Durch Kooperation neue pastorale Chancen erschließen
1. Wo stehen wir derzeit? – Zustimmung und weiterführende Hinweise
Viele Pfarrgemeinderäte haben in dem zur Verfügung stehenden engen Zeitrahmen mit großem Engagement über die zunächst anstehenden Fragen im Rahmen des Prozesses „Lebendige Gemeinden ... in erneuerten pastoralen Einheiten“ gesprochen. Die Rückmeldungen aus den Dekanaten zeigen ein hohes Maß an Zustimmung zum vorgeschlagenen Entwurf der Pfarrgruppen und Pfarreienverbünde. In einigen wenigen Gemeinden gibt es noch unterschiedliche Sichtweisen gegenüber dem vorgelegten Entwurf.
Unabhängig von Einzelfragen sind in den Rückmeldungen zwei Grundbotschaften deutlich geworden:
Verschiedentlich wurde die Sorge ausgedrückt, die Pfarrgruppe oder der Pfarreienverbund könnte der einzelnen Pfarrei etwas Wichtiges wegnehmen, was zum Leben der Pfarrei gehört. Dies kommt in einer intensiven Diskussion über das Verhältnis von Pfarrgemeinderat und Seelsorgerat zum Ausdruck.
Zugleich haben viele den „Mehrwert“ von Kooperation beschrieben, der sich aus einem aufeinander abgestimmten Zusammenwirken von Pfarrgemeinde- und Seelsorgerat ergibt und dabei auf gelungene Beispiele hingewiesen.
Beide Botschaften liegen bei genauerem Zusehen nicht weit auseinander. Auf den Zusammenhang von beiden wollen wir zunächst kurz eingehen und ihn mit einigen Beispiele verdeutlichen – dankbar wissend, dass es noch manche andere gibt.
2. Worauf achten wir besonders? – Der Wert der Einzelpfarrei und der Wert der größeren Einheit
Auf dem vor uns liegenden Weg werden wir sorgfältig darauf achten, was zum Wesen einer christlichen Gemeinde gehört und wie es gelingt, die pastoralen Strukturen und unser ganzes Handeln daraufhin auszurichten, was nötig ist, um unsere Sendung und unseren Auftrag als Christen unter den gegebenen Umständen zu erfüllen.
Das bedeutet: Kooperation in der Pfarrgruppe bzw. im Pfarreienverbund wird der einzelnen Pfarrgemeinde nichts wegnehmen. Die Pfarrgemeinde ist für viele Gläubige der Ort, an dem sie Beheimatung erfahren, hier engagieren sie sich in verlässlicher Treue. Hier sprechen sie von „ihrer Kirche“ und von der „Heimatkirche“. Ihre Identifikation geschieht mit einer konkreten Pfarrei.
Zugleich gilt es der Tatsache Rechnung zu tragen, dass viele Menschen spüren, dass sie selbst mobiler geworden sind – und sich auch so verhalten: Sie fahren z.B. zum Gottesdienst in andere Gemeinden, wenn dies ihrem Glauben „gut tut“. Für solche Menschen ist eine einzelne Gemeinde u.U. zu klein. Oft ist sie auch überfordert, den unterschiedlichen Erwartungen von Glaubenden und Suchenden auf sich allein gestellt zu entsprechen. Viele Pfarrgemeinden können nicht mehr alles alleine tun, was getan werden müsste – und: Sie müssen es auch nicht. Hier liegt die besondere Chance der Kooperation. Miteinander geplante und abgestimmte Zusammenarbeit in der Pfarrgruppe und im Pfarreienverbund ermöglicht es allen, das eigene Profil, die eigenen Stärken und Kompetenzen in die größere Einheit einzubringen – und zugleich, gemeinsam mit den anderen die Aufgaben anzugehen, die „vor der Türe liegen“, um die sich aber bisher keiner gekümmert hat. So kann Kooperation für alle ein Gewinn werden.
