Kooperation - ein vielgestaltiger Schlüsselbegriff für
die Pastoral im Bistum Mainz
Kooperation - ein notwendiger Begriff in schwieriger Kommunikationslandschaft
Mit der Kommunikation über Kooperation ist das so eine Sache:
- Es gibt Worte, die ganz unterschiedlich verstanden werden können: Wenn das Gemeinte nicht erläutert und entfaltet, also begrifflich gefasst wird, tut man sich mit der Verständigung schwer.
- Wenn mit einem solchen Wort ein Appell verknüpft ist (kooperiert miteinander!), dann kann auf dem Weg vom Sagen zum Tun vieles schief gehen. Denn: gesagt ist noch nicht gehört - gehört ist noch nicht verstanden - verstanden ist noch nicht einverstanden - einverstanden ist noch nicht getan.
Nun ist Kooperation seit geraumer Zeit ein zentraler Begriff für die Pastoral in unserem Bistum. Bereits 1996 benannte unser Bischof im Rahmen des Konsultationsprozesses „Damit Gemeinde lebt..." die kooperative Pastoral als verpflichtendes Grundkonzept der Seelsorge im Bistum Mainz. Folgerichtig ist Kooperation ein Schlüsselbegriff im Bistumsprozess. In diesem Prozess geht es um tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen- und damit auch um die Prüfung des Bewährten, um Abschied und Aufbrüche in Neuland.
Kooperation ist ein facettenreicher Begriff, das damit Gemeinte zentral für unseren Bistumsprozess und damit angewiesen auf die innere Zustimmung aller Beteiligten. Gerade deshalb ist es mir als Generalvikar ein Anliegen, Ihnen im folgenden zu erläutern, auf welche Aspekte von Kooperation es be-sonders ankommt.
Anliegen
Aus den sich ändernden Lebensverhältnissen der Menschen wie auch unserer eigenen personellen und finanziellen Situation ergibt sich die Notwendigkeit von pastoralen und strukturellen Veränderungen. Um sie realistisch - auch als Ruf Gottes an uns - wahrzunehmen und ihnen gerecht zu werden, brauchen wir auf allen Ebenen ein Mehr an Kooperation. Ihr fällt eine Schlüsselrolle zu.
Zugleich ist auch klar: Wir können Kooperation nicht „machen". Anordnungen greifen nicht, bloße Appelle sind zu schwach. Wohl aber können wir Kooperation mit den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten fördern und dafür werben. Sie können Ihrerseits prüfen, welchen unserer Überlegungen Sie innerlich zustimmen können, welche neuen Aspekte sich Ihnen vielleicht eröffnen - aber auch, wo Sie innere Sperren empfinden. Und genau da ist das Gespräch unter uns wichtig, denn wir können es uns als Kirche nicht leisten, beziehungslos nebeneinander her zu leben und zu arbeiten.
Wort und Begriff
Damit ist schon gesagt, was Kooperation nicht ist: wenn mehrere nebeneinander her das Gleiche tun und jeder für sich gleichsam „das Rad neu erfindet". Von der Wortbedeutung her meint Kooperation hingegen „Zusammenarbeit", auch den Aspekt der „Mitwirkung". Zentral ist also der Bezug aufeinander und ein Zusammenwirken von Handlungen. Natürlich sind dabei sofort handelnde Personen im Blick. Es können aber auch Systeme (z.B. Gruppen, Organisationen) sein, die zusammenwirken und sich zusammenschließen zu einem neuen System (wie z.B. aus einer Pfarrgruppe bzw. einem Pfarreienverbund eine fusionierte Pfarrei).
Wichtig ist also das Zusammenwirken von Handlungen sowie das zunehmende Eingespieltsein von Zusammenarbeit, so dass nicht alles von vorn beginnen muss, wenn neue Personen ins Spiel kommen.
Merkmale
Ein zentrales Merkmal von Kooperation und eine wesentliche Bedingung für ihr Gelingen ist die gemeinsame Ausrichtung auf Ziele hin. Wozu sind wir als Kirche da? Was wollen wir bei der Wahrnehmung unserer Aufgaben als Kirche vor Ort erreichen?
