Wir sind ein hartnäckiger Orden

Seit 50 Jahren besteht das Kloster Jakobsberg im rheinhessischen Ockenheim

Von Karl-Heinz Bungert
Schnee lag rund um das Kloster der Missionsbenediktiner auf dem rheinhessischen Jakobsberg, als der Erzabt kurz vor Weihnachten zu Besuch kam. Von links: Bruder Leonhard Steuer, Erzabt Jeremias Schröder, Prior Aurelian Feser, Pater Gallus Kappl Foto: Karl-Heinz Bungert

Schnee lag rund um das Kloster der Missionsbenediktiner auf dem rheinhessischen Jakobsberg, als der Erzabt kurz vor Weihnachten zu Besuch kam. Von links: Bruder Leonhard Steuer, Erzabt Jeremias Schröder, Prior Aurelian Feser, Pater Gallus Kappl Foto: Karl-Heinz Bungert

Seit 50 Jahren wirken die Missionsbenediktiner von St. Ottilien auf dem Jakobsberg bei Ockenheim. Fragen zu diesem Jubiläum an Erzabt Jeremias Schröder.

Frage: Kloster Jakobsberg ist seit dem 19. Dezember 1960 abhängiges Priorat Ihrer Erzabtei St. Ottilien. Wie beurteilen Sie diese Zeit für die Missionsbenediktiner?

Erzabt Jeremias: Für uns Missionsbenediktiner war das eine rundherum gute Zeit. Wir haben hier tiefe Wurzeln geschlagen und sind mit dem Land, den Menschen und der Kirche sehr verbunden. Viele von uns haben hier Jahre und Jahrzehnte gearbeitet und gelebt, und gleichzeitig haben wir junge Mönche aus diesem Landstrich bekommen.

Erzabt Suso Brechter führte 1960 unter anderen als einen Grund zur Besiedlung des Jakobsbergs an: „Stützpunkt für Missionspropaganda". Sieht das St. Ottilien heute noch so?

Als Erzabt Suso den benediktinischen Jakobsberg begründete, da hatte er ganz andere Sorgen. Er wollte ein Reservekloster haben, falls die Missionare aus Afrika vertrieben würden. Es kam dann aber ganz anders: Viele Unabhängigkeitskämpfer in Afrika waren ja selbst durch die Missionsschulen gegangen, und die katholische Kirche konnte ganz selbstverständlich weiterarbeiten, auch mit ausländischen Missionaren.

Der Jakobsberg wurde deshalb nicht mehr als Reserve gebraucht, aber wir sind ja ein hartnäckiger Orden. Da, wo wir anfangen, gehen wir nicht leicht wieder weg. Neben der Landwirtschaft und der Mithilfe in Seelsorge und Schulen entstanden dann in den 1980er Jahren das Bildungshaus und das Jugendhaus, die heute aus der kirchlichen Landschaft eigentlich nicht mehr wegzudenken sind.

Trotzdem hat der Jakobsberg aber immer auch den Blick in die Mission beibehalten. Ein kleines Patenkloster in Sambia wurde wesentlich durch die Mithilfe von Wohltätern aus der hiesigen Region aufgebaut. Die Stärke unserer Klöster ist die weltweite Vernetzung, und das kommt auch hier auf dem Berg zum Tragen.

Wenn ich ein Luftbild des Jakobsbergs anschaue, staune ich über den doch beträchtlichen Klosterkomplex, nur eine große Abteikirche fehlt. Gibt es noch den Wunsch nach Selbstständigkeit, wie ihn der erste Prior Emmanuel heimlich hatte? Oder tut dem Kloster Jakobsberg die Abhängigkeit auf Dauer gut?

Die Abteikirche wäre das kleinste Problem. Zur Selbstständigkeit würde dann auch ein eigenes Noviziat gehören, und eine Station für die kranken und sehr betagten Mitbrüder. Das würde den Jakobsberger Rahmen sprengen, glaube ich.

Es gibt aber auch in unserer Kongregation eine alte Erfahrung: Sehr kleine Gemeinschaften sind auf Dauer kaum lebensfähig, wenn sie völlig selbstständig da stehen. Klöster wie der Jakobsberg bekommen ihre Atemluft und auch ihren weiteren Horizont aus der Anbindung an eine größere Gemeinschaft, wie das St. Ottilien ist. Dieses Modell bewährt sich vielerorts in der Welt, und ich glaube, dass eine Selbstständigkeit des Jakobsbergs von niemandem ernsthaft gewünscht wird.

In den letzten Jahren fällt der häufige Personalwechsel auf dem Jakobsberg auf. Aber ein Blick in die Namensliste seit 1961 zeigt, das war mit Ausnahme von fünf Mönchen immer so. Woran liegt dies?

In einem großen Kloster kann man im Laufe eines langen Klosterlebens ganz verschiedene Aufgaben übernehmen, die der eigenen Entwicklung angepasst sind. In einem kleinen Kloster gibt es nur eine begrenzte Anzahl von Aufgaben.
Dazu kommt auch, dass Gemeinschaftsleben ja nicht immer nur ein Kinderspiel ist. Manchmal entwickeln sich mitbrüderliche Beziehungen so, dass man sagen muss: Das war jetzt eine gute und schöne Zeit, aber für die Zukunft ist ein anderer Einsatzort dran.

