Religion heißt Pause machen

Immer mehr Menschen brennen aus: Neue pastorale Richtlinie hat Burnout-Syndrom zum Thema

Pfarrer Winfried Hommel, Leiter des Instituts für Geistliche Begleitung in Mainz Foto: privat

Pfarrer Winfried Hommel, Leiter des Instituts für Geistliche Begleitung in Mainz Foto: privat

© Kirchenzeitung

30 Seiten lang beschäftigt sich die Richtlinie Nr. 17 mit dem Burnout (Ausbrennen), um kirchliche Mitarbeiter da­rauf aufmerksam zu machen. Pfarrer Winfried Hommel hat an dem Papier mitgewirkt. Als Leiter des Instituts für Geistli­che Begleitung bekommt er es immer öfter mit erschöpften Menschen zu tun.

Kardinal Karl Lehmann schreibt im Vorwort der Richtlinie, dass das Phänomen im Bistum Mainz in allen Arbeitsfeldern zu finden ist. Denken Sie, dass Mitarbeiter der katholischen Kirche besonders gefährdet sind?

Sicher sind Mitarbeiter im kirch­lichen Dienst nicht mehr oder weniger gefährdet als Menschen in anderen Arbeitsverhältnissen. Allerdings gibt es im pastoralen Dienst und bei der Caritas glück­licherweise noch viele hoch mo­tivierte Mitarbeiter, die durch ihr Engagement besonders gefährdet sind. Besonders wo Menschen mit anderen Menschen und deren Notlagen zu tun haben, kann es zum Ausbrennen und zur totalen Erschöpfung kommen.

Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe, dass Burnout immer öfter festgestellt wird?

Burnout passiert nicht von eben auf jetzt, sondern ist ein schlei­chender Prozess. Hier wirken die persönliche Biografie, er­lernte Verhaltensmuster, aber auch die Kultur einer Organisation ineinander.

Im pastoralen Dienst gelten be­sonders Idealbilder als Burnout-Verursacher, die die Berufswahl bestimmen und von der Realität eingeholt werden. Dazu gehören hohe Erwartungen an sich selbst und Erwartungen der Menschen, zu denen die Mitarbeiter gesandt werden. Erwartungen und Ideale treffen allerdings auf eine Rea­lität, die geprägt ist von immer weniger Personal und gleich­zeitig von einem schwindenden Interesse an Kirche und ihrem Angebot. Die Situation, in einem Unternehmen zu arbeiten, das immer mehr von Sparzwängen und Bedeutungsverlust geprägt ist, lässt die eigene Motivation nach anfänglichem Aufbäumen und Hoffen auf eine Wende bei vielen sinken.

Das führt zu immer weniger Erfolgserlebnissen und zu einer oft tiefen Sinnkrise. Im Bereich der Caritas, besonders der pfle­genden und dienstleistenden Be­rufe, spielen Arbeitsverdichtung, Personalmangel und erhöhter Zeitdruck eine bedeutende Rolle. Das ursprüngliche Motiv, bei „Ca­ritas" zu arbeiten, weil dies eine christliche, kirchliche Institution ist und ich hier meine Ideale im Umgang mit Menschen verwirkli­chen kann, wird bei vielen immer öfter enttäuscht. Eine wichtige Rolle spielen auch Probleme innerhalb der Organisation, wie leitungs- und kommunikations­unfähige Vorgesetzte, unklare Aufträge und wenig Achtung der Fähigkeiten der einzelnen Mitarbeiter innerhalb ihres Be­rufsfeldes.

Wie kann der christliche Glau­be als Stütze dienen, um aus so einer Krise herauszukommen oder ihr vorzubeugen?

Eine der kürzesten Definitionen von Religion ist: Unterbrechung. Unterbrechung und Innehalten und dadurch einen Abstand zu gewinnen von der Vorstellung einer Allzuständigkeit, eines Alleinverantwortlichseins oder gar einer Allmachtsphantasie, die mich als Menschen nur überfor­dern, mich unmenschlich werden lassen im Umgang mit mir selbst und mit anderen.

In der Schrift heißt es: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Das Vertrauen in Gott, seine An­wesenheit und Begleitung, kann mich lehren, mich selbst ernst zu nehmen mit meinen Grenzen. Ohne die Hände untätig in den Schoß zu legen, darf ich glauben, dass die letzte Verantwortung für die Menschen und seine Kirche bei Gott selbst liegt. Ignatius von Loyola: „Vertraue so auf Gott, als ob der Erfolg der Dinge ganz von dir, nicht von Gott abhinge; wen­de dennoch dabei alle Mühe so an, als ob du nichts, Gott allein alles tun werde."

Was erfahren Sie in der Geistlichen Begleitung?

Das Thema Erschöpfung kommt direkt oder indirekt immer häufiger in den Gesprächen vor. Meist verbunden mit konkreten belastenden Situationen oder gar der grundsätzlichen Frage nach dem Sinn meines beruflichen Handelns. Diese Fragen betreffen dann nicht nur den Menschen in der Rolle als Pfarrer, Gemein­dereferentin, Krankenschwester oder Abteilungsleiter, sondern berühren tiefere Schichten seines Selbstbilds. Werde ich noch gebraucht, ist meine Arbeit sinnvoll, stimmt mein Lebensent­wurf... In der Geistlichen Beglei­tung geben wir Gelegenheit, sich an diese Fragen heranzuwagen. Wir stärken den Impuls, das Alltagskarussell zu unterbrechen und so zur Ruhe und Besinnung zu kommen.