3. Wofür brauchen wir mehr Kooperation? – Herausforderungen und Chancen
Wer sich aufmerksam umsieht, nimmt eine Vielfalt neuer Herausforderungen und „alter“, bisher noch weitgehend unerledigter Aufgaben wahr, die Chancen für die Pastoral werden können, wenn wir in Pfarrgruppen und Pfarreienverbund mehr Zusammenarbeit riskieren und gestalten – auch und gerade mit Einrichtungen der kategorialen Seelsorge:
Dass Gottesdienstzeiten noch besser miteinander abgesprochen werden müssen, um eine gegenseitige Vertretung zu ermöglichen, ist eine schon lange erkannte Notwendigkeit. Dass aber die Gottesdienstzeiten das sich veränderte Lebensgefühl einer Gesellschaft besser berücksichtigen müssen, ist oft noch eine neue Erkenntnis.
Wie jüngst wieder die Erfahrung des Weltjugendtages in Köln gezeigt hat, betrifft dies auch die Formen, wie wir Liturgie feiern. So sucht die Jugend nach Gottesdiensten, die ihr das Gefühl einer wirklichen Gemeinschaft ermöglichen. Für andere steht anderes im Vordergrund. Stärkere Zusammenarbeit könnte auch hier neue Möglichkeiten eröffnen, ohne deshalb die Einzelnen, vor allem die Priester, zu überlasten.
Wir spüren zur Zeit eine Bereitschaft zur Rückkehr in die Kirche, auch Konversionen zur katholischen Kirche haben sich vervielfacht. Es ist wichtig, hier Gesprächs- und Begleitangebote zu machen. Größere Einheiten dürften auch hier bessere Voraussetzungen dafür bieten. Dabei würde sich die Wahrnehmung einer neuen, dringenden Aufgabe mit der Möglichkeit zur Entlastung verbinden.
Menschen suchen heute vermehrt in verschiedenen Ereignissen des Lebens von sich aus nach Gleichgesinnten, nach „geistlichen Selbsthilfegruppen“. Trauergruppen z.B. werden nach dem Verlust eines Menschen immer stärker nachgefragt. Auch dies ist in größeren Einheiten eher möglich. Es ist auch einem pastoralen Mitarbeiter leichter möglich, eine solche Gruppe zu begleiten, wenn er von anderen Aufgaben teilweise frei ist.
Das Reden über und mit Gott, Glaubensgespräche mit Erwachsenen und Jugendlichen, das Gespräch über die eigene Gottesbegegnung bis hin zur Katechese führt Menschen in einer Pfarrgruppe und in einem Pfarreienverbund zusammen und gibt ihnen die Möglichkeit, diese Erfahrung in der Pfarrei weiterzugeben.
„Ehe und Familie“ ist ein pastoraler Schwerpunkt unseres Bistums. Seminare für Paare vor der Trauung, Elterntrainings, Paarseminare, Gesprächstrainings für Paare sind auf der Ebene des Pfarreienverbundes wichtig und erfordern eine Zusammenarbeit mit dem Bildungswerk. Hier gibt es schon jetzt gute Beispiele.
Das Thema „Schule“ stellt uns vor große Herausforderungen eigener Art. Dazu nur zwei Hinweise:
Mit Einführung des achtjährigen Gymnasiums und zunehmendem Ganztagsbetrieb brauchen Schulen Küchen, Räume zur Essenseinnahme und Aufenthaltsmöglichkeiten. Was derzeit zwischen einer kirchlichen Schule und der anliegenden Pfarrei zur Nutzung von Küche und Gemeinderäumen für die Mittagsverpflegung der Schüler/innen verhandelt wird, betrifft Kinder aus vielen Pfarreien und hilft, auf Gemeindeterrain junge Menschen und ihre Eltern auf Kirche aufmerksam zu machen.
Besonders groß sind die Aufgaben und Chancen, was die Berufsschulen (BBS) betrifft. Schüler wie Lehrerinnen kommen in der Regel aus einem größeren Einzugsbereich, der sich nicht mit dem Bereich der Gemeinde deckt, in dem die Schule liegt. Die Altersstruktur der Auszubildenden liegt zwischen 15-25 Jahren. In kaum einem Lebensabschnitt müssen so viele Fragen geklärt und Entscheidungen getroffen werden (Berufswahl, Loslösung vom Elternhaus, feste Partnerschaft). Doch in diesem Altersabschnitt gibt es eine weitgehende Abstinenz vom kirchlichen Leben in der Gemeinde. Andererseits bestehen noch partielle Berührungen der Jüngeren in Form der Firmkatechese, der älteren mit der Eheschließung, oft verbunden mit ungewollter, früher Schwangerschaft oder Trauerfeiern für verunglückte Klassenkameraden (z.B. zwei Verkehrstote pro Jahr in den Klassen in diesem Alter sind die Regel). Religionslehrer/innen an BBS sind Ansprechpartner und erster Kontakt in diesen Fragen(auch für Kollegen und Schulleiter) und für lange Zeit die letzte Berührung zu Religion, Glaube und Kirche.