Das sind Fragen, deren Beantwortung erste Perspektiven eröffnen, wohin es gehen soll.
Aber erst die Umformulierung in konkrete, handhab- und überprüfbare Ziele erschließt die Orientierungskraft, die wir brauchen, um dahin kommen zu können, wo wir hin wollen. Hier liegt ein großes Potential an Motivation für die Kooperation: gemeinsam ein allen wichtiges Anliegen verwirklichen zu können, was allein kaum oder gar nicht möglich gewesen wäre. Dazu gehört es, die jeweiligen Stärken zu kennen - die eigenen wie diejenigen des Kooperationspartners, dazu gehört ein grundlegendes Vertrauen zueinander wie auch ein partnerschaftliches Verhalten. Und nicht zu vergessen: den gemeinsamen Gewinn wahrzunehmen und ihn zu „feiern" - auch das motiviert zu (weiterer) Kooperation.
Bedeutsam ist also in diesem Zusammenhang, sich selbst und in der Zusammenarbeit die Zielorientierung als eine grundlegende Haltung anzugewöhnen. Immer wieder zwischendurch zu fragen: Sind wir noch auf der Spur dessen, wozu Kirche da ist? Und umgekehrt: die Alltagsroutine nach den impliziten Zielen zu befragen. Bedeutsam ist hier aber auch der Mut, zu fragen: Was kann ich, was können wir weglassen? Wo sind Abschiede angesagt? Und auch der Mut, dieses anderen zu sagen. Wenn zugleich verdeutlicht wird, was statt dessen getan wird, trifft dies eher auf Verständnis.
Voraussetzungen
Die grundlegenden Voraussetzungen klingen banal, sind es aber nicht: sich füreinander interessieren, offen aufeinander zugehen, einander kennen lernen, Freude an der Andersartigkeit des anderen, Wertschätzung.
Eine weitere wichtige Voraussetzung ist theologischer Natur: Die Frage „Wozu ist Kirche da?" lautet persönlich gewendet : „Wozu bin ich angetreten?" Wenn Kirche-Sein eine sakramentale Seite hat, und wir unser Handeln pastoral nennen, kann jede/r nicht einfach seine/ihre eigenen Wege gehen.
Spiegelbildlich zu dieser inneren Motivationen passt der bereits oben erwähnte für unser Bistum Mainz gesetzte Rahmen der kooperativen Pastoral als verpflichtendes Grundkonzept.
Seither versuchen wir - so gut es geht, d.h. mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, aber doch beharrlich dranbleibend - so etwas wie eine „Kultur der Zusammenarbeit" in unserem Bistum zu entwickeln. Jede und jeder von uns trägt dafür Verantwortung. Das heißt konkret, sich immer wieder, gerade auch im Alltag zu fragen, ob ich meine Stärken (und Schwächen) in ein gemeinsames Anliegen einbringe und dies auch von anderen erwarte und einfordere.
Erste Schritte
Die ersten Schritte sind noch nicht alles, aber ohne sie wird es nichts mit der Kooperation:
- Sich kennenlernen: klingt banal, ist aber notwendig und schon ein Handeln in kooperativem Sinne.
- Aufeinander zugehen: dies impliziert den Wunsch, gemeinsam weiterzukommen.
- Sich wechselseitig informieren: diese Art von Zusammenarbeit ermöglicht schon Horizonterweiterung und stärkt Grundvertrauen und Partnerschaft.
- Aufeinander verweisen (Maßnahmen und Angebote): hier werden unterschiedliche Kompetenzen und Ressourcen genutzt für eine Vielfalt, die sonst nicht im Blick gewesen wäre.
- Sich abstimmen (Ziele und Maßnahmen): Kompetenzen und Ressourcen werden konzeptionell und zielführend verbunden zu einem Angebot, das vielfältig sein und für den einzelnen entlastend wirken kann.