Vor allem weiten wir den Blick, dass es bei dem Thema nicht um ein persönliches Versagen geht, sondern um ein komplexes Geschehen. So schauen wir miteinander nach notwendigen Schritten, die eine Veränderung der Situation ermöglichen. Geistliche Begleitung nimmt den ganzen Menschen in den Blick und fragt nach seinem Heil.

Es ist der Eindruck entstanden, dass Burnout nur Führungskräf­te triff. Aber sind nicht Men­schen auf unteren Hierarchie­stufen genauso oder sogar viel mehr gefährdet, da sie weniger Möglichkeiten haben, Stress zu kompensieren?

Tatsächlich sind die Menschen in allen Berufssparten und Hierar­chiestufen von Burnout gefähr­det und Erfahrung zeigt dies auch. Das Bewusstsein dafür ist möglicherweise unterschiedlich ausgeprägt. Während die einen schneller die Erschöpfung wahr­nehmen und sich zum Beispiel krankschreiben lassen oder eine Auszeit nehmen, meinen die anderen, es gehöre zur notwen­digen Selbstdarstellung oder es werde von ihnen erwartet, an der persönlichen Grenze zu arbeiten und darüber hinaus.

Was sind die praktischen Konsequenzen der Richtlinie?

Mit der Richtlinie wird das Thema Burnout im Raum der Seelsorge und Caritas aus einem gewissen Tabu geholt. Es wird anerkannt, dass es sich da­bei nicht um ein persönliches Versagen handelt, sondern es vielmehr ein Zusammenspiel verschiedenster Ursachen ist, wie der persönlichen Veranla­gung, aber auch struktureller und organisatorischer Ursachen. Die Mitarbeiter erhalten mit der Richtlinie Hinweise, um mög­lichst früh Symptome zu erken­nen. Sie bekommen aber auch Unterstützung, indem sie sich an ihre Mitarbeitervertretungen (MAVen), oder die Hauptamt­lichen sich an das „Institut für Geistliche Begleitung" wenden können. Vorgesetzte werden zu einer erhöhten Aufmerksamkeit gegenüber den Ursachen von Er­schöpfung und Burnout angehal­ten. Eine besondere Rolle spielt für diese auch die Reflexion ihres eigenen Führungs- und Leitungs­stils. In diesem Jahr sind noch eine Reihe von Fortbildungen für MAVen und Leitungsverantwort­liche geplant, so dass zu hoffen ist, dass die Richtlinie nicht nur Papier bleibt.

Wann sollen Maßnahmen grei­fen? Präventiv oder erst, wenn Burnout diagnostiziert wurde?

Natürlich muss es für beide Situationen Hilfen und Maßnah­men geben. Wie die Broschüre ausführt, ist es bei auftretenden Symptomen möglich, die MAVen oder das Institut zu kontaktieren, um die nächsten Schritte zu klä­ren. Gegebenenfalls ist eine Su­pervision der nächste Schritt und /oder ärztliche Hilfe. Im Rahmen der Prävention sind besonders die Veranstaltungen des „Insti­tuts für Geistliche Begleitung von Hauptamtlichen in Seelsorge und Caritas" zu nennen wie auch aus­gewiesene Veranstaltungen der Abteilung Fortbildung. Darüber hinaus vermitteln beide Einrich­tungen weitere Hilfen.

Welches Bibelwort geben Sie erschöpften Menschen mit auf den Weg?

Kohelet 3,1 „Alles hat seine Zeit" und Matthäus 6, 25 bis 33 „Sorgt euch nicht um euer Leben".

Fragen: Anja Weiffen

Dieses Interview lesen Sie auch in der gedruckten Ausgabe von "Glaube und Leben" Nr. 17 vom 24. April 2011  (Ostern).

 

Pastorale Richtlinie Nr. 17

Pastorale Richtlinie Nr. 17 - auch zum kostenlosen  Download

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Sache

Stichwort Burnout

Der Begriff Burnout bezeich­net in Literatur und Medien den Prozess des Ausbrennens über Monate und Jahre, zudem den (End-)Zustand von totaler Erschöpfung. Dann oft mit dem Zusatz „Syndrom", da es sich um eine Vielzahl von Symptomen handelt. Dabei ist Burnout nicht einfach als Folge von Stress zu verstehen, sondern vielmehr als die Konsequenz von dauerhaft unbewältigbarem Stress. Die neuere Forschung belegt, dass nicht nur die Seele, sondern auch in gefährlichem Ausmaß Immun­system, Herz, Organe und das Gefäßsystem Schaden nehmen. (aus: Richtlinie Nr. 17)

Die Broschüre

Die vom Bistum herausgegebene Richtlinie Nr. 17, die als Broschü­re vorliegt, soll solide über das Phänomen „Burnout" infor­mieren. Sie stellt Vorbeugungs­maßnahmen vor und erläutert, wie Menschen, die ausgebrannt sind, geholfen werden kann. Anregungen, um die psychische Gesundheit zu fördern, finden sich ebenso in der Broschüre wie ein Fragebogen zum Selbsttest. Darüber hinaus bietet das Papier Adressen von Kliniken und Lite­raturempfehlungen. Die Richt­linie kann hier heruntergeladen werden.

Weitere Infos: Personaldezernat, Telefon 0 61 31 / 25 34 06