Dazu zwei Beispiele:
Mainz-Hartenberg: Zwei große Berufsschulen auf der gemeinsamen Fläche eines Fußballfeldes werden täglich von 7.800 Schülerinnen und Schülern besucht. Davon sind 3.050 katholisch (BBS I 4.000 Schüler/innen, davon 1.600 katholisch; BBS III 3.800 Schüler/innen, davon 1.450 katholisch).
Darmstadt: In drei Abteilungen sind auf dem Gebiet einer Pfarrei mit großem Einzugsbereich täglich zusammen 6.400 Schüler/innen, davon 1.800 katholisch.
Hier stellen sich Fragen, denen jede betroffene Pfarrgemeinde sich stellen muss, wenn sie ihrem wesensgemäßen Auftrag gerecht werden will: Wer hält Kontakt mit der Schulleitung und den Religionslehrern? Wer kümmert sich darum, wenigstens einige der jungen Menschen, die täglich auf dem Terrain einer Pfarrgemeinde sind, seitens der Kirche anzusprechen? Wer aus dem Pastoralteam könnte einen Teil Schulpastoral (für die Schüler/innen und Lehrkräfte) anbieten? – Gerade in der Begegnung mit der Berufsschule ist der größere Seelsorgeraum einer Pfarrgruppe oder eines Pfarreienverbundes wichtig.
Beruf und Arbeit sind für die meisten Menschen heute einer der zentralsten Lebensbereiche. In unserem Bistum gibt es auf Pfarreiebene noch ganze fünf Sachausschüsse „Betriebs- und Arbeitswelt“. Dieses wichtige Thema, verbunden mit der Jugendarbeitslosigkeit überfordert offenkundig die einzelne Gemeinde. Die Zusammenarbeit mit den Sozialverbänden der Kirche (Kolping, KAB und CAJ) und mit der Betriebsseelsorge ist eine notwendige Aufgabe, für die die Ebenen des Pfarreienverbundes oder u.U. des Dekanates die besseren Voraussetzungen – und damit überhaupt erst die Möglichkeit – bieten. Ansonsten würde pastoral eben nichts geschehen.
Ähnlich wird es mit dem Hilfsprojekt „Netzwerk Leben“ sein. Manche Hilfesuchende wenden sich bewusst nicht an die konkrete Gemeinde. Sie suchen oft mehr Anonymität. Gemeinsam können wir Kräfte bündeln und dieses wichtige Vorhaben weiterführen.
Was für die Pfarreien gilt, gilt in ähnlicher Weise auch für kategoriale Stellen. Sie können professionell nur arbeiten, wenn sie in den Bereichen Kooperationspartner haben, in denen sie tätig sind. So ist z.B. die Arbeit der Klinikseelsorgerinnen und -seelsorger vielfach vernetzt. Aber es ist in der Regel nur eine Vernetzung nach „innen“, in das Krankenhaus hinein. Wenn die Sorge um den Kranken oberste Priorität ist, heißt dies auch, den Lebensraum des Kranken in seiner Gänze in den Blick zu nehmen. Seine Zeit in der Klinik ist begrenzt. Die weitaus größere Zeit lebt der Kranke daheim, in der Familie – ältere Menschen oft auch im Alten- oder Pflegeheim. Wenn die Klinikseelsorge diese Räume in die Überlegungen und Planungen einbezieht, kommen andere Bereiche der Seelsorge in den Blick. Vernetzungen stehen auch hier an, etwa mit der Altenseelsorge, mit neuen Ehrenamtlichen, mit Pfarrgemeinden.