Auf der anderen Seite kann das Kloster stolz sein: Vier „Jakobsberger" gingen in die Mission, zwei wurden Abt. Also muss es doch etwas Besonderes hier geben?

Ob das mit den Äbten zusammenhängt, weiß ich nicht genau, aber aus meiner langen Vertrautheit mit dem Jakobsberg und den Menschen hier am Rhein kann ich vielleicht drei Charakterzüge nennen, die mir hier positiv auffallen: Menschlichkeit, Freiheit von Dünkel, und Humor. Das alles ist fürs Klosterleben sehr hilfreich, und vielleicht auch für die Übernahme von Leitungsaufgaben.

Die Schwestern des Ordens „Benedictine Sisters of the Eucharistic King" (Benediktinerinnen vom Eucharistischen König) aus den Philippinen wurden vom Konvent Jakobsberg und auch von Ihnen hierher geholt. Worin liegt die daraus folgende Fürsorge für ihr Kloster?

Für uns auf dem Berg ist es eine große Bereicherung, dass es neben dem Männerkloster auch noch diese Frauengemeinschaft gibt. Uns ist wichtig, dass die Schwestern nicht nur als Dienstleisterinnen wahrgenommen werden, sondern dass sie auch benediktinisches Gemeinschaftsleben verwirklichen können, dass wir sozusagen zu einem Doppelkloster geworden sind. Als Missionsbenediktiner schauen wir sowieso in die ganze Welt hinaus. Jetzt konnten wir etwas von dieser weiten Welt hierherbringen, das freut uns besonders.

Wie sehen Sie die Zukunft der beiden jetzigen Konvente, Mönche und philippinische Ordensfrauen?

Die Gemeinschaft ist nicht mehr so zahlreich wie früher, aber ich halte sie für sehr zukunftsträchtig. In einer Zeit, in der die Kirche sich kraftvoll neu besinnen muss, werden die Klöster wohl noch wichtiger werden. Die Diözese Mainz erkennt das und arbeitet sehr positiv mit uns zusammen. Der Jakobsberg wird als Klosterort für immer mehr Menschen ein Bezugspunkt werden, vermute ich.

Das neue Kloster ist auch in Kooperation mit dem Bistum Mainz entstanden. Stellvertretend für das Interesse der Diözesanleitung an diesem Kloster seien Kardinal Volk mit Weihbischof Rolly, jetzt Kardinal Lehmann und Domkapitular Nabbefeld genannt. Wie erfolgt die Kommunikation zwischen Ihnen persönlich, St. Ottilien und Mainz?

Wir Benediktiner sind von Natur aus dezentral, und alles Wichtige soll zunächst vor Ort abgehandelt werden. Das passiert auch regelmäßig, und die Zusammenarbeit unserer Mitbrüder hier mit den Verantwortlichen in Mainz ist sehr herzlich und vertrauensvoll. Gelegentlich, bei ganz wichtigen Fragen, komme ich auch mit ins Spiel.

Zu den Verantwortlichen in Mainz - und ich würde da neben dem lieben Kardinal und Domkapitular Nabbefeld noch Weihbischof Guballa und Generalvikar Giebelmann nennen - habe ich einen direkten Draht und auch eine sehr angenehme persönliche Beziehung.

Zum Schluss noch die Frage. Was wünschen Sie dem benediktinischen Kloster Jakobsberg zum 50-jährigen Bestehen?

Für den Jakobsberg wünsche ich mir jedenfalls, dass er als betende Gemeinschaft noch mehr Leuten helfen kann, ihr christliches Leben zu vertiefen, und dass auch weiterhin von Zeit zu Zeit junge Leute über den Jakobsberg den Weg zum Mönchsleben in St. Ottilien finden. Und ganz besonders wünsche ich den vielen Freunden und Wohltätern des Klosters ein gesegnetes Jahr 2011.


Stichwort

Kloster Jakobsberg

·    19.Dezember 1960 Kauf
·    30. Januar 1961 Einzug der Mönche von St. Ottilien und zwei Ordensfrauen aus dem Benediktinerinnenkloster St. Alban am Ammersee
·    1973 erste große Kapellenrestaurierung
·    1980 bis 1983 Neu- und Umbauten
·    1992 Bau des Bildungshauses
·    um 1999 Rückruf der Albanschwestern wegen Personalmangel
·    2008 Einzug der benediktinischen Schwestern aus den Philippinen als selbstständiger Konvent
·    2008 zweite große Kapellenrestaurierung

Zur Person

Erzabt Jeremias Schröder

·    1964 in Mindelheim geboren
·    1984 Abitur und Eintritt in die Erzabtei St. Ottilien
·    1985 bis 1990 Studium der Philosophie und Theologie in Rom
·    1990 bis 1994 Studium der Geschichte in Oxford
·    1992 Priesterweihe
·    1994 bis 2000 Sekretär des Erzabts von St. Ottilien, „Zelator" (Zweiter Novizenmeister), Archivar, Schriftleiter der Zeitschriften „Missionsblätter" und „Jahrbuch St. Ottilien", Mitwirkung bei der China-Arbeit des Ordens
·    Oktober 2000 Wahl und Weihe zum Erzabt von St. Ottilien, damit zugleich Abtpräses der Missionsbenediktiner (1100 Mönche in 17 Klöstern)