Sieben Wochen Gewinn
Ökumenische Fastenaktion am Rheinufer mit Überraschungsgästen
Von Nicole Weisheit-Zenz

Pastoralreferentin Maria Grittner-Wittig von der katholischen Cityseelsorge (links) und die evangelische Pfarrerin Isabel Hartmann genießen Tee aus dem Weltladen in der Nähe der Christophsruine in Mainz. Foto: Nicole Weisheit-Zenz
© Kirchenzeitung
Kirchliche Angebote zur österlichen Bußzeit gibt es viele. In Mainz wollen zwei Seelsorgerinnen Fasten anders vermitteln. Sie sehen Verzicht realistisch: Um ihn durchzuhalten, muss er schmackhaft sein.
„Jeder Mensch braucht ab und zu ein wenig Wüste" (Sven Hedin) steht auf den Ankündigungsplakaten, die eine Karawane in karger Landschaft zeigen. Ganz anders am Rheinufer: Blauer Himmel, die Vögel zwitschern, Frühling liegt in der Luft. Hier treffen sich sieben Wochen lang jeden Montag Menschen zum 45-Minuten-„Fasten-Imbiss". Bei jedem Wetter zunächst unter freiem Himmel.
„Es ist keine geschlossene Gesellschaft"
„Alle sind eingeladen, sich an unserer ökumenischen Aktion zu beteiligen", betont Maria Grittner-Wittig, Pastoralreferentin der katholischen Cityseelsorge. Sie ist unterwegs auf einem „Probelauf" mit Stadtkirchenpfarrerin Isabel Hartmann, mit der sie schon einige Kooperationsprojekte organisiert hat. „Jeder Termin steht für sich, man kann in den Wochen vor Ostern jederzeit dazukommen - es ist also keine ,geschlossene Gesellschaft'", sagt die evangelische Kollegin lachend.
Sinn macht es, vorab ein persönliches Fastenprojekt zu finden. Um die üblichen Vorsätze wie „aufhören zu rauchen" oder „weniger Süßes" soll es jedoch nur am Rande gehen. „Wer fastet, entscheidet sich bewusst für eine kleine Änderung seiner Gewohnheiten, die sich im Laufe der Zeit eingespielt haben", sagt die Pfarrerin. „Warum sollte man nicht einmal etwas davon anders machen, um zu prüfen, ob man es wirklich braucht?" Vorhaben gibt es viele: Statt vor dem Fernseher zu sitzen, könnte man zur Bibel oder zu einem anderen guten Buch greifen, statt durchs Internet zu surfen, meditieren oder Freunde treffen. „Es soll kein Leistungsdruck dahinterstehen, sondern der Gedanke, etwas auszuprobieren und dabei nicht gleich aufzugeben", erläutert Maria Grittner-Wittig. Sie möchte auf das Gläschen Wein am Abend verzichten, das eigentlich nur müde macht, und stattdessen in einem Tagebuch festhalten, wofür sie dankbar ist. Isabel Hartmann hat sich vorgenommen, wöchentlich einen Ermutigungsbrief an verfolgte Christen zu schreiben.
„Wieder mehr leben statt gelebt zu werden"
Aus Erfahrung wissen sie, dass es leichter fällt, wenn man sich mit anderen über die eigene Fas-ten-Erfahrung austauscht. Vom Rheinufer aus legt die Gruppe daher im Gespräch eine kurze Wegstrecke zurück, immer zu einem nicht alltäglichen Ort. Die Ruinenkirche St. Christoph, wo sich Isabel Hartmann und Maria Grittner-Wittig nun ein Päuschen gönnen, könnte eine Rolle spielen. Das Besondere ist, dass jede Woche ein Überraschungsgast über Verzicht und Gewinn sprechen wird. Etwas im Leben dieser Personen ist ungewöhnlich, sei es aufgrund einer körperlichen Einschränkung, einer Wendung im Leben oder aus einer Entscheidung heraus. Dann gibt es jeweils eine kleine Stärkung. Auch die Seelsorgerinnen genießen eine Tasse frischen Tee aus dem Weltladen um die Ecke. „Wir möchten vermitteln, dass der Verzicht auf etwas auch einen großen Gewinn an neuer Freiheit bedeuten kann", betont Maria Grittner-Wittig. Sie fügt hinzu: „Um einen neuen Blick auf sich selbst zu gewinnen und wieder mehr zu leben statt gelebt zu werden."
Die Fastenaktion findet ab 14. März jeden Montag um 17.30 Uhr statt. Treffpunkt: Rheinufer in der Nähe des Mainzer Rathauses. Es ist keine Anmeldung erforderlich, es entstehen keine Kosten. Kontakt: Maria Grittner-Wittig, Telefon 06131 / 22 18 69
Diesen Text lesen Sie in der gedruckten Ausgabe Nr. 11 vom 13. März 2011.