4. Wie gelingt Kooperation? – Beispiele und Erfahrungen
4.1 Erstkommunionkatechese in der Pfarrgruppe Wörrstadt – ein Beispiel für die Kooperation in einer Pfarrgruppe:
Die Pfarrgruppe Wörrstadt besteht seit dem 01. November 1982 aus den Pfarreien Armsheim, Spiesheim, Sulzheim und Wörrstadt. Insgesamt leben in den 4 Pfarreien 3.756 Katholiken. Seit ca. 20 Jahren wird die Erstkommunionkatechese für alle 4 Pfarreien durch die jeweiligen Gemeindereferenten mit der gleichen Kommunionmappe und in gemeinsamer Begleitung aller Katechetinnen und Katecheten durchgeführt. Die gesamte Kommunionvorbereitung steht in allen 4 Pfarreien unter dem gleichen Motto. Die Zahl der Katecheten hat zwischen 10 und 20 geschwankt. Die Gruppenstunde für die Katecheten findet jetzt in aller Regel im Gemeindezentrum in Wörrstadt statt, nachdem auch experimentiert wurde, das im Wechsel in allen 4 Pfarreien zu machen. Dabei war dann oft die Unsicherheit „Wo treffen wir uns heute?“. Die Kommunionkatechese-Gruppen für die Kinder sind immer am Ort, was in diesem Fall auch dem Dorf entspricht. Das ist für die Kinder günstig, weil sie selbst zu Fuß zu diesen Treffen kommen können. Die Feier der Erstkommunion ist jeweils in der einzelnen Pfarrei.
Das hängt einerseits an der Größe der Kirchenräume, andererseits aber auch daran, dass bewusst bei der Erstkommunion die Kinder in ihrer örtlichen Umgebung beheimatet werden sollen.
Um aber auch die größere Dimension von Kirche den Kindern deutlich zu machen, gibt es ein Wochenende in der Vorbereitungszeit mit allen Kommunionkindern und mit allen Katechetinnen und Katecheten. Je nach Größe der einzelnen Ortsgruppen wird der Start-Tag gemeinsam erlebt (meist 2 Pfarreien gemeinsam).
Der Vorstellungsgottesdienst und das Fest der Ersten Heiligen Kommunion werden von allen Katechetinnen und Katecheten gemeinsam vorbereitet. Es gibt in allen Pfarreien das gleiche „Grundgerüst“ für den Erstkommunionunterricht (Texte, gemeinsames Liedblatt etc.). Es bleibt trotzdem noch genug Raum für Individualität, z.B. Gestaltung des „Motto-Bildes“, Fürbitten, Kyrie-Rufe usw..
Die Rückmeldung der Katecheten ist: „Wir können es uns gar nicht anders vorstellen. Es ist eine Bereicherung auch andere Kennen zu lernen und im Gespräch mit einer größeren Zahl auch mehr Anregungen zu bekommen.“
4.2 Sozial-caritativer Bereich – ein Beispiel aus dem Dekanat Darmstadt für einen Pfarreienverbund
In Darmstadt wird am 23. Juni 2006 eine „Nacht der offenen Kirchen“ stattfinden, ein ökumenisches Projekt der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Darmstadt. Jede Gemeinde kann sich (feiwillig) an diesem Sommerabend in ihrer Kirche auf eine Art präsentieren, die für sie typisch ist. Ein kooperatives Projekt, das von der Vielfalt lebt und auf Anhieb breite Unterstützung findet. Als natürliche Kooperationspartner fanden sich neben fast allen Kirchengemeinden auch das Kulturamt der Stadt, die Verkehrsbetriebe und die Stadtmarketing-Gesellschaft ProRegio. Auch kirchenintern werden Vernetzungen geplant: Eine Gemeinde mit einem großen Industriegebiet, auf deren Gebiet es nicht zuletzt durch die hohe Arbeitslosigkeit soziale Brennpunkte gibt, überlegt derzeit ein Projekt zusammen mit der Betriebseelsorge. Welches Projekt konkret es am Ende sein wird, steht noch nicht fest. Doch erhofft sich die Betriebsseelsorge eine Sensibilisierung der Gemeinde, die aus der „Nacht der Kirchen“ den Beginn einer längeren Kooperation macht. Eine Kirchengemeinde zwischen Bahnhof und Industrievierteln könnte ein Knotenpunkt für Menschen werden, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens sich befinden.. Der Auftrag Jesu, für Arme und Leidende, auch für seelisch Leidende einzustehen, lässt sich hier nur umsetzen, wenn zusammengearbeitet wird. Im Letzten geht es darum, mitten im Alltag dieser Menschen Gott zu suchen, zu entdecken, und zur Sprache zu bringen. Wenn Gott auf der Seite der Armen steht, muss er hier zu finden sein. Wir müssen ihn nicht erst zu den Menschen bringen, er ist längst da. Wir können ihn suchen an dem Ort, wo wir stehen. Das ist das Spannende für die Gemeinde, wenn sie sich auf den Prozess einlässt. Die Kooperation vermehrt die Vielfalt an Angeboten, entspricht damit der Pluralität kirchlicher Aufgaben in der Gegenwart, mit dem Ziel, Gott im vielfältig pluralen Raum zu suchen und zu finden.
