Gedanken zur Katastrophe in Japan
Donnerstag, 17.03.2011
Gott, steh den Menschen dort in Japan bei, sei ihnen nahe!
Was sind das für verrückte Tage: Ich stehe ganz normal auf, koche mir meinen Kaffee, starte in den Alltag - und auf der anderen Seite der Erde droht gerade ein Super-GAU. Sechs Atomreaktoren in Fukushima geraten außer Kontrolle. Zu den ohnehin schon unvorstellbaren Zerstörungen nach Erdbeben und Tsunami kommt jetzt noch eine atomare Katastrophe. Mit Folgen, die wir uns wohl noch viel weniger vorstellen können. Es macht mich fassungslos. Und hier bei mir geht alles seinen normalen, alltäglichen Gang. Wie in einer anderen Welt. Diesen Kontrast zwischen meinem Leben hier und diesen Bildern und Nachrichten aus Japan, diesen Kontrast zwischen zwei Welten: Den find ich seit Freitag immer schwerer zu ertragen.
Natürlich: Japan ist weit weg, und ich kann jetzt nicht aus meinem Alltag aussteigen und alles stehen und liegen lassen, weil dort Furchtbares geschieht. Ich kann auch nicht ständig wie ein Kaninchen auf die schrecklichen Nachrichten aus Japan starren. Das Leben hier muss weiter gehen, und es geht weiter. Aber ich kann auch nicht einfach so tun, als ob nichts wäre. Diese zwei Welten: Die befinden sich ja doch in dieser einen Welt. Eine Welt, das fühl ich als Christin gerade ganz stark, die Gott geschaffen hat. Alle, die auf ihr leben, sind Gottes Kinder. Wir alle sind Menschengeschwister. Ich kann einfach nicht sagen: Hauptsache hier in Deutschland kommt keine Radioaktivität an. Was in Japan geschieht, ist weit weg und muss mich nicht so berühren. Nein, ich will mich berühren lassen von dem, was da Schreckliches passiert ist und passiert. Ich fühl mich verbunden mit den Millionen Menschen in Japan. In einer Solidarität, die in diesen Tagen richtig weh tut. Aber ich will diese Solidarität und meine Fassungslosigkeit auch nicht aus meinem Alltag herausschieben.
Meine kleine Welt: Sie soll sich berühren und verändern lassen von dem, was da gerade in Japan passiert. Ich rede viel mit Freunden und Familie über die Katastrophe. Ich demonstriere gegen Atomkraft. Ich spende etwas. Und vor allem: Ich bete für die Menschen in Japan. Mit anderen zusammen, wie gestern Abend im Ökumenischen Gottesdienst. Aber auch immer wieder allein, mittendrin in meinem Alltag. Gott, steh den Menschen dort in Japan bei, sei ihnen nahe! Dieses Stoßgebet: Das ist für mich im Moment die wichtigste Brücke zwischen meiner Alltags-Welt und der Katastrophen-Welt in Japan.
Beate Hirt, Frankfurt
hr2-kultur, Zuspruch am Morgen, Donnerstag, 17. März 2011