Wieder eintreten„Ich bin nämlich aus der Kirche ausgetreten“. Da ist er, der Satz, oft fällt er irgendwann, wenn ich mit Fremden ins Gespräch komme, im Zug oder bei einer Fete. Am Anfang steht die übliche Frage: Was machen Sie denn so, beruflich? Und wenn ich, katholische Theologin, dann erzähle, dann sind wir ganz schnell bei Kirche, Papst und auch beim Glauben und bei Überzeugungen. „Ich bin nämlich aus der Kirche ausgetreten“. Der Satz kommt eigentlich selten laut oder aggressiv, meistens eher verhalten, manchmal fast schon verschämt. Mancher möchte dazu gar nichts weiter erklären. In einem Focus-Interview hat Jutta Speidel, die Fernseh-Schwester Lotte, vor kurzem knapp geantwortet: „Dazu möchte ich nichts sagen.“ Andere reden sich ihre Enttäuschung von der Seele: Dass sie als Kind Angst hatten vor einem Gott, der alles sieht. Dass die Beichte ihnen ein Grauen war, weil man dort Sünden erfinden musste, denn man hatte ja gar nichts groß falsch gemacht. Dass der Pfarrer in der Heimatgemeinde einen damals so unglaublich geärgert oder zutiefst verletzt hat. Und auch: Dass es die Kirche anscheinend ohnehin gar nicht kümmert, ob man Mitglied ist oder nicht – gemeldet hat sich nach dem Austritt jedenfalls keiner. Natürlich ist manchmal auch das liebe Geld ein Grund für den Kirchenaustritt, meistens aber eher ein Anlass – die Enttäuschung war oft schon vorher da. Vieles kann ich verstehen, wenn ich mit den Leuten rede – Enttäuschungen erlebe ich ja schließlich auch, wenn ich in die Kirche gehe und wenn ich für sie arbeite. Ich will auch keinen einfach so wieder zurück ziehen. Aber ich sage in solchen Gesprächen dann auch ganz gerne, warum ich trotz allem noch drin bin in dieser Kirche: Weil ich dankbar bin, dass sie einen Glauben weitergereicht hat, über Jahrtausende hinweg, der mir heute Vertrauen gibt und Lebenslust. Weil ich sehe, wie viele Menschen sich, oft im Stillen, in dieser Kirche für andere einsetzen, sie besuchen, sie trösten. Weil ich meinen Glauben in einer Gemeinschaft leben möchte, mit anderen zusammen. Es sind gar nicht so wenige Leute, die dann ganz interessiert schauen. Und oft fallen – nach dem Satz über den Kirchenaustritt - auch andere Sätze wie „An einen Gott glaube ich schon noch“ oder „Ich bete manchmal“ oder „Ich bin auf der Suche nach Sinn.“ Es gibt immer mehr Menschen, die so reden und fühlen. Und immer mehr, die tatsächlich mit dem Gedanken spielen, wieder zurück zu kehren in die Kirche. Ganz selten kommt nach all den Sätzen manchmal sogar auch eine Frage: „Wie geht das eigentlich, wenn ich vielleicht wieder eintreten möchte?“ Bei den nächsten Gesprächen im Zug oder auf der Fete kann ich jetzt auf eine Aktion der katholischen Kirche verweisen: mach-dich-auf-und.com heißt sie, auch eine Internetseite mit dem Namen gibt es. Sie erklärt die Schritte, die nötig sind, um wieder in die Kirche einzutreten. Auch da geht es natürlich nicht darum, Abtrünnige zurückzuholen. Oder Kirchensteuereinnahmen zu steigern – obwohl das, ehrlich gesagt, natürlich ein guter Nebeneffekt ist für Kindergärten und Sozialstationen. Aber das Wichtigste ist: Die Kirche hat etwas zu bieten. Einen Glauben und eine Gemeinschaft. Ein paar Antworten und viele Menschen mit ähnlichen Fragen. von Beate Hirt aus Mainz Hr 2 - Zuspruch am Morgen / Montag, 16.01.2006 |