4.3 Ziele bzw. Motivationen für die gemeinsame Firmvorbereitung im Pfarreienverbund Gießen 2005/2006
Firmvorbereitung soll für Jugendliche bringen:
- positive Erfahrung mit Kirche
- in den Projekten: Theorie-Praxis-Transfer und Kirche in unserer Stadt praktisch erlebbar machen
- Blick weiten für Dimensionen von Christse
- sich der Frage stellen: Was heißt Firmung / Hl. Geist für mich persönlich?
2005/2006 soll ein Konzept erarbeitet werden, das weniger Arbeits- bzw. Organisationsaufwand als 2003/2004 bedeutet, insbesondere mit Blick auf künftige Wiederholbarkeit.
Die Vernetzung zwischen den Pfarrgemeinden soll weiter verstärkt werden; These: Die Jugendlichen sind sowieso ganz anders vernetzt als auf die einzelne Pfarrgemeinde hin.
Gemeinsame Veranstaltungen sollen den Eventcharakter erhöhen (Menge), Synergieeffekte nutzen (nicht immer selber dran, Methoden- und Ideentransfer) und wo das möglich ist, sollen solche Veranstaltungen geöffnet werden für andere Jugendliche/Jugendarbeit.
Die Erfahrung einer größeren Gruppe (Jugendlicher) im Pfarrverband wird als Gewinn gesehen; ebenso das größere Spektrum an katholischen Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus in der Stadt (Erlebnisinhalt für Wegbegleiter und Jugendliche).
Gemeinsame Arbeit im Jugendbereich als Übungsfeld, um zu träumen wie man im Verbund etwas zusammen tun kann (Übertragung auf andere Themenfelder im Pfarrverband)
4.4 Beispiele aus dem Dekanat Alsfeld
Das Dekanat ist bezogen auf die Fläche das größte in der Diözese Mainz. Hierin liegt auch die Ursache für die teilweise sehr weiten Entfernungen zwischen den einzelnen Pfarrgemeinden. Die neue Pfarrgruppe Alsfeld/Homberg beispielsweise – im Dekanat Alsfeld wird es keine Pfarreienverbünde geben – erstreckt sich auf ein Seelsorgegebiet mit vier Städten und fast 70 Dörfern; die einzelnen Pfarreien liegen bis zu 45 km voneinander entfernt.
Betrachtet man sich jedoch die Katholikenzahl, so stellt man fest, dass hier diözesanweit die wenigsten Katholiken beheimatet sind. Auffallend ist auch, dass sich das Dekanat aus sehr vielen kleineren Pfarrrektoraten zusammensetzt. Die Katholikenzahlen liegen hier zwischen 200 und 700.
Angesichts dieser Umstände haben in der Vergangenheit gerade viele dieser kleinen Pfarreien die Erfahrung gemacht, dass Kooperationen mit anderen Gemeinden, also der Blick über den eigenen Kirchturm hinaus, unaufgebbar wichtig sind.
