Das „Gut“ und die „Güter“
In einem Interview 1996 wird Joseph Kardinal Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI. gefragt, ob die Kirche gerade in Deutschland nicht durch den Ballast ihrer vielen Institutionen, Immobilien und Strukturen unbeweglich geworden sei. Er antwortet darauf:
Da würde ich ihnen recht geben. Auch in der Kirche ist das Beharrungsvermö-gen ein sehr starker Faktor. Sie neigt infolgedessen dazu, einmal erworbenes Gut und erworbene Positionen zu verteidigen. Die Fähigkeit zur Selbstbeschei-dung und Selbstbeschneidung ist nicht in der richtigen Weise entwickelt. Ich glaube, dass uns das gerade auch in Deutschland trifft. Hier haben wir weit mehr kirchliche Institutionen, als wir mit kirchlichem Geist decken können. (…)
Leider war es in der Geschichte aber immer so, dass auch die Kirche nicht die Fähigkeit hatte, selber das irdische Gut abzustoßen, sondern dass es ihr immer wieder genommen werden musste und dieses Genommenwerden ihr dann zum Heil gereichte.
Mitunter allerdings war das etwas anders; ich denke an die Trennung von Kirche und Staat in Frankreich unter Pius X., also zu Beginn dieses Jahrhun-derts. Damals wurde der Kirche eine Formel zum Festhalten ihres Besitzes angeboten, die allerdings eine gewisse Einbindung in die staatliche Oberaufsicht mit sich gebracht hätte. Dazu hat dann Pius X. erklärt, das Gut der Kirche ist wichtiger als ihre Güter. Wir geben die Güter weg, weil wir das Gut verteidigen müssen. Das ist, glaube ich, ein großer Satz, den man sich immer wieder vor Augen halten muss.
(aus: Joseph Kardinal Ratzinger, Salz der Erde. Ein Gespräch mit Peter Seewald, München 1996, Heyne-Verlag, S. 184f., Copyright bei
Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart)
Güter aufgeben, um das Gut zu bewahren:
eine Formel auch für unsere Situation?
Was ist das Gut, das wir als Kirche, als Christen unbedingt bewahren und lebendig erhalten müssen? Was ist unser Auftrag als Kirche?
Welche „Güter“ helfen uns dabei? Welche Institutionen, welche Immobilien, welche Strukturen sind hilfreich oder sogar unabdingbar?
Welche „Güter“ sind mittlerweile eher zur Belastung geworden, weil sie mehr Ressourcen (Geld, Personal, ehrenamtliches Engagement, Zeit) verbrauchen und verschlingen, ohne wirklich etwas dazu beizutragen, das entscheidende „Gut“ lebendig werden zu lassen?
GEBET
Guter Gott,
du hast uns gerufen, damit wir am Aufbau deines Reiches mitarbeiten.
Sende uns den Heiligen Geist, das wir erkennen,
was dem Aufbau deines Reiches dient,
wie wir die uns anvertrauten Güter sinnvoll einsetzen,
damit sie uns nützen, deine frohe Botschaft unter die Menschen zu tragen.
Lass uns begreifen, dass wir uns nicht einrichten dürfen in dieser Welt,
sondern stärke uns mit deinem Geist,
dass wir beweglich bleiben,
bereit, neue Aufbrüche zu wagen.
Sende uns den Geist, der uns drängt,
die Türen und Fenster der Kirche zu öffnen,
die Türen und Fenster unserer Gemeinden,
damit die Menschen sehen und erleben, was das eigentliche Gut der Kirche ist:
dass Du in unserer Mitte wohnst.
Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
Amen.
