Sehn dich! Die Kunst, sehnsuchtsvoll zu leben

hr 1 - Sonntagsgedanken, 27.7.08 von Andrea Schwarz, Viernheim

 

Die Kunst, sehnsuchtsvoll zu leben... ja, recht und schön, mag mancher jetzt vielleicht denken, hört sich ja gut an - aber wieso um alles in der Welt soll es denn eine Kunst sein, sehnsuchtsvoll zu leben? Das macht doch jeder, und das kann doch jeder! Das ist doch keine Kunst!

Zugegeben - jeder mag seine Sehnsucht haben - auch wenn diese Sehnsucht sehr unterschiedliche Formen oder Namen hat. Für den einen mag es der Traum vom Sechser im Lotto sein, ein neues Auto, eine lang ersehnte Reise, endlich mal nicht jeden Euro zweimal rumdrehen müssen, bevor man ihn ausgibt. Ein anderer wünscht sich nichts sehnlicher als jemanden zu finden, der ihn versteht, bei dem er sich aufgehoben fühlen kann. Für den einen erfüllt sich seine Sehnsucht dadurch, dass er zum Geburtstag die Karten für genau das Musical bekommt, das er schon immer sehen wollte - und ein anderer wäre glücklich, endlich mal wieder ohne Krücken laufen zu können.
Man kann sehr unterschiedliche Sehnsüchte haben - manche mögen groß und fast unerfüllbar sein, andere eher klein und unscheinbar. Manche Sehnsüchte von Menschen kann ich gut verstehen, andere sind mir eher fremd. Aber vielleicht ist es auch gar nicht so entscheidend, solche Sehnsüchte zu beurteilen, in Kategorien wie „groß und klein", „wichtig und unwichtig", „notwendig oder nicht notwendig" einzuteilen. Die jeweilige Sehnsucht eines Menschen entzieht sich sowieso allen objektiven Kriterien. Und deshalb ist es wirklich keine Kunst, Sehnsucht zu haben. Jeder von uns hat seine Sehnsucht.
Die Kunst, sehnsuchtsvoll zu leben, ist eine andere - es ist die Kunst, Sehnsucht zu sein.

 

Sehnsucht zu haben - und Sehnsucht zu sein: Beides hört sich sehr ähnlich an - und doch liegen Welten dazwischen.

Wenn ich eine Sehnsucht habe, strecke ich mich nach etwas aus, was sozusagen außerhalb von mir liegt, nach etwas, wo ich hin möchte, nach etwas, von dem ich mir eine größere Zufriedenheit, ein bisschen mehr Glück erhoffe. Das darf durchaus so sein - der Musicalbesuch in Hamburg kann zu einem unvergesslichen Erlebnis werden - und endlich wieder ohne Krücken laufen zu können, kann die Lebensqualität natürlich dauerhaft verbessern.
Aber es sind endliche Sehnsüchte, das heißt, wenn sie eines Tages erfüllt sein sollten, werden andere, neue Wünsche nachwachsen - völlig zu Recht.
Die Kunst, sehnsuchtsvoll zu leben - das bedeutet eben nicht, Sehnsucht zu haben, sondern Sehnsucht zu sein. Ich stelle mich nicht meiner Sehnsucht gegenüber - sondern meine Sehnsucht lebt in mir. Meine Suche geht nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Damit aber wird Sehnsucht zu einer Haltung, einer Einstellung - und das ist mehr als ein Wunsch auf dem Wunschzettel, ein eventuell in Erfüllung gehender Traum, ein anzugehendes Projekt der Zukunft. Damit wird meine Sehnsucht unendlich. Eine unendliche Sehnsucht, das ist eine Sehnsucht, die keine Grenzen mehr kennt, die sozusagen entgrenzt ist.
Und das ist eine Sehnsucht, die so tief ist, dass sie tatsächlich unendlich ist - denn genau das meint sie: Das Unendliche, das Entgrenzte. Eine solche Sehnsucht lebt in mir und gibt sich mit all dem, was denkbar ist, nicht zufrieden. Sie will mehr.
Ja, das Musical war toll - und das neue Auto ist wunderschön! Ja, es tut gut, einen Moment lang das Gefühl zu haben, nicht allein zu sein - und auf der Karriereleiter eine Sprosse nach oben geklettert zu sein. Und doch ahnen wir zugleich darum: All das ist brüchig - allein die Diagnose eines Arztes kann einen Strich durch die schöne Rechnung machen.
Oder noch einmal anders gesagt: All das, was man hat, kann einem genommen werden - aber das, was man ist, entzieht sich jedem Zugriff. Das ist der Grund, warum Alfred Delp und Nelson Mandela sogar in der Gefangenschaft frei blieben - und ihre Gefängniswärter keinen wirklichen Zugriff auf sie hatten. Sie hatten keine Freiheit, aber sie waren frei. Und das ist mehr, unendlich viel mehr.
Das gilt auch für die Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die ich habe, kann mir genommen werden. Eine Sehnsucht, die ich bin, kann mir niemand nehmen.
Das ist die Kunst, sehnsuchtsvoll zu leben: Sehnsucht zu sein...

 

Die Kunst, sehnsuchtsvoll zu leben... nein, Rezepte dafür gibt es nicht. Ich jedenfalls kenne keine. Aber vielleicht gibt es die eine oder andere Fußspur, der wir folgen könnten?

Wenn es um das Unendliche geht, dann dürfen wir nicht im Endlichen danach suchen, sondern im Unendlichen - dort, wo es um Gott geht. Ja, wir können darüber streiten, welchen Namen wir diesem Gott geben - und wie man einen solchen Gott verehrt. Aber dass wir überhaupt etwas suchen, das ist eine Sache, die erst einmal alle Gottsucher und Sehnsucht-Seiende miteinander verbindet - wir suchen nach etwas, wir glauben an etwas, was unsere irdische Realität entgrenzt, unendlich macht. Wir geben uns mit der Endlichkeit unseres Daseins nicht mehr zufrieden.
Dazu muss man gelegentlich innehalten - aus dem Hamsterrad unserer Gesellschaft aussteigen, einen Schritt zurück machen, das Ganze, in das wir uns verlieren, mit ein wenig Distanz anschauen. Manchmal reichen da schon fünf Minuten am Tag, eine Stunde in der Woche - einfach mal das laufende Programm ausblenden.
Wenn ich noch träumen kann, von einer anderen Welt - und wenn ich mich noch erinnern kann an das, wovon ich damals, als ich jung war, geträumt habe - das sind keine schlechten Voraussetzungen!
Wenn ich mich nicht zufrieden gebe, wenn ich in mir eine Unruhe verspüren, die vielleicht sogar stark genug ist, um noch einmal neu aufzubrechen, dem eigenen Leben eine Kehrtwendung zu geben - warum eigentlich nicht?
Ja, das muss man lernen. Deshalb ist es auch eine Kunst.
Aber man kann es lernen. Vielleicht nur mühsam Schritt für Schritt. Macht nichts. Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt.
Aber mich nicht mit kleinen Sehnsüchten zufrieden geben, sondern sehnsuchtsvoll leben. Oder wie es Ignatius von Loyola sagt: Sehnsüchtig nach der Sehnsucht sein... ich glaube, es lohnt sich!