Einige Pfarreien der Pfarrgruppe Alsfeld/Homberg arbeiten beispielsweise auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung eng zusammen. In diesem Zusammenhang kommt es zu regelmäßigen Treffen der Erwachsenenbildungsbeauftragten (Haupt- und Ehrenamtliche) der jeweiligen Pfarreien. Im Rahmen dieser Treffen wird ein gemeinsames Halbjahresprogramm erarbeitet, das auf die Gegebenheiten in der jeweiligen Pfarrei vor Ort abgestimmt ist (Räumlichkeiten, Altersstruktur der Pfarrei etc.). In jeder der beteiligten Pfarreien findet pro Halbjahr mindestens eine Veranstaltung statt (in der Pfarrgemeinde Christkönig in Alsfeld sind es aufgrund ihrer recht hohen Katholikenzahl und des sehr geräumigen Pfarrzentrums mehrere Veranstaltungen). Auf diese Art und Weise ist ein interessantes und vielfältiges Angebot für Erwachsene aller Altersgruppen entstanden.
Diese Erfahrungen lassen sich unter anderem auch auf den Bereich der Firmkatechese übertragen. Hier arbeiten die Verantwortlichen der jeweiligen zur Pfarrgruppe Alsfeld/Homberg gehörenden Pfarreien seit geraumer Zeit zusammen, um einen einheitlichen Rahmen für die Firmbegleitung zu entwickeln. Bei der Ausfüllung dieses Rahmens muss natürlich gewachsenen Traditionen in der einzelnen Pfarrgemeinde (z.B. wöchentliche Gruppenstunden oder eher monatliche ganztägige Samstagstreffs) ebenso Rechnung getragen werden wie den bereits angesprochenen Entfernungen, der Zahl der angemeldeten Firmlinge und den zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten. Deshalb stimmen innerhalb der Pfarrgruppe einzelne Pfarrgemeinden ihren Firmfahrplan intensiv aufeinander ab.
Die für junge Menschen – wie der Weltjugendtag eindrucksvoll gezeigt hat – so wichtigen Ge-meinschaftserlebnisse können die Jugendlichen dann bei Veranstaltungen sammeln, die für die Firmlinge aller Pfarreien angeboten werden (Jugendwallfahrt, Chrisammesse in Mainz, Dekanatsjugendgottesdienste, ökumenischer Dekanatsjugendkreuzweg etc.).
Neben den oben im Zusammenhang mit der Erwachsenenbildung geschilderten Vorteilen, die ein Blick über den eigenen Kirchturm hinaus mit sich bringt, kommt hier noch hinzu, dass die Jugendlichen durch die Zusammenarbeit mit anderen Pfarreien die gerade in der Diaspora so wichtige Erfahrung machen können, dass nicht nur sie sich in ihrer kleinen Pfarrei (und oft sind es nur vier oder fünf Jugendliche), sondern sich noch viele andere junge Menschen auf den Empfang des Sakraments der Firmung vorbereiten. Die Aussage, dass Glaube der Gemeinschaft bedingt, kann hier also Wirklichkeit werden.
Nicht nur die kleinen Pfarreien des Dekanats Alsfeld können in Kooperationen mit anderen Pfarrgemeinden bereichernde Elemente entdecken, sondern dass auch die Zusammenarbeit zwischen für unsere Verhältnisse „großen“ Gemeinden kann gelingen und sehr fruchtbar sein.
Beispiel hierfür ist die seit nunmehr 11 Jahren bestehende intensive Zusammenarbeit der beiden Pfarreien Schlitz und Lauterbach, die von einem Pfarrer im Team mit einem Kaplan und einem Diakon seelsorgerlich betreut werden.
Die über Jahre gewachsene Kooperation erstreckt sich unter anderem auf die Bereiche der Ge-meindekatechese, der Jugendarbeit, der Caritas, der Seniorenarbeit, der Erwachsenenbildung, auf gemeinsame Pfarrgemeinderatssitzungen, regelmäßige Dienstbesprechungen der Hauptamtlichen unter Einbeziehung der Vorsitzenden der jeweiligen Pfarrgemeinderäte, auf gemeinsame Gottesdienstangebote usw.
Was wird aus diesem Beispiel deutlich? – Kooperationen in Pfarrgruppen und Pfarreienverbünden bringen eine Fülle von Vorteilen mit sich! Im einzelnen zeigt sich:
- Die Pfarrgemeinden lernen sich auf diesem Weg besser kennen
- Die Ideenvielfalt wächst, Kompetenzen können vernetzt werden.
- Die anfallende Arbeit (Öffentlichkeitsarbeit, Vorbereitung der Veranstaltungen, Kontaktaufnahme mit Referenten etc.) kann auf mehrere Schultern verteilt werden.
