecken. „Wenn ein Kind lernt, wie ein Pfannkuchen fliegt, interessiert es sich auch für die Füllung", sagt der Vater zweier Töchter (13 und 10). „Wenn in unserer Ernährung etwas geändert werden soll, dann nur über die Kinder."
Seine Kräutermischung, die zehn Sorten enthält, hat sich Becker schützen lassen. Gemeinsam mit dem Mainzer Weinhaus Michel hat er eine Palette von Tropfen kreiert, die mit seiner Mischung gewürzt sind. Vom geistlichen Getränk ist es für den Katholiken nicht weit bis zu einer ganz anderen Seite der Nahrungsaufnahme: „Die Spiritualität des Kochens ist ein spannendes Thema", sagt Becker, der bis 2008 Koch an der Mainzer Bistumsakademie Erbacher Hof war. „Wenn ich Zeit habe, schreibe ich ein Buch darüber."
Zur Sache
Gründonnerstagssuppe à la Kräuterkoch Becker
Zutaten:
1 Stange Lauch
50 g Spinat
50 g Salatblätter
je 2 Stängel Sauerampfer, Bärlauch und Petersilie
1 TL Kräutermischung „Hl. Hildegard"
1 Liter Gemüsebrühe
3 Scheiben Brot
20 g Butter
2 EL Pflanzenöl
1 EL Mehl
1 Knoblauchzehe
1 Zwiebel
Salz
1 Eigelb
50 ml Sahne
Zubereitung:
Das Brot in Würfel schneiden und in Butter anrösten, danach zur Seite stellen. Lauch in kleine Streifen schneiden und in Öl anschwitzen, klein gehackte Zwiebel und Knoblauch dazugeben.
Dann mit dem Mehl stäuben und mit der kalten (!) Gemüsebrühe ablöschen und aufkochen.
Die restlichen Zutaten in feine Streifen schneiden und dazugeben, anschließend nach Geschmack würzen.
Kurz vor dem Anrichten das Eigelb mit der Sahne verrühren und dazugeben, nicht mehr kochen!
Die gerösteten Brotwürfel über die Suppe geben.
Diesen Beitrag lesen Sie auch in der gedruckten Ausgabe von "Glaube und Leben" Nr. 15 vom 10. April 2011.