Mit dem Aschermittwoch beginnt die österliche Bußzeit.

Eine Zeit, in der wir uns wieder neu aufrichten auf unseren Herrn Jesus Christus und sein Evangelium. Eine Zeit, in der wir wieder hellsichtig werden für unsere Mitmenschen und das, was sie bewegt. Eine Zeit, in der wir unseren Selbstsüchten weniger Raum geben.

Predigt am Aschermittwoch (6.2.08) im Mainzer Dom von Weihbischof Neymeyr

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,

mit dem Aschermittwoch beginnt die österliche Bußzeit. Das Wort Buße ist uns im alltäglichen Sprachgebrauch aus dem Verwaltungsrecht bekannt. Im juristischen Sprachgebrauch ist die Buße eine verwaltungsrechtliche Sanktion bei Ordnungswidrigkeiten. Bußgeldbescheide sind sehr unangenehme Posteingänge. Wir verbinden mit dem Wort Buße das Wort Strafe. Zähneknirschend bezahlen wir einen Bußgeldbescheid, auch wenn wir einsehen, dass ohne solche Methoden unsere Innenstädte bald zugeparkt wären und sich kaum jemand an Geschwindigkeitsbegrenzungen für Autos halten würde.

Man könnte geneigt sein, diese juristische Praxis auf unser religiöses Verhalten zu beziehen und die österliche Bußzeit als eine Zeit zu verstehen, in der wir uns für begangene Sünden bestrafen. In der Beichte wird uns ja auch ein Bußwerk auferlegt. Unser verstärktes religiöses Bemühen in der österlichen Bußzeit könnten wir verstehen als eine selbst auferlegte Strafe für begangene Sünden. Wir tun Dinge, die wir vielleicht nicht gerne tun, die uns in der Regel schwer fallen, um für unsere Sünden zu büßen. Sei es, dass wir uns mehr Zeit für das Gebet nehmen, sei es, dass wir uns ein Fastenopfer auferlegen oder großzügig für soziale Zwecke spenden oder uns anderweitig sozial engagieren.

Im Blick auf die heutige Theologie scheint dies ein grundlegendes Missverständnis christlicher Bußpraxis zu sein. Der Katechismus der katholischen Kirche beschreibt die Bußwerke als verschiedene Ausdrucksformen der inneren Buße des Christen. „Innere Buße ist radikale Neuausrichtung des ganzen Lebens, Rückkehr, Umkehr zu Gott aus ganzem Herzen, Verzicht auf Sünde, Abwendung vom Bösen verbunden mit einer Abneigung gegen die bösen Taten, die wir begangenen haben. Gleichzeitig bringt sie das Verlangen und den Entschluss mit sich, das Leben zu ändern sowie die Hoffnung auf das göttliche Erbarmen und das Vertrauen auf seine Gnadenhilfe.“ (Katechismus der katholischen Kirche Nr. 1431) Buße wird hier verstanden als Metanoia, als die grundlegende Umkehr, zu der Jesus aufgerufen hat. Dieser Ruf ist ein wesentlicher Teil seiner Verkündigung des Gottesreiches, die der Evangelist Markus mit den Worten zusammenfasst: “Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangeliums.“ (Mk 1,15) Diese Umkehr, diese Buße bleibt eine lebenslange Aufgabe des Christen. Die österliche Bußzeit rückt sie besonders in den Blick.

Die Auffassung, dass Buße eine Strafe für begangene Sünden ist, ist aber der kirchlichen Verkündigung nicht ganz fremd. Das liegt auch daran, dass das lateinische Wort für Buße „paenitentia“ oder „poenitentia“ mit dem Wort für Strafe „poena“ zusammenhängt. Die erste traditionsbildende Schrift über die Buße stammt vom ersten lateinischen kirchlichen Schriftsteller Tertullian, der ausgebildeter Jurist war. Als Jurist war es für ihn selbstverständlich, dass sich derjenige, der sich gegen Gottes Gerechtigkeit versündigt, einer Strafe unterziehen muss. Tertullian schreibt: „In dem Maße, in dem du dich selbst nicht schonst, in eben dem Maße schont dich Gott.“ (De paenitentia, VII, 12) Augustinus sagt es noch kürzer: „Entweder du bestrafst dich oder Gott straft dich“. (enarratio in psalmis 58)