- Die Vorbereitungstreffen erweitern den eigenen Glaubenshorizont.
- Da Haupt- und Ehrenamtliche im geschilderten Beispiel in der Vorbereitung, Durchführung und Reflexion der einzelnen Veranstaltungen eng zusammenarbeiten, ist auch die so wichtige Begleitung der Ehrenamtlichen verwirklicht.
- Die Zusammenarbeit stärkt auch die eigene Pfarrei: Selbst ein kleinere Pfarrgemeinde verfügt nun über ein Angebot, z.B. auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung; dies wäre – würde sie nur für sich arbeiten – fast unmöglich.
- Katholische Kirche ist – auch bedingt durch eine gute Werbung für die jeweiligen Veranstaltungen im Vorfeld und aufgrund einer Berichterstattung über sie im Nachhinein – im gesellschaftlichen Lebens eines Dorfes (auch einer Stadt) präsent und im positiven Sinn im Gespräch.
- Die Motivation der Beteiligten steigt, wenn man feststellen darf, dass die Veranstaltungen auch angenommen werden.
- Interessant ist es auch, zu beobachten, dass die Besucher bei einem guten ausgewogenen Programm weite Entfernungen in Kauf nehmen.
Wie immer, wenn es um Beispiele geht, kommt es darauf an zu entdecken, wofür sie stehen und was an ihnen beispielhaft ist. Ihr Sinn besteht nicht darin, im „Maßstab 1:1“ übertragen zu werden, sondern mit ihrer Hilfe anschaulich werden zu lassen, worauf ankommt und wie etwas gelingen kann. Beispiele ermutigen – recht verstanden – immer dazu, die eigenen Verhältnisse genauer anzuschauen und ernst zu nehmen. Entscheidend ist nicht die Kopie, sondern das eigene Original. Es wird immer wieder anders aussehen als das Beispiel, von dem es sich inspirieren lässt – und so kann es seinerseits für andere zum Beispiel werden.
5. Was steht jetzt unmittelbar an? – Hinweise aus den Rückmeldungen
Die Rückmeldungen aus den Dekanaten haben ergeben, das sich viele eine Experimentierphase wünschen, um zu entwickeln, was in den Pfarrgemeinderat, den Seelsorgerat oder aber den Dekanatsrat gehört. Hier ist in Zukunft mehr denn je eine sorgfältige Aufgabenteilung und Zuordnung notwendig.
Auf keinen Fall darf die Zahl der Sitzungen vermehrt werden. Es muss verbindlich festgelegt und vereinbart werden, welches Thema an welcher Stelle behandelt wird.
Es werden für den Anfang - richtungsweisende Markierungen nötig sein, manches Konkrete wird sich mit Phantasie und Kreativität entwickeln. Die Rückmeldungen haben die Verbindlichkeit der Kooperation angemahnt. An der Unverbindlichkeit ist an vielen Orten der Pfarrverband gescheitert.
Es ist nötig, zu Beginn einer neuen Wahlperiode gemeinsame Ziele in einem Pfarreienverbund und in einer Pfarrgruppe abzusprechen und zu vereinbaren. Diese Vereinbarungen müssen für den vorgesehenen Zeitraum gültig sein; es ist dabei genauso abzusprechen, welcher Mitarbeiter, welche Mitarbeiterin die entsprechende Maßnahme begleitet.
Die Rückmeldungen haben deutlich gemacht, dass ein Seelsorgerat für einen Zusammenschluss mehrer Pfarrgruppen sehr schwierig ist und für viele einen „Strukturmoloch“ darstellt. Dieser Frage müssen wir uns stellen und auf strukturelle Überforderungen verzichten. Es wird dann darauf ankommen, dass sich Pfarreien und Pfarrgruppen gerade in einer Stadt gegenüber der Kommune auch informell vereinbaren bzw. eigene Wege der Kooperation beschreiben.
Einige Gemeinden sind im Laufe des Prozesses zu dem Ergebnis gekommen, dass sie den engsten Weg der Kooperation, nämlich der Fusion gehen wollen. Beispiele sind hier die Pfarreien in Mainz-Mombach (St. Nikolaus, Herz Jesu und Heilig Geist) oder auch die Pfarreien in Langen (St. Albertus Magnus und Liebfrauen). Sie wollen sich auch rechtlich zusammenschließen, um so gemeinsam Kirche zu sein.