- Sich arbeitsteilig spezialisieren: eigene Stärken können zur Entfaltung kommen ohne für das Ganze verantwortlich sein zu müssen.
Der Blick für das vor Ort Machbare ist wichtig, Anerkennung dessen, was jetzt möglich und gewinnbringend ist - aber auch Werbung für intensivere Zusammenarbeit.
Formen
Und was kommt nach dem „Start" in die Kooperation? Die Frage ist hilfreich, weil sie unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit offenlegt. Ist es ein spontanes, fallbezogenes Zusammenwirken? Oder zeigt sich im Wunsch nach weiterer Zusammenarbeit, dass die Beteiligten zu einer Interessengemeinschaft geworden sind - oder gar eine Fusion anstreben?
Gute Erfahrungen mit Kooperation legen eine Fortsetzung nahe, wobei zwei Grundprinzipien zur Wahl stehen: bei einer additiven Kooperation werden durch die Zusammenfassung von gleichen bzw. ähnlichen Aufgaben und Prozessen gute Erfolge mit weniger Aufwand erzielt. Eine synergetische Kooperation ist darauf aus, durch die Zusammenführung unterschiedlicher Fähigkeiten und Möglichkeiten der Kooperationspartner Neues zu schaffen, was jedem einzelnen Partner allein nicht möglich wäre.
Ich benenne diese Aspekte von Kooperation deshalb, weil sie Ihnen helfen sollen, sich die Art von Zusammenarbeit bewusst zu machen: Wollen Sie das so, oder anders - oder mehr?
Subjekte
Der Bistumsprozess veranschaulicht gut, wer Subjekt von Kooperation sein kann: natürlich zunächst Personen, die ihre Absprachen mündlich treffen können (z.B. im pastoralen Dienstgespräch). Absprachen für eine Zusammenarbeit können auch in Gruppen getroffen werden - das merken Sie auch daran, dass die Frage gestellt wird: wer schreibt Protokoll?
Schließlich können Organisationen Subjekt sein - mittels eines Kooperationsvertrages.
Strukturen
Schließlich kommen noch die Strukturen ins Spiel. Es ist etwas anderes, ob Sie auf gleicher Ebene zusammenarbeiten (also horizontal) oder ob wir die Kooperation vertikal versuchen zu gestalten. Bistumsleitung - Dekane - Leiter - pastorale Mitarbeiter/innen: Auch hier gilt, dass es zur Kooperation keine Alternative gibt. Der Rahmen und die Richtung für die Kirche im Bistum muss gesetzt sein als Orientierungspunkte für die vor Ort passenden und wichtigen Zielsetzungen. Die örtlichen Erfahrungen sind wichtig, damit der Weg des Bistums „geerdet" bleibt. Die zwischen diesen beiden Polen erforderliche Kooperation weist den gleichen Facettenreichtum auf wie bisher beschrieben.
Zum guten Schluss
Mir ist bewußt, dass der Bistumsprozess mit seiner deutlichen Akzentuierung der Kooperation eine Kulturveränderung für uns alle bedeutet. Wir alle sind dabei abhängig von gutem Willen und von der inneren Zustimmung vieler Einzelner, jeder Pfarrei und Einrichtung. Wir können den Prozess für uns selbst erschweren - oder aber uns auf die Chancen des Miteinanders einlassen, um in der kooperativen Pastoral weiterzukommen.
Diese Überlegungen zur Kooperation haben hoffentlich nicht nur das Verständnis geklärt, sondern auch zum (noch mehr) Mitmachen angeregt.
Eine Form des Mitmachens kann auch darin bestehen, meine Überlegungen zur Kooperation miteinander in den Teams, Konferenzen und Gremien zu besprechen, beispielweise unter den obengenannten Stichworten „Zustimmung - neue Aspekte - innere Sperren".
Ich freue mich über Rückmeldungen, die mir zeigen, wie meine Überlegungen bei Ihnen angekommen sind, was sich für Sie daraus für Ihre pastorale Arbeit ergeben hat - aber auch über Rückmeldungen, die das weitere Gespräch mit mir suchen.