Die Kirchenlehrer sind sich natürlich bewusst, dass der Sünder nicht aus eigener Kraft durch selbst auferlegte Strafen bei Gott Gerechtigkeit findet, sondern dass er angewiesen ist auf das Erlösungswerk Christ, in das er durch die Sakramente hineingezogen wird. Jesus ist ja in der Tat Mensch geworden, weil wir Menschen darauf angewiesen sind. Er ist nicht in die Welt gekommen, weil hier alles so schön und menschenfreundlich ist, sondern gerade deswegen, weil alle durch die Sünde verseucht sind. Er hat sich unter die Sünder eingereiht und zu Beginn seines öffentlichen Wirkens von Johannes die Bußtaufe im Jordan empfangen. Im Matthäus-Evangelium ist uns überliefert, dass Johannes das nicht zulassen wollte und zu Jesus sagte: „Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir.“ Die Antwort Jesu offenbart, wie er sein Leben und seine Sendung versteht: „Lass es jetzt nur zu, denn nur so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen.“ (Mt. 3, 15) Paulus schreibt dies im 2. Korintherbrief ganz knapp: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.“ (2 Kor 5, 21)

Die österliche Bußzeit kann für uns zur Zumutung werden, das Gewicht unserer Sünden nicht zu unterschätzen. Wir suchen nicht eine Selbstdemütigung, die zur Wurzel von Neurosen werden kann. Wir sind ja in das Erlösungswerk Christi hineingenommen. Wir wissen aber, dass unsere Gesellschaft immer noch so ist, wie sie die Würzburger Synode 1975 beschrieben hat:

„Christentum widersteht mit seiner Rede von Sünde und Schuld jenem heimlichen Unschuldswahn,
der sich in unserer Gesellschaft ausbreitet und mit dem wir Schuld und Versagen
– wenn überhaupt – immer nur bei den anderen suchen,
bei den Feinden und Gegnern, bei der Vergangenheit, bei der Natur, bei Veranlagung und Milieu.“
(Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland, Unsere Hoffnung, S. 93)

Die österliche Bußzeit ist auch eine Zeit, in der wir unsere Sünden aufspüren und uns ihnen stellen. Das ist nicht einfach. Als Kinder unserer Zeit haben wir auch Teil am Unschuldswahn unserer Gesellschaft. Außerdem entspricht es der menschlichen Natur, blind zu sein für die eigenen Sünden, aber hellsichtig für das Versagen anderer. Wenn es in der Beichte darum ginge, die Sünden der anderen zu beichten, kämen die Priester aus dem Beichtstuhl nicht mehr heraus.

Wenn wir uns in der österlichen Bußzeit unseren Sünden, unserem Versagen, unseren falschen Haltungen und Halbherzigkeiten stellen, dann wird uns das auch belasten. Es wird uns leid tun, wir würden gerne das Rad der Zeit wieder zurückdrehen. Wir empfinden Reue, die der beste Motor ist für eine heilsame Bußzeit. Eine Zeit, in der wir uns wieder neu aufrichten auf unseren Herrn Jesus Christus und sein Evangelium. Eine Zeit, in der wir wieder hellsichtig werden für unsere Mitmenschen und das, was sie bewegt. Eine Zeit, in der wir unseren Selbstsüchten weniger Raum geben. In dieser Haltung folgen wir dem Aufruf Jesu zur Umkehr und können bei der österlichen Feier seines Todes und seiner Auferstehung unseren Herrn Jesus Christus als unseren Erlöser feiern, der das Werk der Erlösung nicht trotz unserer Sünden vollbracht hat, sondern wegen unserer Sünden.

Predigt im Aschermittwochsgottesdienst 2008 um 8.15 Uhr im Mainzer Dom

von Weihbischof Dr. Ulrich Neymeyr