Dies sind nur einige erste Schritte, die jetzt unmittelbar anstehen. Über den weiteren Weg werden wir uns in der nächsten Phase des Bistumsprozesses Klarheit verschaffen und verständigen.
6. Worum es in allem geht
Jede Verstärkung der Kooperation in den neuen Verbünden, zwischen gemeindlicher und kategorialer Seelsorge hat das eine und gemeinsame Ziel, neue Anknüpfungspunkte für Menschen in den unterschiedlichen Lebenssituationen zu schaffen, ein neues Verbundsystem, das der heutigen Mobilität entspricht und Anknüpfungschancen für die Verkündigung des Evangeliums bietet. In allem geht es um das Zeugnis für den Gott Jesu Christi.
Die Gottesfrage, die sich unter heutigen Bedingungen stellt, ist nicht zuletzt auch eine Frage, wo Gott zu suchen und zu finden ist. Zweifellos sind dies Orte, wo Menschen in einer Gemeinde Heimat finden, in Bibelkreisen, in der Liturgie, in Familienkreisen und in vielen anderen Gruppen. Solche Orte gilt es zu stärken. Darüber hinaus gibt es aber noch weit mehr Orte, wo Gott unter den Menschen ist. Um dafür sensibel zu werden und auch an solchen Orten Gott zu entdecken und zur Sprache zu bringen, brauchen wir unterschiedliche Formen von Kooperation. Letztlich geht es beim Strukturprozess des Bistums nicht in erster Linie um die Strukturen an sich, sondern um die Ermöglichung, Gott tiefer zu verstehen und zu lernen, ihn auch unter den gegenwärtigen Bedingungen den Menschen für ihr Leben und ihren Alltag zu entdecken – für sie und mit ihnen, aber auch für uns selbst. Das ist ein Lernprozess. Wer sich darauf einlässt, kann Erfahrungen mit Gott machen, die weit über seine jetzigen Erfahrungen hinausgehen.
Solche Orte werden auf dem Land andere sein als in der Großstadt. In beiden Bereichten gilt es genau zu schauen, welche Einrichtungen schon da sind, wo es einen offensichtlichen Mangel in der Pastoral gibt und was Menschen brauchen, um wieder das Gespräch über Gott beginnen zu können – und, wenn es gelingt, auch mit ihm. Wenn die Aufgaben im wechselseitigen Austausch mit anderen Pfarreien und mit kategorialen Stellen hinsichtlich des größeren Verantwortungsraum überdacht werden, wird dies die Identität der eigenen Pfarrei stärken und mehr Zufrieden-heit bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wecken, weil mehr Kompetenzen, Interessen und Neigungen der Haupt- und Ehrenamtlichen die gemeinsame Arbeit einfließen können.
Es geht darum, durch entsprechenden Strukturen und Gremien Voraussetzungen zu schaffen, die die bisherige Arbeit straffen und dadurch Kräfte freisetzen, neue, von Pfarrei zu Pfarrei und von einer kategorialen Stelle zu einer anderen unterschiedliche Aufgaben wahrzunehmen. Da sich die Vielfalt der pastoralen Angebote dadurch erhöht und die einzelnen Pfarrgemeinden in ihrem Kern zwar Gleiches, in anderen Bereichen aber sehr Unterschiedliches anbieten, braucht es dafür Vernetzungen.
Die Kooperation ist ein langwieriger Prozess der Beteiligten, der wohl nur dann fruchtbar wird, wenn er auf freiwilliger Basis geschieht und ihm ein Mindestmaß an Sympathie entgegengebracht wird, und vor allem wenn er niemand überfordert. Wenn jede Einrichtung und jede Pfarrei sich wenigstens eine Aufgabe aussucht, die sie mit anderen zusammen wahrnimmt, wird die Kooperation fruchtbar werden.
Die Kooperation ist darauf angelegt, den Blick für die Menschen, die in der Kirche Heimat suchen und finden, und auch für die, die keine Heimat mehr haben, zu schärfen.
Dafür schafft sie Knotenpunkte, um die Botschaft vom Reich Gottes neu zu lernen und den Menschen nahe zu bringen.